Kolumne

Die alte Dame von Gänsbrunnen

Einer der ältesten Bäume der Schweiz ist in Gänsbrunnen zu finden. (Archivbild)

Einer der ältesten Bäume der Schweiz ist in Gänsbrunnen zu finden. (Archivbild)

Das Thal hat in den letzten Jahren ein neues Image bekommen. Stand es lange Zeit scheinbar im Abseits, da es etwas versteckt neben den grossen Zentren liegt und nicht mit den industriellen sowie demografischen Entwicklungen des Kantons im Gleichschritt ging, so hat sich dies inzwischen grundlegend gewandelt

Der Dichtestress in den Städten, Probleme mit dem Grundwasser in anderen Teilen des Kantons und ein viel stärkeres ökologisches Bewusstsein in der Bevölkerung haben dazu geführt, dass dem noch sehr ursprünglichen und relativ dünn besiedelten Gebiet zwischen Holderbank und Gänsbrunnen plötzlich Qualitäten zugesprochen werden, die zuvor nur den Bewohnern offensichtlich gewesen sind.

Natürlich hat die Gründung des Naturparks Thal viel dazu beigetragen, die Stärken des Thals hervorzuheben und medial schweizweit bekannt zu machen. Es ist auch gelungen, die Zusammenarbeit zwischen den Thaler Gemeinden in nicht wenigen Bereichen zu konsolidieren und verbessern. All dies schärfte wiederum den Blick auf Besonderheiten in der nächsten Umgebung.

Sie ist einer der ältesten Bäume der Schweiz, geschätzte 1500 Jahre alt und steht praktisch vor unserer Haustüre. Oder zumindest fast. Es geht um die alte Dame von Gänsbrunnen, ein knorriges, sich um die eigene Achse windendes Wunder aus Holz. Wie viele Stürme hat sie wohl überstanden, oben, im steilen Jurawald? Sie hat – zumindest theoretisch – die ersten Alemannen, die sich während der Völkerwanderung im Thal niederliessen, beim Vorbeigehen gespürt und als die Eidgenossenschaft gegründet wurde, war sie schon stolze 771 Jahre alt.

Die alte Dame ist eine Eibe, ein sehr langsam wachsender Baum, der in zehn Jahren vielleicht 30cm wächst, was der Länge eines Lineals entspricht. Oft sind alte Eiben hohl, da sie wie ein gedrehtes Rohr um die eigene Achse wachsen. Dies verleiht dem Stamm eine grosse Stabilität, ohne ein grosses Gewicht aufzubauen. Die genaue Bestimmung des Alters ist somit schwierig, da die Wissenschaftler mit der Methode der Dendrochronologie keine Kernbohrung machen können, um die Anzahl der Jahresringe zu bestimmen. Aber die zahlreichen Jahresringe auf der Teilprobe lassen sogar die Vermutung zu, dass die Eibe noch älter als 1500 Jahre ist.

Auch wenn sie schon ein bisschen zerzaust aussieht, bleibt man doch ehrfürchtig vor ihr stehen. Und zu Recht, nicht nur des Alters wegen. Eiben sind hochgiftig, zwei Gramm des Wirkstoffes Taxol sind für den Menschen tödlich und sicher auch der Grund, weshalb Wildtiere die Eibe meiden. Ein Baum, der zum perfekten Überlebenskünstler in einer rauen, aber wunderbaren Gegend geworden ist.

Den Besuch bei der alten Dame muss man sich verdienen. Durch eine spektakuläre Schlucht geht es bis auf gut 1000 Meter den Berg hinauf, wobei der Weg eher einem kaum erkennbaren Kletterpfad entspricht. Es gibt auch den einfacheren Zugang über einen gemergelten Waldweg, den man für das letzte Stück verlassen muss, um die alte Dame im steilen Waldstück zu finden.

Wenn ich sie genau betrachte, hat sie etwas Welsches an sich, die alte Dame. Eine gewisse Leichtigkeit und Verspieltheit, sicher aber hat sie einiges…genug der Klischees. Sie steht auf bernjurassischem Boden und deshalb darf ich sie nicht mehr «die alte Dame von Gänsbrunnen» nennen. Aber «la vieille dame de Crémines» tönt ja auch nicht schlecht. Ihr ist das sicher ganz egal, denn sie hat schon seit geraumer Zeit ihren Platz für ein gutes und langes Leben gefunden, als von Gänsbrunnen und Crémines noch überhaupt nicht die Rede war.

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