Lockdown in Schwarz-weiss

Der Coronaleere auf der Spur: Egerkinger Fotograf führt auf einer Bilderreise durch die Schweiz

Wie sieht der Lockdown in der Schweiz aus? In seinem Fotobuch ­dokumentiert der Egerkinger Patrick Lüthy die Schweizer Kantonshauptorte und andere Räume.

Leere, weite Strassen und Stadtplätze, abgeriegelte Einkaufsmeilen, unberührte Osterdekoration in den Schaufenstern: Dies sind nur einige Aufnahmen der ausserordentlichen Lage in der Schweiz. Schwarz und weiss festgehalten in Patrick Lüthys Fotobuch, wirkt die Situation nahezu apokalyptisch und bildet doch die Wirklichkeit ab. Im Zeitraum vom 11. bis 26. März, als die Schweiz stillstand und die öffentlichen Verkehrsmittel weitgehend leer blieben, bestieg Patrick Lüthy den Zug und bereiste für seine Fotoaufnahmen die Schweiz.

Plötzlich ohne Aufträge: Mit Maske und Handschuhen raus

Aufgrund der Pandemie verlor Patrick Lüthy als freier Fotograf kurzerhand alle seine Aufträge und fragte sich: «Was mache ich jetzt?» Von Kollegen vernahm er, sie würden die Zeit nutzen, um ihre Archive aufzuarbeiten. Lüthy aber wollte raus: «Die Lage dokumentieren.» So reiste er, mit Schutzmaske und Handschuhen ausgerüstet, in alle Kantonshauptorte der Schweiz.

In den Städten betrieb Lüthy Strassenfotografie: «Ich bin durch die Stadt gelaufen und habe mich von meinen Eindrücken leiten lassen.» Er fotografierte spontan alles, was anders ist. Immer versuchte er, Menschen miteinzubinden, die eine Maske trugen, was damals jedoch selten war, da die Schweiz noch nicht genügend auf Vorrat hatte. Auch die zahlreichen Botschaften «bliibet dehei» und Social-Distancing-Markierungen fing er ein. Oft presste Lüthy sein Objektiv an die Schaufenster, weil die Geschäfte alle geschlossen waren. Speziell, sagt Lüthy, waren die mehrheitlich offenkundig misstrauischen Menschen. «90 Prozent der Leute waren wenig gesprächig», erzählt er. Mehrmals wollten sie ihm das Foto­grafieren von öffentlichen Plätzen verbieten. Auch die Supermärkte, die mittels Kampagnen ihre Arbeitskräfte verdankten, reagierten abweisend und untersagten jedwede Fotografien. Für Lüthy war klar, «wenn ich dazu aufgefordert werde, lösche ich das Foto». Nur die Tiere auf den Strassen seien anhänglicher als sonst gewesen.

Die Suche nach dem nicht Alltäglichen

«Die meisten Städte waren völlig menschenleer», berichtet Lüthy. Auffallend war, dass die Bevölkerung in Genf, Lausanne oder Bellinzona häufiger Masken trug. Dort war auch das Virus präsenter. Die einzigen Menschenansammlungen bildeten sich als Schlange im zwei Meter Abstand vor den Supermärkten. Die Polizei war viel unterwegs, auf Patrouille zu Fuss oder im Auto. Eindrücklich waren für Lüthy auch die leeren Flughäfen in Genf und Zürich. Riesige Hallen ohne Menschen und reihenweise gegroundete Flugzeuge. Besonderen Wert legte der Egerkinger Fotograf auf die Symbolkraft seiner Bilder. Leere Stühle und Bänke, fertiggedeckte aber nie benutzte Tische in Restaurants oder vereinzelte Menschen, die durch die Gassen huschen, wurden zum Zeichen für die Isolation und Einsamkeit im Lockdown. Auch die bereitstehende Osterdekoration und die unverkauften Frühlingskollektionen der Modehäuser bezeichnen den jähen Unterbruch der Wirtschaft. Speziell berührt haben ­Lüthy die Gemälde in den meist offenen Kirchen, die in dieser befremdlichen Zeit nochmals eindrücklicher wirken. Viele Menschen hinterliessen in dieser schwierigen Zeit ihre Gebete auf Zetteln. Das Sinnbild für Corona – die Krone – erscheint in den Fotografien ebenfalls mehrmals.

Die Erinnerungen zu diesen düsteren Bildern auf seiner Schweizer Tour haben sich tief bei Lüthy eingeprägt. «Ich reiste in Geisterzügen durch die Schweiz», schreibt er in seinem Buch. Gleichzeitig fiel ihm die Schönheit und Vielfalt der verschiedenen Städte auf. «Das Wetter war auch klarer als sonst, so ohne Kondensstreifen am Himmel.»

Die «unvorstellbare» Pandemie, die real wird

«Corona zeigt, dass es noch Dinge gibt, vor denen man Angst haben muss.» Lüthy nimmt dies bewusst so wahr, angesichts der Ohnmacht der Medizin in dieser Situation und den noch ausstehenden Langzeitfolgen. Sein Fotobuch sieht er als historische Dokumentation für die Menschen, und sie hält fest, «wie die Lage war». Lüthy selbst erkennt die Pandemie als ein Ereignis, das man nie für möglich gehalten hätte: «Die spanische Grippe war bekannt, aber so etwas in der heutigen Zeit war zuvor unvorstellbar.»

Patrick Lüthy überlegt sich, eine Farbfassung seines Buches herauszubringen. Die Schwarz-Weiss-Fotografie passe jedoch besser zu dieser «tristen, einsamen und auch unheimlichen Sache», findet er.

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