Das Thema Stöckli bewegt Egerkingen. Im September 2018 befasste sich der Gemeinderat zum ersten Mal mit dem Antrag der Kommission für Kultur, Gesellschaft und Soziales, ein Stöckli für Tourismuszwecke anzuschaffen. Damals wurde ein Investitionsantrag in der Höhe von 100'000 Franken zulasten der Spezialfinanzierung Tourismus gestellt und im Finanzplan 2018 bis 2022 berücksichtigt. Die Gemeindeversammlung vom Dezember 2018 nahm diesen zur Kenntnis. Im Budget 2019 rechnet man ausserdem mit einer Investition von 25'000 Franken für eine Kneippanlage beim Stöckli. Über die Gesamtinvestition von 125'000 Franken hätte die Gemeindeversammlung am 24. Juni abstimmen sollen.

Aus dem Dorf jedoch war Kritik am Vorhaben zu vernehmen (wir berichteten). Aus einer nicht repräsentativen Umfrage dieser Zeitung im Dorf ging damals hervor, dass die Nachfrage nach einer solchen Investition nur gering ist. Die Befragten sprachen vor allem das ehemalige Stöckli an, das in einer «Nacht- und Nebelaktion» abgerissen wurde. «Wir sind kein Touristenort», kritisierten andere die Idee. Für Verwirrung sorgte schliesslich auch, dass an der kommenden Gemeindeversammlung doch kein Antrag gestellt wird. Bisher gab der Egerkinger Gemeinderat keine Stellungnahme zum geplanten Stöckli ab. Nun aber will er Klartext reden.

Finanziert über Kurtaxen

«Das Stöckli wird komplett über die Kurtaxen finanziert», sagt Johanna Bartholdi und stellt klar, dass die Investition nicht zulasten der Steuerzahler fallen wird. Das Projekt sei in Zusammenarbeit mit der City Tax Group Egerkingen, also der Hotellerie in der Gemeinde als Antwort auf die Debatte um den sinnvollen Einsatz der Kurtaxen entstanden. Die Taxen von zwei Franken pro Gast wurden 2012 eingeführt und beispielsweise in E-Bikes oder in die Pflege von Wanderwegen und Grillplätzen investiert. Letztes Jahr nahm die Gemeinde laut Bartholdi 130'000 Franken über die Kurtaxe ein. Gemäss Gemeindereglement dürfen die Kurtaxen nur für den Unterhalt von touristischen Einrichtungen, kulturellen Anlässen sowie für Verschönerungsaktionen eingesetzt werden. Sie sind also zweckgebunden. «Es ist ein Anliegen der Hotellerie, einen Gegenwert für die Kurtaxe zu erhalten», sagt Franz Fischer. Als zuständiger Gemeinderat im Kulturressort befindet er sich im Gespräch mit der City Tax Group. Im Plenum sei man auf die Idee eines Stöckli gestossen. «Das Ziel war es, Platz für eine Kneippanlage, ein Dorfmuseum und für eine mögliche Schlafmöglichkeit im Stöckli zu schaffen», sagt er. «Solch aussergewöhnliche Ideen lassen sich im Tourismus gut verkaufen.»

René Koch, Präsident der Kommission für Kultur, Gesellschaft und Soziales, präzisiert, es handle sich nicht wie bisher mitgeteilt um ein Stöckli, sondern um einen Emmentaler Spycher, der komplett aus Holz bestehe. Das dreistöckige Gebäude soll zwischen dem französischen Garten der Alten Mühle und den Wohnblöcken an der Mühlemattstrasse Platz finden. Jeder Raum sei durch eine Aussentreppe separat erreichbar. Das oberste Stockwerk werde die City Tax Group verwalten. Geplant sei ein Raum, in welchem beispielsweise Übernachtungen nach dem Motto «Schlafen wie zu Gotthelfs Zeiten» angeboten werden.

Ins mittlere Stockwerk komme das Dorfmuseum. «Wir haben schachtelweise historische Dokumente von Egerkingen, die wir zu einer Chronik zusammenführen und der Bevölkerung präsentieren wollen», sagt Fischer. Im Erdgeschoss des 250-jährigen Spychers sei ein Begegnungsraum vorgesehen, der sowohl der Bevölkerung als auch der Hotellerie beispielsweise für Apéros dienen soll. Geplant sei in Zukunft auch die Gründung einer Mühlevereinigung, die beide Gebäude kulturell betreibt. «Wir suchen nach interessierten Leuten im Dorf», fügt Fischer hinzu.

Deutlich unter 100'000 Franken

Die notwendigen Abklärungen mit der Denkmalpflege seien inzwischen gemacht und abgeschlossen. Aufgrund der hohen Auflagen jedoch, verzichtet der Gemeinderat auf die vorgesehene Kneipp-Anlage bei der alten Mühle. Die Kosten des Spychers belaufen sich so auf rund 85 000 Franken. Da sei bereits die Ankaufsumme von 6500 Franken mitinbegriffen, ohne welche der Emmentaler Spycher abgerissen worden wäre, versichert Gemeindepräsidentin Bartholdi. Als allfällige Folgekosten nennt sie Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten, die teilweise über das Tourismuskonto bezahlt werden könnten. Bartholdi betont, dass die Kosten somit deutlich tiefer ausfallen als geplant. Die Investition könnte somit vom Gemeinderat in eigener Finanzkompetenz bewilligt werden. «Doch wegen den negativen Rückmeldungen, die wir erhalten haben, wollen wir trotzdem einen Antrag an die Gemeindeversammlung bringen», erklärt sie.

Auf die negativen Stimmen gingen die Entscheidungsträger jedoch nur bedingt ein, als sie von dieser Zeitung konfrontiert wurden. Auf die Bemerkung, dass viele Bewohner sich mit der Anschaffung des Spychers hintergangen fühlen, weil das ehemalige Stöckli neben der Alten Mühle ohne ihren Zuspruch abgerissen wurde, antwortete Bartholdi: «Das alte Stöckli war in einem ganz anderen Stil. Wenn das noch so stehen würde, könnten wir es nicht so nutzen, wie wir es planen.» Es sei eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Auch die Ästhetik kam zur Sprache: Bei der vergangenen Umfrage kritisierte die Mehrheit, inwiefern ein Emmentaler Spycher Egerkingen repräsentieren könne. Darauf entgegnete René Koch: «Der einzige Unterschied zu den Spychern in der Region Solothurn ist das Geländer. Dieses ist im Kanton Bern ausgeprägter verziert als hier.» Er fügt hinzu: «Der 250-jährige Spycher wird in 100 Jahren noch hier stehen und wir werden stolz darauf sein.»
Antrag an Gemeindeversammlung

Der Antrag für den Spycher werde an einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung im September gestellt. Kurz darauf sei das Baugesuch einzureichen. «Wir haben keinen Zeitdruck und arbeiten jetzt alles sauber aus», sagt Fischer. Bereits im Frühjahr 2020 soll der Spycher an seinem neuen Standort stehen. «An Ostern 2020 findet die Einweihung des Spychers statt. Das ist realistisch», er mit einem Lächeln. Warum erst nach Monaten eine Stellungnahme erfolgt, erklärt die Gemeindepräsidentin wie folgt: «Wir haben uns entschieden, still zu halten. Das war vielleicht ein Fehler. Wir konnten damals allerdings auch noch nicht so umfassend informieren, wie jetzt.»