Härkingen

Der Unfallfahrer verletzte beim Überholen seine Sorgfaltspflicht

Die Polizei am Tag nach dem Unfall bei der Spurensicherung.

Die Polizei am Tag nach dem Unfall bei der Spurensicherung.

Das Amtsgericht Thal-Gäu befasste sich mit einem Unfall, bei dem Ende 2011 ein 17-jähriger Lehrling aus Kappel von einem aus der Gegenrichtung überholenden Auto erfasst und tödlich verletzt wurde. Das Urteil der Staatsanwaltschaft wurde verschärft.

Der Unfall des 17-jährigen Lehrlings aus Kappel, welcher am 22. Dezember 2011 kurz vor 17.30 Uhr auf dem Heimweg von seinem Lehrbetrieb in Fulenbach von einem aus der Gegenrichtung überholenden Fahrzeug erfasst und tödlich verletzt wurde, machte schweizweit Schlagzeilen und löste grosse Betroffenheit aus.

Der Unfallfahrer, ein damals 29-jähriger Deutscher, wurde dafür von der Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 60 Franken, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren, verurteilt. Mit diesem Strafbefehl wollte sich der im Gäu wohnhafte Mann aber nicht abfinden, weil er der Auffassung ist, am Tag des Unfalls nichts falsch gemacht zu haben.

Dies versicherte er auch Amtsgerichtspräsidentin Barbara Steiner vom Amtsgericht Thal-Gäu beim am Donnerstagmorgen durchgeführten Augenschein auf der Unfallstelle. «Vom Gäupark kommend fuhr ich hinter einem langsam fahrenden Auto in Richtung Fulenbach. Als dieses nach dem Ortsausgang von Härkingen weiter nur so um die 50 km/h gefahren ist, habe ich auf der durch den Wald führenden Geraden mit etwa 75 bis 80 km/h zum Überholen angesetzt», berichtete der Mann.

Als er nach einem Seitenblick auf das überholte Fahrzeug wieder auf seine Fahrbahn habe einbiegen wollen, habe es einen lauten Knall gegeben und die Windsschutzscheibe sei ihm ins Gesicht geflogen. «Was diesen Knall verursacht hat, habe ich nicht gesehen, es war ja bereits dunkel», führte der heute 31-Jährige aus. Einen Lichtkegel des entgegenkommenden Fahrrades habe er nicht bemerkt. Die auf dem Beifahrersitz mitfahrende Lebensgefährtin bestätigte diese Aussage. «Wir glaubten zuerst, dass ein Ast auf unser Auto gefallen sein könnte», so die 28-jährige Deutsche.

Leuchtendes Vorderlicht auf Strasse

Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte. Das Auto des Pärchens hatte den 17-jährigen Lehrling samt seinem Velo seitlich frontal erfasst. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Jugendliche so schwer verletzt, dass er noch auf der Unfallstelle verstarb. Zwei zum Augenschein aufgebotene Polizeibeamte bestätigten, dass es zur Unfallzeit bereits völlig dunkel war. Die Strasse sei feucht gewesen, es habe leicht genieselt. Auf der Strasse fanden die Beamten neben vielen Trümmerteilen auch das noch leuchtende Vorderlicht des Fahrrades.

Die ebenfalls beim Augenschein anwesende Mutter des Opfers erörterte in der im Gerichtsaal weitergeführten Verhandlung, dass am Tag des Unfalls der Vorgesetzte ihres Sohnes angerufen habe. «Er sagte mir, dass unweit des Lehrbetriebes ein Unfall passiert sei und dass mein Sohn darin verwickelt sein könnte. Wir haben auf meinen Sohn gewartet, um gemeinsam den Geburtstag meiner Mutter zu feiern.» Nach diesem Anruf habe sie es aber nicht mehr ausgehalten und sei mit einer Nachbarin nach Härkingen gefahren.

Sicherheitskräfte hätten sie aber daran gehindert, den Unfallort aufzusuchen. Ein Feuerwehrmann habe danach erklärt, dass in den Unfall zwei Autos verwickelt seien. «Ich war erleichtert und bin wieder nach Hause gefahren», führte die von ihrem Mann und dem jüngeren Bruder des Opfers begleitete Frau weiter aus.

Unfallfahrer wollte sich bei Familie entschuldigen

Unfallfahrer wollte sich bei Familie entschuldigen

Zwei Polizeibeamte hätten ihr dann aber etwas später die schreckliche Botschaft überbracht, dass ihr Sohn bei einem Unfall ums Leben gekommen sei. «Ich habe nur noch geschrien und bin zusammengebrochen», schilderte die Frau dem Gericht die dramatische Situation. Danach sei sie verstummt und eine grosse Leere habe sich in ihr ausgebreitet. «Statt Geburtstag zu feiern, herrschte Ohnmacht, Trauer und Chaos.» Eine gewisse Zeit habe sie Antidepressiva-Medikamente einnehmen müssen, um mit dem Verlust ihres Sohnes fertig zu werden.

Späte Kontaktaufnahme schmerzt

Am meisten Mühe hatte die Opferfamilie aber damit, dass sich der Unfallverursacher lange nicht bei ihr gemeldet hat, obwohl sie ihn hatte wissen lassen, dass sie ihn nicht verurteilte. Sie bezweifle inzwischen auch, so die Mutter, dass der Beschuldigte den erst Mitte Februar verfassten Brief aus eigenem Antrieb geschrieben habe. «Ich kann nicht verstehen, wie man so wenig Zivilcourage haben kann», sagte die nach aussen ruhig wirkende Frau in Richtung des Beschuldigten.

Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann, welcher bei der Schilderung des harmonischen Familienlebens immer wieder in Tränen ausbrach.

Keine sichtbaren Gemütsregungen konnten beim mit einem dunklen Pulli und schwarz gestreiften Hosen gekleideten Beschuldigten ausgemacht werden, obwohl dieser mehrfach erwähnte, dass ihm die ganze Sache sehr leidtut. Er könne den Schmerz der Familie nachvollziehen, auch weil er selbst zwei Kinder mit seiner Lebenspartnerin habe. «Und für diese muss ich sorgen, auch wenn das an dieser Stelle hart klingt.»

Mit der Familie des Opfers sei er nicht umgehend in Kontakt getreten, weil er mit der Situation überfordert gewesen sei. Vergessen werde er den tragischen Unfall aber nie, insbesondere weil er als aktiver Feuerwehrmann immer wieder in Situationen gerate, wo alles wieder hochkomme. Der Beschuldigte erwähnte ferner, dass er den LKW-Führerschein anstrebe, die MFK aber die Prüfung wegen des laufenden Verfahrens ausgesetzt habe.

Akku der Lampe hatte noch Strom

Für die Anklage habe sich nichts geändert, erklärte Staatsanwalt Michael Leutwyler beim Plädoyer. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft habe der Beschuldigte beim Überholvorgang seine Sorgfaltspflicht verletzt.

Das Verschulden des Unfallverursachers wiege schwer, auch weil seine Lebenspartnerin und die gemeinsamen zwei Kinder im Auto mitgefahren seien und deren Leben dadurch auch gefährdet gewesen sei. Leutwyler beantragte, die Strafe auf 180 Tagessätze zu je 90 Franken zu erhöhen, zuzüglich einer Busse von 2000 Franken sowie der Verfahrenskosten.

Zweifel einzustreuen versuchte Pflichtverteidigerin Stephanie Selig, Solothurn, indem sie die These aufstellte, dass die Lampe gar nicht am Velo angebracht gewesen sei und zu wenig Leuchtkraft gehabt habe. Entkräftet wurde Letzteres mit der im Gericht eingeschalteten Lampe, die auch eineinhalb Jahre nach dem Unfall noch beachtlich hell leuchtete.

Sorgfaltspflicht verletzt

Das Gericht kam nach eingehender Beratung zum Schluss, dass der Beschuldigte seiner Sorgfaltspflicht beim Überholvorgang nicht nachgekommen und deswegen fahrlässiger Tötung schuldig zu sprechen ist. Das Gericht geht davon aus, dass der Mann die funktionierende Lampe hätte sehen müssen. Bei der Urteilsbemessung geht das Gericht mit 90 Tagessätzen zu je 70 Franken, bedingt aufgeschoben auf zwei Jahre, leicht unter den Antrag der Staatsanwaltschaft.

Der als Privatkläger auftretenden Opferfamilie muss der Verurteilte zudem Schadenersatz im Betrag von 15 137 Franken entrichten. Dazu kommen für den Vater und die Mutter eine Genugtuung von jeweils 35 000 Franken sowie für den 15 Jahre alten Bruder des Opfers eine solche von 10 000 Franken.

Des Weiteren wurden ihm die Anwaltskosten der Privatkläger in der Höhe von 11 237 Franken auferlegt. Die Honorarnote für die amtliche Verteidigerin in der Höhe von 8966 Franken wird von der Staatskasse getragen. Wenn es die Einkommensverhältnisse des Verurteilten aber zulassen, muss dieser der Betrag zurückbezahlt werden. Die Verfahrenskosten von 13 500 Franken müssen ebenfalls vom Unfallverursacher übernommen werden.

Meistgesehen

Artboard 1