Viele Radfahrer sind am Berg. Vor den Profis kommen die Amateure. Auch ältere Herren mit grauen Bärten zeigen am steilen Passwang, dass sie es noch drauf haben. Sie verkürzen mit ihrer kleinen Show die Wartezeit. Keiner zu alt, ein Radfahrer zu sein. Nicht alle kommen mit eigener Muskelkraft den Berg hoch. Anders als die Profis haben die Fans hier und da noch einen Elektromotor angebracht und auch die Parkplätze beginnen sich zu füllen.

Sicher fünf gelbe Trikots treten die Rampen des Passwangs hoch, ehe das «wahre» Leadertrikot hinter einer Kurve erscheint: Peter Sagan ist noch im Hauptfeld versteckt, das eine vierköpfige Spitzengruppe jagt. Doch die paar Augenblicke, in welchen die Rad-Stars zu sehen sind, machen bloss einen Bruchteil des Schauspiels aus, welches die Tour de Suisse bietet.

Denn während die Fahrer noch durch Solothurns Strassen rollen, beginnt das Treiben am Berg den Verkehr zum Stocken zu bringen. Eine Lastwagen-Fahrerin, die talabwärts ins Guldental sticht, verwirft die Hände, als eines der ersten Tour-Fahrzeuge mitten in der Haarnadelkurve vor dem Restaurant Alpenblick zur Wende ansetzt.

Vater Schärs persönliche Tour Die Sonne brennt und die dünn gesäte Werbekolonne hat mit den Gratis-Hüten eine Lösung bereit. Als Alternative gibts noch Kuhglöckchen oder kleine mit Salat abgefüllte Plastikbecher. Einen solchen schnappt sich auch Michael Schärs Vater Roland, der sich den Passwangpass ausgesucht hat, um den Sohn ein paar Sekunden lang anzufeuern. Eigentlich hoffte Roland Schär – selbst Ex-Radprofi und Olympia-Teilnehmer – sein Sohn wäre an diesem Tag Teil der Spitzengruppe. Doch im Team CCC durfte sich bei der Etappe der Deutsche Simon Geschke versuchen. Also ist Michael Schär schliesslich einer unter vielen im Hauptfeld am Passwang. Bei der Familie Schär ist die Tour de Suisse Pflichtprogramm. «Morgen gehen wir nach Einsiedeln», sagt Vater Schär und läuft die Passstrasse runter, um in der nächsten Serpentinenkurve eine noch bessere Aussicht auf das Guldental zu geniessen. Die Suche nach dem besten Platz dauert wesentlich länger als die Durchfahrt der Radprofis. Auch auf die Stützmauern am Abhang klettern die Schaulustigen, um bereit zu sein, wenn die Fahrer auf ihrem Weg von Murten FR nach Arlesheim BL bei Kilometer 86 passieren. «Wir hätten daheim in ‹Bipp› eine Kamera aufstellen können, dann hätten wir sie bereits einmal durchfahren sehen», witzelt ein Zuschauer auf der Stützmauer.

Die Biene lässt sich nicht stören Bis es soweit ist, dauerts über eine Stunde. Die ersten Teamfahrzeuge mit den auf dem Dach gesattelten Fahrrädern brausen den Pass empor, kehren aber alsbald wieder zurück. Vor dem Tunnel, der ins Schwarzbubenland führt, sind die Parkplätze rar. Also müssen die Wiesen-Ränder am Passwang-Abhang dranglauben. Während sich der Tross am Passwang ausbreitet und das Hauptfeld näher rückt, arbeitet eine Biene still und leise weiter und bestäubt eine Margritli am Strassenrand.

«In rund zehn Minuten erwarten wir die Fahrer bei Ihnen, hier am Passwang einem Bergpreis der dritten... nein, gar der zweiten Kategorie», verspricht sich der Speaker, der in einem Auto der Rennleitung sitzt und als Vorbote unterwegs ist. Für den Speaker mag sich die Steigung sanft anfühlen. Die Fahrer werden hier auf 984 Meter über Meer nach der flachen Anfahrt durchs Mittelland erstmals einen erhöhten Puls spüren. Der Fernseh-Helikopter braust heran und bleibt am 200 Meter kurzen Passwang-Tunnel in der Luft stehen, um die Ein- und Ausfahrt der Fahrer zu dokumentieren.

Plötzlich erscheinen vier Radfahrer vor der Haarnadelkurve beim Restaurant Alpenblick. Euphorisch werden die rund 100 Zuschauer nicht, die sich gut 250 Meter vor dem Bergpreis eingefunden haben. Wenn auch mit Gian Friesecke ein junger Schweizer dabei ist – damit die Stimmung am Passwang mit jener am Mont Ventoux zu vergleichen wäre – fehlen ein paar Tausend Zuschauer und ein paar Dutzend Dezibel. Mit knapp drei Minuten Rückstand folgt das Hauptfeld. Ein paar Sekunden kommt man in der Kurve den Fahrern so richtig nahe. Darum bestrebt, eine Berührung mit den Velos zu verhindern, bleibt keine Zeit, den Profis in die Gesichter zu schauen. Kaum sind Stars wie Peter Sagan oder Geraint Thomas in die Kurve eingebogen, verschwinden sie auch schon wieder hinter dem saftigen Grün des Guldentals. Der Passwang kriegt seine Ruhe zurück.

Tour de Suisse 2019 durch Solothurn

Tour de Suisse 2019 durch Solothurn

144 Radprofis pedalten am Dienstag von Murten durch den Kanton Solothurn in Richtung Arlesheim. Wir haben die Durchfahrt in Solothurn beim Baseltor-Kreisel mitverfolgt.