Das Wohnzimmer im Haus von Familie Kaufmann lässt sich irgendwo zwischen englischem Landhausstil und Shabby Chic einordnen: helle Holzmöbel, weiss gestrichenes Dachgebälk, bunte Blumenkissen auf dem ausladenden Sofa. Weisse Holzbuchstaben auf dem Fenstersims formen den Schriftzug «HOME».

Und Blumen fallen ins Auge, viele Blumen: auf dem Sofatischchen ein Strauss aufgeblühter roter Tulpen, gelbe Rosen im Eck, ein Gesteck mit weissen Ranunkeln auf dem langen hölzernen Esstisch. «Ich mag es heimelig», erklärt Anita Kaufmann, neu gewählte CVP-Kantonsrätin aus Kestenholz. Die Dekoration im Haus ist ihr Werk. 

Verwurzelt und vernetzt im Dorf

Sie serviert Kaffee, sagt lächelnd: «Langsam kommt die Freude.» Als sie von ihrer Wahl in den Kantonsrat erfuhr, sei sie im ersten Moment konsterniert gewesen. Sie hatte sich keine realistischen Chancen auf einen Sitz ausgerechnet: «Ich dachte, die Bisherigen kommen wieder rein.»

Die «jung gebliebene 50-Jährige», wie sie sich selbst nennt, ist seit zwölf Jahren Gemeinderätin in Kestenholz. Acht Jahre davon war sie für Soziales und Gesundheit verantwortlich, in der auslaufenden Legislatur für das Ressort Bildung und Jugend. Was sie in dieser Zeit erreicht hat? Sie nennt den Mittagstisch, den sie mitaufgebaut hat, sie war im Ausschuss für den Schulhausneubau, begleitete die Zusammenlegung der Spitex Kestenholz-Fulenbach-Wolfwil.

Schon ihr Vater politisierte für die CVP im Dorf. Politik sei zu Hause immer ein Thema gewesen, erzählt Kaufmann. Eine andere Partei sei auch für sie nie infrage gekommen: Familie, Mittelstand, christliche Werte seien ihr wichtig. Ist sie denn religiös? Ja, sagt sie. «Nicht, dass ich jeden Sonntag in die Kirche gehe.» Aber als Christin lebe sie den Glauben und kümmere sich um ihre Mitmenschen.

Dass sie künftig im Kantonsrat politisieren wird, hat auch damit zu tun, dass «man sich eben kennt in der Region»: «Der Amteipräsident dachte, das Amt als Kantonsrätin wäre was für mich», erzählt sie. Sie sei in letzter Sekunde angefragt worden – die Nomination war bereits durch, aber ein Listenplatz war noch frei. «Ich war gerade frisch zurück aus den Ferien, noch voll im Jetlag, und hatte ein Wochenende Zeit zum Überlegen.» Der Partei zuliebe habe sie sich auf die Liste setzen lassen. Erst während des Wahlkampfs habe es ihr schliesslich «den Ärmel reingezogen».

In Kestenholz erfuhr sie grossen Rückhalt: Im Dorf erhielt sie mehr Stimmen, als der Ort Einwohner hat. Das Dorf und die Region bedeuten Kaufmann viel. Hier sei sie aufgewachsen und fest verwurzelt; ihre drei Geschwister wohnen hier, ihre Eltern, auch die von zu Hause ausgeflogenen Kinder. «Wir sind eine richtige Familienbande», sagt sie, der Zusammenhalt sei sehr gross. Und sie kenne die meisten Leute im Dorf, denn sie sei eine offene Person. Jeden Tag koche sie Zmittag, irgendwer komme immer zum Essen: ihr Mann Andreas, der im 100-Prozent-Pensum als Heizungssanitär tätig ist, oder eines ihrer drei Kinder im Alter zwischen 19 und 23 Jahren.

Kaufmann selbst ist diplomierte Pflegefachfrau. Sie arbeitet im Stundenlohn, vierzig bis sechzig Prozent als stellvertretende Einsatzleiterin bei der Spitex Wolfwil-Fulenbach-Kestenholz. Im Kantonsrat möchte sie auf dieselben Themen setzen wie schon im Gemeinderat: Angebote wie Altersheime oder Demenzzentren für betagte Menschen und berufliche Perspektiven für Junge liegen ihr am Herzen. Sie würde sich gerne in der Sozial- und Gesundheitskommission und der Bildungs- und Kulturkommission einbringen. Erst müsse sie aber sehen, wohin es sie verschlägt. «Dann werde ich schauen, was ich bewegen kann.» Den Kantonsratsbetrieb kennt sie erst vom Hörensagen. «Letzte Woche habe ich mir die Homepage mal angeschaut und mir die Sitzungsdaten notiert.» Sie ist extrem gespannt, was sie erwartet.