Wer kann schon mal gegen sein Idol antreten? Marcel Glaus hatte das Glück. Rund zehn Mal stand er seinem Vorbild gegenüber.

«Frederic ... – wie war der Nachname?»

«C-o-l-l-i-g-n-o-n», buchstabiert Glaus. «Er war im Tischfussball, was im Tennis Federer und Nadal wären, wenn sie in einer Person vereint würden.» Glaus erinnert sich, wie ihm beim ersten Duell mit dem belgischen Überspieler die Knie schlotterten. Heute zählt Glaus in der Tischfussballszene zum erlauchten Kreis nur sehr weniger Spieler, welche Collignon einmal schlagen konnten. Mittlerweile ist der Belgier nach zwanzigjähriger Dominanz abgetreten.

Ende April sandte Collignon eine Nachricht. Der Adressat: Marcel Glaus. Die Botschaft: Collignon gratulierte dem Oensinger zum Weltmeistertitel, den er im österreichischen St. Pölten feierte. Die Augen des 36-Jährigen leuchten vor Freude, wenn er von Collignons Gratulation erzählt. Auch jetzt noch, wo er sich mit seinen flinken Handgelenken selbst in die Tischfussball-Weltelite geschossen hat. Zumindest an seinem «Heimtisch» mit dem Markennamen, der an ein Zauberland mahnt: Garlando.

Es ist in der Schweiz jener Tisch, der in den meisten Pubs steht. Und es ist einer von fünf Tischfussball-Tischen, die der internationale Tischfussball-Verband offiziell anerkennt. Die anderen vier Tischfussball-Marken auf welchen Weltmeisterschaften ausgetragen werden, haben ähnlich illustre Namen und heissen: Leonhart, Roberto-Sport, Bonzini und Tornado. Je nach Land messen sich die «Töggeler» bevorzugt auf einem dieser Tische. Aus den Vereinigten Staaten kommt etwa der Tornado-Tisch, dessen Besonderheit die drei Torhüter sind.

Oder der in Frankreich verbreitete Bonzini-Tisch mit den Eisenfiguren verlangt von Tischfussballern wie Glaus besondere Adaption. Denn an den alle zwei Jahre stattfindenden Multitable-Weltmeisterschaften sind Fähigkeiten an allen fünf Tischen gefragt. Die Duelle finden dann nämlich jeweils auf dem jeweiligen Lieblingstisch der beiden Kontrahenten statt, die aufeinandertreffen. Der Multitable-Titel ist in der Tischfussballszene daher der prestigeträchtigste. Auch Glaus legt den Fokus nach dem Garlando-Titel auf die kommende WM im spanischen Murcia. Dann könnte der Oensinger beispielsweise auf den derzeit wohl weltbesten Tischfussballer Tony Spredeman treffen.

20 Stunden Training pro Woche

Fussball war schon in Marcel Glaus’ Jugendjahren ein dominantes Thema. Jedoch stand er damals selten an den Töggelikasten-Griffen, sondern selbst auf dem «Bitz», wie im heimischen Seeland der Fussballplatz nennen. Gemeinsam mit seinen Brudern pendelte er mehrmals wöchentlich von Biel an die Fussballtrainings. Das Töggelen erschien erst im Leben des Barcelona- und Lionel Messi-Fans, als er in der Lehre als Mediamatiker steckte. Ihre Fussball-Karrieren hatten er und seine – wie Glaus sagt, sehr talentierten Brüder – beerdigt.

Mit einem Arbeitskollegen stand er wöchentlich im Pub und übte. Glaus trat zuerst dem Bieler und später dem Langenthaler Tischfussballklub bei. Als er 2006 erstmals an der Weltmeisterschaft teilnahm, trainierte er bis zu zwanzig Stunden pro Woche. In jener Zeit schuf er die Basis seiner heutigen Erfolge. Den Trainingsumfang hat er mittlerweile zurückgeschraubt. Von Januar bis März bleibt Glaus kaum Zeit für den Tischfussball. In den Wintermonaten ist dem Schlagzeuger die Fasnacht sakral. Glaus ist Perkussionschef bei den Welschenrohrer Böögge Brätschern.

Doch die vielen Stunden mit der Thaler Gugge sind nicht «verlorene Zeit» am Töggelikasten. Würde er beides forcieren, laufe er Gefahr, seine Handgelenke überzubelasten. Nicht Glaus’ Vergangenheit zwischen den Torpfosten, sondern das Schlagzeug-Spiel bringt ihm beim Tischfussball kognitive Vorteile. «Ich schaue unter anderem auf den Rhythmus meines Gegners und versuche ihn dann so zu decken», sagt Glaus.

Nahezu alle würden am Töggelikasten nach einem bestimmten Muster spielen. Wie gut er es beherrscht, das Spiel des Gegners zu lesen, zeigte der Oensinger an der vergangenen WM eindrücklich. Im Halbfinal lag Glaus mit 0:2-Sätzen in Rückstand, ehe er das Spiel wendete und dieses im fünften Satz für sich entschied. Das Spiel wiederholte sich im Final. Nach einem Rückstand kämpfte sich Glaus gegen den amtierenden Multitable-Weltmeister Thomas Haas aus Deutschland zurück und holte sich den Titel im Entscheidungssatz.

«Mit Fortdauer des Spiels gelang es meinen Gegnern kaum noch, meine Fünferreihe zu überwinden», sagt Glaus. Nur zwei Trainings hatte er in diesem Frühjahr vor seinem Coup an der Garlando-WM absolviert. Eines mit der Nationalmannschaft – ein anderes mit dem TFC St. Gallen, seinem Stammklub. Umso überraschender kam auch für Glaus der WM-Titel in Österreich. Als Dessert gabs obendrauf den dritten Garlando-Titel in Folge mit der Schweizer Nationalmannschaft. Dabei wollte Glaus den Fokus ganz auf die kommende Multitable-WM legen. Für diese wird er seinen Trainingsaufwand steigern. Neben dem Videostudium arbeitet die Nationalmannschaft erstmals auch mit einem Mentalcoach zusammen. «50 Prozent entscheidet sich beim Tischfussball im Kopf», sagt Glaus.

Nicht nur an der WM hat Glaus noch Grosses vor. Im vergangenen Jahr feierte er mit dem TFC St. Gallen den Vize-Schweizer-Meistertitel. Den Klub gründete er mit ein paar Nationalmannschafts-Kumpels, um auch international mithalten zu können: Auch im Tischfussball gibts die Champions League – die Königsklasse schlechthin. Nur gehts beim Tischfussball noch immer nur um Ruhm und Ehre. Noch spielt Geld, anders als etwa bei den E-Sports, keine grosse Rolle.