Härkingen
Das Rehwild fühlt sich in der Kiesgrube der Firma Wyss in Härkingen wohl

Kiesgruben bieten Lebensräume für viele Arten, die sonst kaum noch Gelegenheit haben, ein ihnen angemessenes Biotop zu finden. Und das nicht erst nach der Renaturierung. Aber auch das Wild wie das Reh nimmt die verbesserten Lebensräume gerne an.

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Solche Bilder können die Mitarbeiter der Kiesgrube manchmal am Morgen bei Dienstantritt sehen.

Solche Bilder können die Mitarbeiter der Kiesgrube manchmal am Morgen bei Dienstantritt sehen.

Kiesgruben bieten Lebensräume für viele Arten, die sonst kaum noch Gelegenheit haben, ein ihnen angemessenes Biotop zu finden. Und das nicht erst nach der Renaturierung. Schon während der Betrieb in einer Kiesgrube auf vollen Touren läuft, siedeln sich zahlreiche Tierarten an.

Beim Betrachten der Kiesgrube in Härkingen fällt zuerst das mehrheitlich offene Areal auf. Die Fläche der Grube in Härkingen beträgt etwa 15 Hektaren. Das entspricht einer Grösse von über 20 Fussballfeldern. Dazu wurde grossflächig Wald gerodet und dann bis etwa zehn Meter in den Boden gebuddelt, Kies abgebaut und aufbereitet. Ein zweiter Blick in die Kiesgrube zeigt, dass hier Ökologie und Ökonomie koexistieren können. Allerdings passiert dies nicht ganz zufällig.

In der Schweiz müssen nach dem Abbau 10 bis 15 Prozent als Öko-Ausgleichsfläche an die Natur zurückgegeben werden, was noch vor Abbaubeginn im Detail geplant wird. Paul Wyss, Betreiber der Kiesgrube und Jäger in Härkingen, erklärt: «Der Abbau von Kies und Sand zerstört die Natur nicht, sondern schafft – schon während die Kiesgrube in Betrieb ist – ein Paradies für heute oft seltene Arten. Die neu geschaffenen Lebensräume werden von den Insekten, Amphibien, Vögeln und unserem heimischen Wild dankbar angenommen.»

Nach der Wiederaufforstung und der Renaturierung der abgebauten Flächen allein ist es jedoch nicht getan: Die neuen Lebensräume müssen unterhalten werden, sonst verkommen sie bald zu einem «normalen» Stück Wald, wodurch die seltenen Arten ihren Lebensraum verlieren würden.

Grosse Artenvielfalt

Viele Tierarten profitieren von den idealen Lebensräumen. In der Grube Härkingen wurden wieder Kaulquappen von stark gefährdeten Amphibienarten wie der Geburtshelferkröte und der Kreuzkröte gesichtet. Dazu kommen noch Erdkröte, Teichfrosch, Grasfrosch, Bergmolch und Fadenmolch. Bei den Reptilienarten haben sich Blindschleiche, Ringelnatter, Zauneidechse, Bergeidechse und Mauereidechse niedergelassen. Dazu kommen noch Tagfalter, Heuschrecken und Libellenarten, Vögel und seltene Pflanzenarten. Alle Arten finden im Grubengelände gute Lebensräume, weil sie Deckungsmöglichkeiten, ideale Bodenbeschaffenheit, wenig Störung, genug Wasser und Sonnenplätze vorfinden.

Auch Revier für Rehe

Rehwild in einer Kiesgrube? Es ist kaum zu glauben, dass diese scheuen Tiere neben den lärmigen Pneuladern, Baggern, dem Dozer und dem Lastwagenverkehr Unterschlupf suchen. Wenn man aber die Zusammenhänge in diesem Gebiet kennt, ist dies keine Überraschung. Das Areal einer Kiesgrube ist mehrheitlich eingezäunt, aber für Wildtiere durchgängig und ist ein eigener Lebensraum. Für das Rehwild bedeutet dies eine Oase, in der es wenig durch freilaufende Hunde, Pilzsucher oder Mountainbiker gestresst wird. Der Betrieb des Kieswerks läuft für das Rehwild in geordneten Bahnen ab. Die Maschinen bleiben auf den bestehenden Strassen und die Förderbänder sind fix montiert.

Die Rehe sind somit in ihren Einständen mehrheitlich ungestört. An alles andere haben sich die Tiere längst gewöhnt und wissen genau, dass ihnen keine Gefahr droht. Zudem finden sie in der Grube Äsung (Nahrung) und Deckung fast im Überfluss. Damit ist die Kiesgrube für das Rehwild ein ungewöhnlicher, aber guter, ja fast idealer Ort um zu leben. Selbst Trittsiegel (Hufabdrücke) von Rotwild, das sich gelegentlich im Gäu aufhält, wurden in der Grube gesichtet.

Kiesgrube wird bejagt

Die ansässige Jagdgesellschaft Gäu bejagt im Herbst auch die lokalen Kiesgruben. Das stellt allerdings eine besondere Herausforderung dar, weil das Areal eingezäunt ist und überall Maschinen und Gebäude stehen. Jagdleiter Stefan Probst erklärt: «Es muss dabei verhindert werden, dass sich die Rehe und auch die Jagdhunde am Zaun oder den Einrichtungen verletzen können. Auf der anderen Seite soll auch kein Schaden an den Einrichtungen entstehen. Dazu wird versucht, die Rehe in Richtung Wald, wo keine Einzäunung besteht, zu treiben.» Die Jagd ist notwendig um die Bestände zu regulieren, damit auch in einer Kiesgrube keine grösseren Schäden an den jungen Aufforstungen entstehen können. (buo)