In Schönenwerd sind die Italiener noch die «Campioni» unter den Ausländern: 13 Jahre nach dem Auszug von Bally leben in der früheren Schuhkapitale noch immer dreimal soviele Italiener wie Deutsche oder Türken. Auch in der Stadt Olten sind die Italiener Nummer 1. Dasselbe gilt für den Kanton Solothurn insgesamt.

Doch während die Zahl der Italiener stagniert oder gar zurückgeht, holen die Deutschen unaufhaltsam auf. Dass sie in einigen Jahren die Spitze übernehmen werden, scheint sicher. Wenn die grösste Ausländergruppe Deutsch spricht, Deutsch versteht und dementsprechend mitredet, wird das die Ausländer-Debatte im Schweizerland hörbar verändern.

Unaufhaltsam an die Spitze

Das Dorf, wo man «die Deutschen» in der Region Olten am besten kennt, ist die 3865-Seelen-Gemeinde Lostorf. Hier stellten Zuzüger aus dem grossen Kanton schon Mitte der 1990er Jahre die grösste Gruppe unter den Nichtschweizern. Wobei sie bis ums Jahr 2000 noch Kopf an Kopf mit Italienern und Jugoslawen lagen und diesen auch mal den Spitzenplatz überliessen. Aber heute haben die Deutschen alle «Konkurrenten» abgehängt. Der Trend ist eindrücklich: Von 45 im Jahr 1995 stieg die Zahl der «Lostorf-Deutschen» bis 2010 auf den Höchststand von 152. Auffällig der Sprung von 80 auf 135 allein im Jahr 2007. Seit dem 1. Juni 2007 gilt für Bürger der «alten» EU, inklusive Deutschland, die volle Personenfreizügigkeit.

Aktuell (Ende 2012) sind 140 Deutsche in Lostorf ansässig. Zum Vergleich: Italiener gibt es in Lostorf keine 100. Von den Ausländern im Dorf machen die Deutschen 35 Prozent aus. Im Kanton Solothurn sind es erst 16 Prozent; in Olten 12 Prozent, in Schönenwerd 11 Prozent. Nicht die absolute Zahl, sondern der hohe Anteil macht Lostorf zum «Germanen-Eldorado» der Region Olten.

Sie fallen nicht auf – meistens

Aber wer sind sie, die Lostorfer «Tütschen»? Ein sehr hoher Anteil ist erwerbstätig: 80 als Facharbeiter, 20 als Akademiker. Unter anderem sind elf Deutsche in Spitälern beschäftigt, fünf im Kernkraftwerk, drei bei der SBB. In der Wohnsituation scheinen sie sich kaum von den Schweizern zu unterscheiden, die in Lostorf überwiegend in Einfamilienhäusern leben. Wobei 17 deutsche Staatsangehörige in Appartements des Bad Lostorf wohnen.

Gemeindeschreiber Markus von Däniken, der uns diese Auskünfte erteilt, windet den Deutschen ein Kränzchen: «Der Kontakt ist angenehm. Wir haben auch schon positive Rückmeldungen bezüglich der freundlichen Bedienung erhalten.» Aus den Schulen gebe es keine Klagen über sie, im Gemeinderat waren deutsche Einwohner nie ein Thema: «Sie fallen nicht speziell auf.»

Erst auf Nachfragen fügt der Chef der Gemeindekanzlei, der auch Anlaufstelle für die fremdenpolizeilichen Belange ist, hinzu: «Es kommt vor, dass sie sich nicht an- oder abmelden. Das betrifft etwa befristet hier tätige Handwerker. Unschön, kommt aber auch bei Schweizern vor.» Und: Die Erwartungshaltung der Deutschen an die Amtsstellen sei höher. «Bei Arbeitslosigkeit wissen sie bestens Bescheid und fordern ihre Rechte auch ein.» Wobei Zuzüger aus dem süddeutschen Raum seltener von Arbeitslosigkeit betroffen seien als solche aus dem ehemaligen Osten.

Wenn sie auf soziale Unterstützung angewiesen seien, gehe es ihnen in der Schweiz besser, als dies in Deutschland der Fall wäre. Und das sei ihnen auch bewusst. Man muss eine gute Portion Vorstellungskraft – oder Vorurteile? – aufbringen, um aus von Dänikens stets korrekten Antworten den Tonfall des einen oder andern hochdeutschen Gesprächs am Gemeindeschalter heraushören zu können. Auch den Unterschied zwischen Deutschen und anderen Ausländern im Dorf bringt der Gemeindeschreiber trocken auf den Punkt: «Die Sprache.» Von der Mentalität her seien Deutsche den Schweizern schon näher als etwa Einwanderer aus dem Balkan.

Sogar die Landfrauenpräsidentin ist Deutsche

Trotz der sprachlichen Nähe dürfte die Sprache, genauer die Aussprache, das Auffälligste an den Deutschen in Lostorf sein. Denn sie sind entweder gut integriert, oder dann leben sie zurückgezogen für sich. Von einem Deutschen-Verein weiss Markus von Däniken nichts, nicht einmal von einem informellen Treffpunkt. Im Gegenteil: In Lostorf hat sogar der Landfrauenverein, in dem man ein Refugium traditionsbewussten Schweizertums vermuten würde, eine deutsche Präsidentin: Ein Jahr nach ihrem Vereinsbeitritt wurde Judith Propp Anfang 2012 flugs an die Spitze der Lostorfer Landfrauen gewählt.

Bleibt die Frage, was den Deutschen so viel Lust auf Lostorf macht. «Die ruhige, ländliche und schöne Wohnlage», meint der Gemeindeschreiber. «Und der kurze Arbeitsweg. Dass Olten und Aarau gut und rasch erreichbar sind.»

Einige Relationen zum Schluss. Im ganzen Kanton Solothurn leben knapp 8000 Deutsche (3 Prozent der Gesamtbevölkerung). In Olten (rund 600) und sogar in Schönenwerd (190) sind sie zahlreicher als in Lostorf (140). Fakt ist, dass Lostorf von der Migration der 1950er und 1960er Jahre (Italiener), aber auch der 1990er Jahre (Jugoslawen, Türken) kaum berührt wurde. Noch heute erreicht der Ausländeranteil mit rund 10 Prozent kaum die Hälfte des Kantonsdurchschnitts. – Nur so eine Frage: Lieben die Deutschen Lostorf vielleicht als einen Ort, wo es wenig Ausländer gibt?