Niederamt

Der clevere Deal: Die Gemeinde geopfert, um Grod als Bauerndorf zu retten

Heidi und Hansueli Hürzeler-Schenker vor ihrem Stöckli im Grod – er war Gemeindeammann von 1960 bis zur Eingemeindung in Gretzenbach am 1.1.1973.

Heidi und Hansueli Hürzeler-Schenker vor ihrem Stöckli im Grod – er war Gemeindeammann von 1960 bis zur Eingemeindung in Gretzenbach am 1.1.1973.

27 Personen in 12 Haushaltungen leben heute nach Auskunft der Einwohnerkontrolle Gretzenbach im Ortsteil Grod. Bis 1972 war der Weiler die kleinste Gemeinde im Kanton Solothurn. Hansueli Hürzeler, der letzte Ammann im Grod, erinnert sich.

Hansueli Hürzeler ist 87-jährig. «Landwirt» steht noch heute im Telefonbuch. Zum Gehen braucht er den Rollator und ist froh, wenn ihm seine Frau Heidi (81) zur Seite steht. Er spricht leise, aber klar. Und erinnert sich mit farbigen Anekdoten an die Eingemeindung von Grod, die er durchgezogen hat, damals, vor 42 Jahren. Seit dem 1. Januar 1973 gehört das Grod zu Gretzenbach. Hürzeler war der letzte Ammann der Gemeinde Grod.

Vorgänger im Amt war sein Vater Karl, Gröder Ammann während 36 Jahren. 1960 war die Reihe an Hansueli. «Bei der Meisterprüfung am Wallierhof sagte uns Direktor Jordi: Ihr müsst Ämter übernehmen.» Diesem Aufruf lebte der junge Bauer nach. Nicht nur in der Gemeinde, sondern auch in der Milchgenossenschaft, bei der Raiffeisenbank oder in der bäuerlichen Lehrmeistervereinigung, die er präsidierte.

Gemeindeversammlung in der Stube

Die Gemeinde war winzig, wohl die kleinste im Kanton Solothurn. «Zuletzt lebten 35 Personen im Grod», erinnert sich Hürzeler. An die Gemeindeversammlung kamen jeweils etwa 10 Männer, und zwar in Hürzelers Stube. Für Volksabstimmungen besass die Gemeinde eine Urne. Sie existiert noch immer: «Sie ist jetzt im Gemeindehaus Gretzenbach und wird dort für geheime Abstimmungen im Gemeinderat verwendet», weiss Hürzeler.

Die Urne in Hürzelers Stube passte der kantonalen Verwaltung nicht; sie sah im Grod das Stimmgeheimnis in Gefahr. Grosszügig stellte Solothurn den Grödern eine hölzerne Abstimmungskabine zur Verfügung. «Sie kam nur einmal zum Einsatz», schmunzelt Hürzeler. «Der Wind warf sie um.» – «Die Bretter haben wir noch», lacht Heidi Hürzeler fröhlich. «Die sind jetzt in unseren Betten, damit es nicht so durchhängt.»

Gemeindeschreiber gesucht

In einer so kleinen Gemeinde war die Besetzung der Ämter ein Problem. Im dreiköpfigen Gemeinderat sassen neben dem jungen Hürzeler noch Beat Schenker und Karl Müller, zwei betagte Männer. Als Gemeindeschreiber schnappte sich der Ammann gerne einen jungen KV-Absolventen. «Zwei waren noch nicht 20, als wir sie wählten», berichtet er. Er habe nicht nachgefragt, ob sie überhaupt wählbar seien: «Es wusste niemand genau, wie alt sie waren», zwinkert Hürzeler mit den Augen.

So ging das durch, aber die jungen Gemeindeschreiber zogen bald weg und gaben den Posten wieder auf. «Da musste ich das Schriftliche auch noch erledigen, das wurde mir dann zu viel.» Die Entschädigung des Gemeindeammanns war auch nicht gerade fürstlich, sie betrug nur 20 Franken. In der Stunde? «Nein, im Jahr.»

Gretzenbach hatte höhere Steuern

Erste Bestrebungen für ein Zusammengehen mit Gretzenbach habe schon der Vater Karl Hürzeler um 1937 unternommen. Daraus wurde nichts. Und bei einer ersten Umfrage nach Hansueli Hürzelers Amtsantritt zeigte auch der Gröder Gemeinderat kein Interesse. Dagegen sprach der Steuerfuss: Im Grod lag er bei 150 Prozent – in Gretzenbach aber bei horrenden 170 Prozent. Keine attraktiven Aussichten.

Zum Meinungsumschwung führte dann die Personalknappheit für die Gemeindeämter. Als Hansueli Hürzeler in Gretzenbach anklopfte, stiess er auf offene Ohren. Dort war Otto Schenker Ammann: Sein Schwager, Bruder seiner Frau Heidi. Otto Schenker und sein Gemeindeschreiber Hans Beer erfassten die Chance sofort.

Hansueli Hürzeler hat die Zahlen noch im Kopf: «Wir hatten 78 Hektaren Wald und Land. Und wir hatten 8000 Franken Bargeld in der Kasse und keine Schulden.» Das Entscheidende war die Sache mit dem Bauland. Um 1970 kam die Raumplanung auf, und die Gemeinde Grod erhielt wie alle andern im Kanton den Befehl, eine Bauzone auszuscheiden. Hansueli Hürzeler und die andern Landwirte im Grod wollten aber bauern und nicht Bauland verkaufen. Sie brauchten eine Landwirtschaftszone und sonst gar nichts. Eine Bauzone hätte ihren Betrieben die Grundlage entzogen.

Hier Landwirtschaft, dort Bauland

So wurde in den Fusionsverhandlungen abgemacht, dass Gretzenbach im Grod kein Bauland einzonen würde. Ein cleverer Hochzeitsdeal: Der Zugewinn an Landwirtschaftsland ermöglichte es Gretzenbach, in andern Dorfteilen mehr Bauland auszuscheiden, etwa im Dössihubel. Genau das war Otto Schenkers Strategie: Bauland anbieten, Einfamilienhäuser bauen, Steuern senken. Der Erfolg gab ihm Recht: Gretzenbachs Einwohnerzahl stieg seit 1970 von 1600 auf 2500, der Steuerfuss sank von 170 auf 115 Prozent. Steuerhölle ade.

Am Anfang dieses Wegs stand die Eingemeindung von Grod. Doch dazu mussten zuerst die Gröder den Steueraufschlag von 20 Prozent schlucken. Der Gemeinderat war dafür. 1972 kam es zur Urnenabstimmung, erstmals konnten die Frauen mitstimmen. «Es waren 19 Stimmberechtigte», erinnert sich der letzte Ammann, «und die Stimmbeteiligung war 100 Prozent.» Und das weiss er noch genau: «Es gab 4 Nein-Stimmen» – die Minderheit. Auch Gretzenbach stimmte zu. Am 31. Dezember 1972 gab das Grod seine Selbstständigkeit auf.

Warum nicht mit Däniken oder Walterswil? Hansueli Hürzeler winkt ab: «Den Ausschlag gaben die persönlichen Beziehungen. Die Strasse von Gretzenbach war immer unsere Hauptverkehrsverbindung. Die Strasse durch den Wald nach Däniken war eine ‹Fötzelstrasse›.» Vom Grod gingen die Kinder in Gretzenbach und Schönenwerd zur Schule, zu Fuss und mit dem Velo. Einkäufe tätigten die Gröder im Laden der Milchgenossenschaft Gretzenbach (heute Spar). Einzig die Post schlug quer. Darum lautet die Postadresse bis heute «Grod, 4658 Däniken», nicht «5014 Gretzenbach».

Vom Bauerndorf zum Power-Dorf

Hansueli Hürzeler hat die Eingemeindung nie bereut. Das Grod ist Landwirtschaftsgebiet geblieben – in 7 Kilometern Distanz von Aarau, Olten und Zofingen. Die Bauernbetriebe haben diese Lage genutzt. Der Sonnenhof der Familie Hess ist berühmt für seine Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren zum Selberpflücken. Aus dem Lindehof der Familie Widmer ist ein erfolgreiches Geschäft für Garten- und Kommunalarbeiten geworden. Der Hof Hürzeler, geführt von Hansuelis Sohn Karl und Käthy Hürzeler-Wyss, setzt auf Schweinemast, lockt Kunden mit Obst vom Grod und Goldmedaillen-Süssmost. Das Bauerndorf ist ein Power-Dorf.

Als Gemeinde ist das Grod Geschichte, Heimat ist es geblieben. Die Gröder Wappenscheibe in Hürzelers Stube hängt fest und in Ehren. Die Ortstafeln an der Strasse sind erneuert und intakt. Grod blieb Grod.

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