Thomas Jäggin

Der Lastwagenchauffeur ist nicht nur im Sternzeichen ein Steinbock

Thomas Jäggin ist Lastwagenchauffeur und liebt die Berge. Sein Hausberg und Spielplatz ist die Leenflue – aber er will höher hinaus.

Da war dieses Video.

Ein Felsgrat – nackter Jurakalkstein – weniger als einen halben Meter breit. Links und rechts Leere. 50 Meter Gefälle zu beiden Seiten und tief unten die Baumwipfel. In der Ferne die Gäuer Dörfer, die in der Ebene liegen. Thomas Jäggins Schatten arbeitet sich den kantigen Fels hoch, während seine Hände den vom Wasser zerfressenen Kalkstein greifen. «Das wäre die schmalste Stelle», kommentierte er das Video in den sozialen Medien. «Sorry aber ich bin nur vom Sternzeichen her Steinbock», antwortete jene Person, die sich erkundigt hatte, ob denn jemand schon einmal die gesamte Leenflue abgelaufen habe.

Thomas Jäggin: Der Lastwagenchauffeur, der die Berge liebt

Thomas Jäggin: Der Lastwagenchauffeur, der die Berge liebt

Thomas Jäggin ist nicht bloss einmal hoch. Und der Oensinger ist nicht nur im Sternzeichen Steinbock. Die Leenflue ist sein Spielplatz. Ja, er erzähle gerne etwas über die Leenflue, teilt er in einer Sprachnachricht über Messenger mit. In seiner Stimme liegt diese Ruhe, die ein Alpinist wohl in sich trägt. Im Hintergrund brummt sein Lastwagen.

Die Suche nach Weite stillt die Leenflue nicht

«Der Respekt davor, dass du mal stürzen könntest, ist präsent», sagt Jäggin tags darauf am Telefon. «Wenn du am Seil bist und zu rutschen beginnst...» Wenn er allein auf den Felsgrat geht, ohne sich zu sichern, ist die Frage, die ihm durch den Kopf geht, eine andere. Hält der Stein oder lässt er nach? Einmal habe er einen Tritt nicht erwischt. Der 35-Jährige konnte sich zwei Meter weiter unten auf einem Felsvorsprung wieder fangen. «Ohne dieses Glück, hätte es bestimmt einen Spitalbesuch gegeben», sagt er.

Trotzdem gehört das Risiko für ihn ein wenig dazu. Auf den kurzen Leenflue-Expeditionen nimmt Thomas Jäggin auch mal trainingshalber einen schweren Rucksack mit, den er auch über die schmalste Stelle, den sogenannten Geissrücken, schleppt. Auch wenn er sich hier nicht im hochalpinen Gebirge bewegt, vermag ihm die Leenflue ein wenig dieses Gefühl zu geben. Jedoch kennt er in dieser Ecke jeden noch so kleinen Pfad. Der Lastwagenchauffeur wohnt unterhalb der Leenflue an der Lehnfeldstrasse. Während andere Wandern gehen, klettert er ungesichert den Felsgrat hoch.Aber auf der Leenflue fehlt ihm die Weitsicht auf die 4000er. «Wenn ich Zeit habe, bin ich immer in den Bergen», sagt Jäggin. Manchmal steht er um fünf Uhr in der Früh auf, um im Gantrisch auf den Schafskopf zu steigen und die Alpen zu sehen.

In der Grenadierschule hatte er erstmals Bergausbildung erhalten – doch erst nach rund zwölf Jahren Pause ergriff ihn der Alpinismus vollends. Heute lässt sich Jäggin beim Schweizer Alpen-Club (SAC) zum Leiter ausbilden, ist zudem in der Alpinen-Rettungsgesellschaft dabei. Die Berge und die Lastwagenfahrten bestimmen seinen Lebensrhythmus.

Einsam auf den Strassen: Lastwagenchauffeur in der Coronakrise

«Seit Anfang Jahr habe ich am Laufmeter Überzeit ‹gchlöpft›», sagt Jäggin, der für das hiesige Transportunternehmen Murpf arbeitet. Die Hamsterkäufe und die geschlossenen Grenzen liessen die Absatzmengen im Detailhandel hochschnellen. Jäggin blieb weder Zeit für die Berge noch für seinen Spielplatz Leenflue. Das letzte freie Wochenende nutzte er, um mit seinem Sohn oberhalb von Laupersdorf klettern zu gehen.

Am Dienstagvormittag ist Thomas Jäggin in der Region des Gardasees unterwegs, um leere Kisten der Migros abzuladen. In den letzten Wochen hatten er und die anderen Lastwagenchauffeurs die Strassen gerade auch in Norditalien für sich. «Zurzeit bist du fast alleine auf den Strassen, für mich ist es mega schön», sagt er. Die Lieferzeit hat sich verkürzt, weil es keine Staus gibt. Auf den Autobahnraststätten sind Handschuhe und Mundschutz Pflicht. Alle Restaurants sind geschlossen – viele bieten nur noch ein Corona-Menü als Take-away an. Normalerweise können die Lastwagenchauffeure in den Restaurants duschen. «Das fällt jetzt weg», sagt Jäggin. Aber ihm macht dies nichts aus. Anders als seine Kollegen brauche er auch nicht am Abend sein Menü oder ein Glas Wein. «Im Moment hab ich immer Essen und einen Gaskocher dabei– für mich ist es fast wie im Hochgebirge», sagt er und lacht ins Telefon.

Als Lastwagenchauffeur kommt er immer wieder durch die Berge. Für den Oensinger sind es die schönsten Momente auf den langen Touren. Hat Thomas Jäggin mehr Zeit als jetzt während der Coronakrise, verknüpft er seinen Beruf und die Leidenschaft für den Alpinismus. Wenn er eine Lieferung ins Wallis bringt und dann nach Italien muss, fährt er über den Nufenen oder den Simplon. «Ich fahre auf den Pass hoch, laufe auf irgendeinen Gipfel, koche mir etwas und schlafe gleich da, um frühmorgens weiterzufahren», erzählt Jäggin. Gerne würde er einmal mit dem Bergsteigen Geld verdienen und Teilzeit weiterhin Lastwagenchauffeur bleiben.

Auf die Leenflue kann er in den nächsten beiden Wochen wieder hochsteigen. Der Detailhandel hat sich wieder normalisiert – Logistikfirmen wie die Murpf AG sind nicht mehr am Limit. Thomas Jäggin erhält deshalb zwei Wochen frei, um seine angehäuften Überstunden abzubauen. Bald wird es den Lastwagenchauffeur, der die Berge liebt, wieder dorthin ziehen, wo es Weitsicht gibt. Einmal will Thomas Jäggin auf dem Mont Blanc stehen.

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