vonRoll Infratec

Debatte um Home-Office: Es brauche «gesunden Menschenverstand» statt «Medienhype»

Laut einem Arbeitnehmenden folge die vonRoll Infratec Gruppe in Oensingen den Empfehlungen und Vorgaben des Bundes nicht – und verwehre den Mitarbeitern das Home-Office.

Laut einem Arbeitnehmenden folge die vonRoll Infratec Gruppe in Oensingen den Empfehlungen und Vorgaben des Bundes nicht – und verwehre den Mitarbeitern das Home-Office.

Gemäss einem Mitarbeiter der vonRoll hydro AG in Oensingen werde den Angestellten das Home-Office verwehrt. Das Unternehmen argumentiert, dass unter BAG-Vorschriften «normal» gearbeitet werde: «Wer keine Symptome hat und sich gesund fühlt, der arbeitet». Diese Zeitung ging dem Fall nach.

Am Donnerstag informierte ein Mitarbeiter des Industrieunternehmens vonRoll Infratec diese Zeitung über den Umstand, dass den Arbeitnehmenden – entgegen der Empfehlung des Bundes – das Home-Office verweigert werde. Dies, obwohl die Ausübung des Berufes auch von zuhause möglich sei. Zudem liegt ein Dokument der HR-Abteilung des Unternehmens vor, in welchem das Corona-Virus heruntergespielt wird. Appelliert wird darin an den «gesunden Menschenverstand» anstelle eines «Medienhypes».

Der Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, schildert, dass den Arbeitnehmern auch nach einer Unterschriftensammlung im Betrieb in Oensingen kein Home-Office bewilligt worden sei. Ihm sei klar, dass die Produktion, in welcher die Werkstattarbeiten stattfänden, nicht von Zuhause ausgeführt werden könnte. Die restliche Administrationstätigkeit, welche «0815 Bürotätigkeit am Laptop umfasst», könnte aber mehrheitlich im Homeoffice verübt werden. Man sei «schlichtweg nicht vorbereitet gewesen» und würde den «Mitarbeitern eine ehrliche Home-Office-Arbeit nicht zuzutrauen.»

Das Unternehmen erklärt hierzu auf Anfrage, dass es sich «nicht grundsätzlich gegen Homeoffice ausgesprochen» habe. Das Home-Office könne nicht in allen Bereichen eingeführt werden, da nur ein relativ kleiner Teil der Mitarbeitenden im Büro arbeite und eine Tätigkeit ausführe, die oft mit den Produktionsprozessen verbunden sei. Das Problem liege darin, dass per Outlook nicht auf die in Papierform vorliegenden Arbeitsunterlagen zugegriffen werden könne. Zudem könne das Unternehmen «gewährleisten, dass die BAG-Vorgaben in unseren Werken jederzeit umfassend eingehalten werden. Dies wurde im Kanton Jura vom kantonalen Gesundheitsamt überprüft und mündlich bestätigt.»

An dieser Passage hält vonRoll fest: «In allen unseren Firmen/Fabriken wird unter Berücksichtigung der BAG-Regeln normal gearbeitet (grössere Anlässe/Meetings/Werksbesichtigungen finden derzeit nicht statt – vorerst bis Ende April). Wer also keine Symptome hat und sich gesund fühlt, der arbeitet.» 

vonRoll führt weiterhin Kundenbesuche durch - auf Wunsch

Gemäss dem Mitarbeitenden (und dem Schreiben) führt das Unternehmen weiterhin Kundenbesuche durch – ein aus Sicht der Arbeitnehmer rücksichtsloses Vorgehen. Auf die Nachfrage, ob dies immer noch der Fall sei, antwortet vonRoll, dass es am Kunden liege, ob der Besuch eines technischen Beraters nötig sei. Trete dieser Fall ein, so erfolge der Besuch unter Einhaltung der BAG-Vorgaben. Dies wird damit gestützt, dass die Mitarbeitenden «die besonders in Krisen wichtige Versorgung mit strategischem Wasser, d.h. Wasser aus dem Wasserhahn, jederzeit gewährleisten» würden. 

Umgang mit Risikogruppen: Aussage gegen Aussage

Der Mitarbeiter berichtet des Weiteren, dass im Betrieb «mindestens drei bis vier» als «gefährdet» klassifizierte Personen arbeiten würden. Nachdem einer dieser Personen ein Home-Office-Dienst verweigert wurde, seien die restlichen Betroffenen der Arbeit aus eigener Initiative ferngeblieben. Dass sich diese Situation so ereignete, negiert das Unternehmen: «Nach unserem Wissensstand sind alle gefährdeten Personen zu Hause und dort wo möglich im Modus Home-Office tätig.»

Der Informant berichtet weiter von einem Mitarbeiter, der zwar nicht in die Kategorie «Risikogruppe» fallen, aber in zwei Jahren pensioniert würde. Aufgrund seines Alters habe er nach Anfrage beim HR kein Home-Office bewilligt bekommen – dies, obwohl er dem Informanten zufolge eine Bürotätigkeit ausübe, welche problemlos von Zuhause erledigt werden kann. VonRoll reagiert mit der Begründung, dass die Person «nach aktuellem Wissensstand keiner Risikogruppe» angehöre. Man halte sich hier an die genannten Regeln.

«Gesunder Menschenverstand statt Medienhype»

Gemäss dem von vonRoll erlassenen Schreiben vom 16. März führe die Infektion mit dem Corona-Virus zu einer Grippe. «Man steckt sich zwar leichter an als bei der ‘normalen’ Grippe, die Mortalität ist aber nicht wesentlich anders (und bei Jungen sogar signifikant geringer). Gesunder Menschenverstand statt Medienhype ist also richtig.»

Auf Anfrage für eine Stellungnahme zu dieser Aussage meinte das Unternehmen, dass es wichtig sei, auf die Mortalität bei Corona hinzuweisen – und dass diese «nicht grundsätzlich anders als bei einer normalen Grippe» sei. Gesunder Menschenverstand – mit Umsetzung der BAG-Vorgaben – helfe «mehr als Bilder und Zahlen aus Italien, wo die Mortalitätsrate höher ist als in anderen Ländern». Abschliessend hält vonRoll fest: «Panik wird genug verbreitet, etwas Zuversicht schadet nicht.»

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