Einen phantastischen Nachmittag haben Martin und Silvia Meier mit ihrem Helfer Franz Grossmann für die Traubenlese ausgewählt, womöglich den schönsten im bisherigen Herbst. Der Föhn treibt am Donnerstag die Temperatur noch einmal gegen 25 Grad hinauf. Vom kleinen Rebberg am Waldrand in der Niedergösger Halde, nicht weit vom Wasserkraftwerk, entdeckt der Blick die Voralpen.

Zur prallen Herbstsonne passt der Zuckergehalt der Trauben: 86 Oechsle-Grade zeigt dem Winzer das Refraktometer an. «Man sagt, ein Tag im Oktober macht ein Oechsle aus, und es stimmt: Seit letztem Freitag sind die Oechsle um fünf Grad gestiegen.»

Viele verschrumpelte Beeren

Und doch: Die Idylle täuscht, des Winzers Freude ist getrübt. Auf den ersten Blick hängen die Rebstöcke voller reifer, dunkelblauer Trauben. Wer näher hintritt, sieht bei einem grossen Teil der Trauben grau vertrocknete Beeren, dann auch rote, kraftlose, mit aufgerissener Haut. Alle diese kranken und verletzten Früchte müssen einzeln weggeschnitten werden und dürfen nicht ins Fass. Der Boden unter den Reben ist übersät von abgeschnittenen Trauben. «Der Zeitaufwand beträgt ein Mehrfaches, die Ausfälle sind riesig», seufzt Silvia Meier. Aber sie nimmt es gelassen: «Für uns ist es ein Hobby. Die professionellen Rebbauern, die vom Ertrag leben, die trifft es hart.»

«Wenn alles optimal wäre, könnten wir von unseren 150 Stöcken Blauburgunder 300 Kilo Trauben ernten, das gäbe dann 300 7-Dezi-Flaschen Wein», erklärt Martin Meier. Am Abend, nach getaner Arbeit, wird sich zeigen: Dieses Jahr sind es nur 100 Kilo. Gewisse Ausfälle hat der Freizeit-Rebbauer, im Hauptberuf Gärtner auf dem Niedergösger Inseli, bei allen seinen Ernten seit 2010 hinnehmen müssen – aber die heurige ist wohl die schwierigste.

Hauptgrund ist der nasse Sommer. Der ständige Regen im Juli begünstigte die Ausbreitung des Falschen Mehltaus, einer Pilzkrankheit, die Blattgrün und Stiele befällt, in der Folge die Beeren schwächt und sie verschrumpeln lässt. Auch der Einsatz von Spritzmitteln erfordert trockene Phasen. Zudem hinderte eine Erkrankung Martin Meier daran, jedes Zeitfenster zu nutzen.

Mehr Wind im Rebberg würde helfen

Der nasse Sommer hat auch der aus Asien eingeschleppten Kirschessigfliege behagt. Martin Meier hat dieses Jahr erstmals mit dem Schädling zu kämpfen, der seine Eier in die Trauben ablegt. Die befallenen Beeren sehen rot und unreif aus, man findet darin Maden, die den Saft der Trauben in Essig umwandeln und ungeniessbar machen.

«Mein Rebberg ist schön gegen Süden gelegen», analysiert Martin Meier, «aber er hat zu wenig Wind. Dadurch bleibt die Feuchtigkeit länger in den Reben.» Das lieben die Pilze. In den Niedergösger «Reben», einem mehr gegen Osten exponierten und höher gelegenen Gebiet, wo bis ins 19. Jahrhundert Weinbau betrieben wurde, sei viel mehr Bise zu spüren, meint Meier.

Natürlich reuen ihn die Schäden. «Der Aufwand durchs Jahr hindurch war ja gleich hoch – nur der Ertrag ist kleiner.» Aber er lässt sich die Freude an seinen Reben nicht verderben: «Die Arbeit im Rebberg mache ich einfach gern.» Nicht nur die Weinlese an einem warmen Oktobertag macht ihm Spass, auch das Schneiden im Winter. «Es ist mein Hobby, das ich im Blick auf meine Pensionierung in ein paar Jahren aufgebaut habe.» Und: Er sei immer noch ein Anfänger und lerne jedes Jahr dazu.

Der 2014er wird rar

Das geerntete Traubengut liefert Meier dem professionellen Küttiger Weinbaubetrieb Wehrli zum Keltern ab. Sein Niedergösger Pinot noir trägt den Namen «Falkensteiner». Den Wein, von diesem Jahrgang halt nur 100 Flaschen, verwendet er privat und als Geschenk. Der rare 2014er wird noch kostbarer als sonst. Im dunkelroten Wein wird die Erinnerung an ein ganz schwieriges Rebbaujahr liegen – und an einen wunderbaren Erntetag.