Seit dem 1. Juni vertreten Sie die Schweiz als Botschafter in Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas. Wie lange haben Sie bereits als Chef der Entwicklungszusammenarbeit (Deza) in La Paz gelebt, und was gefällt Ihnen am Land?

Peter Bischof: Ich habe von September 2011 bis Februar 2013 als Chef des Kooperationsbüros der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, kurz Deza, in Bolivien gearbeitet und seit dem 1. Juni nun als Botschafter. Bolivien kenne ich aber schon länger von Berufsreisen meiner früheren Tätigkeit als Chef der Lateinamerikaabteilung bei der Deza in Bern. Bolivien ist ein grosses und exotisches Land und fasziniert mich. Rund vierzig Prozent der Bevölkerung sind Indigene, die noch ihre ursprünglichen Organisationsformen und Traditionen leben. Bolivien hat auch wunderschöne Landschaften, wie den bekannten Titicacasee auf rund 4000 Metern Höhe, aber auch interessante Gebiete im Amazonasbecken mit einer fantastischen Flora und Fauna.

Was prägt die Beziehungen zwischen Bolivien und der Schweiz?

Die Schweiz unterhält seit 1946 diplomatische Beziehungen mit Bolivien. Insgesamt leben in Bolivien 1000 Auslandschweizer und -schweizerinnen, teilweise der zweiten und dritten Generation. Von den grösseren Unternehmen sind vor allem Glencore und Nestlé vertreten. Wichtigster Pfeiler der Beziehungen ist das Entwicklungsprogramm Schweiz-Bolivien. Seit 1969 unterstützt die Schweiz Bolivien beim Überwinden der Armut. In diesem Jahr hat der Direktor der Deza eine neue Phase der Zusammenarbeit für die Jahre 2013 bis 2016 bewilligt. In zehn Projekten investieren wir jährlich rund 28 Millionen Franken.

Welche Rolle spielt die Botschaft eines Landes – was ist falsch am Klischee der «Champagner-Diplomatie»?

Das Pflegen von nützlichen Beziehungen zu massgebenden Kreisen in Politik, Regierung und Wirtschaft sowie Vertreterinnen und Vertretern anderer Länder ist zentral für unsere Arbeit. Dies geschieht bei formalen Sitzungen, aber natürlich auch bei informellen Treffen wie Cocktails, Empfängen oder Nachtessen. Dabei stehen der Informationsaustausch und das Aufbauen vertrauensvoller Beziehungen im Fokus. Ich persönlich ziehe bei diesen Events Fruchtsaft und Mineralwasser vor.

Welche Aufgaben haben Sie als Botschafter in der Entwicklungszusammenarbeit, und wie eng ist die Zusammenarbeit mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit?

In Ländern wie Bolivien, wo die Entwicklungszusammenarbeit der wichtigste Pfeiler der bilateralen Beziehungen darstellt, ist die Deza Teil der Botschaft, und der Botschafter ist auch verantwortlich für die strategische Ausrichtung des Entwicklungsprogramms. So bin ich unter anderem zuständig für die Identifikation und Planung neuer Projekte, für die Verhandlungen mit der Regierung und für die Koordination mit anderen Gebern. Zudem besuche ich die laufenden Projekte im Feld, um die Projektfortschritte und die Situation der Bevölkerung zu beobachten.

Welche Fortschritte beobachten Sie in der Entwicklung Boliviens?

Bolivien erzielte in den letzten zwanzig Jahren grosse Fortschritte, bleibt aber trotz der Senkung der extremen Armut von 41 auf 21 Prozent das ärmste Land Lateinamerikas. Auch die Unterernährung konnte von 38 auf 20 Prozent reduziert werden. Diese Werte liegen aber immer noch zwei bis drei Mal höher als der Durchschnitt in Lateinamerika. Diese Fortschritte sind einerseits den Beiträgen der Entwicklungszusammenarbeit zu verdanken, aber auch einer umsichtigen Wirtschaftspolitik und guter Weltmarktpreise für Rohstoffe wie etwa Gas, Mineralien oder Soja. Beides führte dazu, dass Bolivien in den letzten Jahren Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent verzeichnen konnte.

Welche Annehmlichkeiten oder Produkte der Schweiz vermissen Sie in Bolivien am meisten?

Wir fühlen uns in Bolivien sehr wohl. Natürlich ist das Leben in La Paz auf einer Höhe von 3500 bis 4000 Metern gewöhnungsbedürftig, weil die Luft dünn und sehr trocken ist. Was mir am meisten fehlt, sind die Familie, der Wechsel der Jahreszeiten, Spaziergänge in den Wäldern, feiner Käse und exquisite
Patisserie.

Sie leben mit Ihrer Frau in La Paz. Wie erleben Sie den Alltag?

Unser Alltag ist voll ausgefüllt mit den abwechslungsreichen Aufgaben. Meine Frau arbeitet als Freiwillige bei einer NGO in der Berufsbildung. Daneben bleibt etwas Zeit für Hobbys wie Sport, Filme und Literatur. Am Sonntag «skypen» wir jeweils ausgiebig mit den Kindern in der Schweiz. Die zwei älteren stehen als Betriebspsychologin und als Arzt bereits seit ein paar Jahren im Berufsleben, und der Jüngste hat eben sein Studium als Betriebswirtschafter beendet.