Wer sich für die Geschichte von Oensingen interessiert, dem stehen mehrere Publikationen zur Verfügung – gesetzt der Fall, sie sind noch erhältlich. Zum einen «1000 Jahre Oensingen», erschienen 1968 anlässlich des Gemeindejubiläums, Redaktion Bruno Rudolf. Ferner «Oensingen im Wandel der Zeiten» von Max Kamber, erschienen 1973; Kamber beruft sich dabei auch auf das vorgenannte Werk, noch mehr aber auf jenes von Pfarrer Emil Probst «Ortsgeschichte von Oensingen», erschienen 1932. Und die Bürgergemeinde hat 1993 zu ihrem 75-jährigen Bestehen eine «Bildersammlung von Oensingen» herausgegeben.

Aus diesen verschiedenen Quellen hat Werner Stooss Fakten zusammengetragen und daraus mit längeren und kürzeren Auszügen eine Art Fortsetzungsgeschichte geschaffen, in der Regel mit Hinweis auf die Quelle. Den Anfang machen Funde aus der Zeit um das Jahr 14 000 vor Christus. Nun liegt eine Chronologie von Ereignissen der letzten 200 Jahre vor. Genau genommen sind es 206 Jahre, denn die Chronologie reicht zurück ins Jahr 1798, als in Oensingen die Franzosen einzogen und ein Freiheitsbaum aufgerichtet wurde. Genau 200 Jahre sind es hingegen her, seit das erste Schulhaus an der Kirchgasse gebaut wurde. Werner Stooss hat die Eckdaten in Kapitel eingeteilt: Gemeinde, Schule, Infrastruktur und Bauwesen, Verkehr, Planung.

Kartoffeln für den Eigenanbau

Zwei Themen behandelt der Verfasser ausführlich: die Armut und Auswanderungswelle sowie die Industriealisierung. Ab 1847 folgten mehrere Jahre mit Missernten. Die Zahl der Unterstützungsbedürftigen war gross, als eine Massnahme kaufte die Gemeinde 60 Körbe Kartoffeln, die für den Eigenanbau gratis abgegeben wurden. Ganze Familien wanderten in Richtung Amerika aus, teilweise mit Unterstützung der Gemeinde. Wobei die Zahl der Auswanderer gegenüber anderen Gemeinden relativ klein geblieben sei. Bestimmt habe sich die Verdienstmöglichkeit im nahe gelegenen und florierenden Eisenwerk Klus günstig ausgewirkt.

Der Einfluss der von Roll

Dieses Eisenwerk habe im Jahr 1888 nach einem ungeahnten Aufschwung 334 Personen beschäftigt, zehn Jahre später bereits mehr als doppelt so viele. Der Weg zum Arbeitsort wurde zu Fuss zurückgelegt, ums Jahr 1920 konnten die Männer dann auf einen Lastwagen steigen und mitfahren. 1916 zählte das von Roll’sche Eisenwerk 1600 Beschäftigte, die Firma liess an der Solothurnstrasse in Oensingen Wohnungen bzw. Mehrfamilienhäuser erstellen, die bis heute erhalten sind. Diese Gebäude mit den Nummern 63 65, 67 und 69 stehen seit 1985 unter Denkmalschutz. In der Begründung heisst es: «Die Häuser bilden ein Ensemble von hoher Einheitlichkeit und hervorragender Qualität. Vom historischen Aspekt her bilden sie das wichtigste und in dieser Form einzigartiges Zeugnis der Industriealisierung Oensingens.»

Überhaupt wurde das Eisenwerk – nicht nur in Oensingen, sondern gleich in der ganzen Region – zu einem dominierenden Wirtschaftsfaktor. «Arbeiter und leitende Angestellte hatten auch politische Ämter inne», schreibt Werner Stoss, «eine gewisse Einflussnahme auf die Entwicklung des Dorfes ist nicht abzustreiten.» Kleinere Betriebe seien aufgekauft, die Rechte an der Dünnern an sich gezogen worden. Fremden Interessenten wie etwa der Schuhfabrik Bally habe man von Seiten der von Roll das Land rechtzeitig vor der Nase weggeschnappt.

Für alle zugänglich

Der Verfasser der soeben erschienenen Chronologie sowie der weiteren Auszüge, Werner Stooss, wohnt gleich unterhalb des Schlosses und gehört zu jenen Einwohnern von Oensingen, die der Verein Freunde Neu-Bechburg mit dem Ritter-Orden ausgezeichnet hat. Von Stooss ist denn auch im Jahr 2007 die Broschüre «Rund ums Schloss Neu Bechburg ab 1835» erschienen. Seine weiteren Publikationen zum Dorf haben einen praktischen Vorteil: Sie sind für alle zugänglich via Homepage der Gemeinde (siehe Schluss des Artikels). Vom Bildschirm aus lässt sich über Neuzeit und Mittelalter zurückreisen bis in die Steinzeit, als sich ums Jahr 14 000 vor Christus erste Bewohner in der Rislisberghöhle niederliessen.