Neuendorf
Das Haus soll verkauft, der «Chäsi»-Laden erhalten bleiben

Die Käsereigenossenschaft Neuendorf sucht einen Käufer für das Gebäude an der Allmendstrasse. Die Hoffnung besteht, dass die Chäsi und auch die Milchsammelstelle weiterbestehen können.

Erwin von Arb
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Das Käserei-Gebäude mit dem Laden (links) und der automatisierten Milchsammelstelle steht zum Verkauf.

Das Käserei-Gebäude mit dem Laden (links) und der automatisierten Milchsammelstelle steht zum Verkauf.

Bruno Kissling

Nichts ist beständiger als der Wandel. Dies erfuhren auch die Kundinnen und Kunden der Raiffeisenbanken in Härkingen und Neuendorf nach der Ende letztes Jahr erfolgten Schliessung der Geschäftsstellen.

Weil die Raiffeisenbank Thal-Gäu Bipperamt mit Hauptsitz in Egerkingen die zwei Liegenschaften verkaufen will, stellte sich in Neuendorf die Frage, wie es mit dem im Gebäude untergebrachten Volg-Laden weitergeht.

Die Bank hatte in der Folge versichert, das Gebäude nur an Interessenten zu verkaufen, welche den noch bis 2025 Mietvertrag mit Volg übernehmen.

Letzter Käser hörte 2002 auf

Eine ähnliche Lösung strebt auch die Käsereigenossenschaft Neuendorf mit dem Chäsi-Gebäude und dem darin befindlichen Laden an, wie Präsident Stephan Marbet auf

Die «Dreckigen» ersteigerten die heutige Käserei

Die erste Käserei-Gesellschaft Neuendorf wurde am 15. Oktober 1854 von 14 Neuendörfer und 6 Härkinger Bauern gegründet. Die Käserei befand sich im Keller des Gerichtsstöcklis, das sich damals noch am Umgangweg befand. Der Dorfchronik zufolge wurde am 15. Mai 1855 die Käseproduktion aufgenommen. Anfänglich auswärts beim Käser Johann Wüthrich aus Derendingen, der für die Milch aus dem Gäu 17 Rappen pro Liter bezahlte. 1887 traten die Härkinger Bauern wegen der Gründung einer eigenen Käserei aus der Käserei-Gesellschaft aus. In Neuendorf kam es ab 1859 immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten wegen neuen und noch nicht erprobten Milchprüfverfahren. Dies führte zu Streitigkeiten, die darin gipfelten, dass praktisch jährlich Vorstandsmitglieder ausgewechselt und auch die Käser nach kurzer Zeit wieder entlassen wurden. 1875 wurde beschlossen, am Standort der jetzigen Käserei an der Allmendstrasse eine neue Käsehütte zu bauen. Doch auch nach der Inbetriebnahme der neuen Käserei im Jahr 1876 kehrte keine Ruhe ein, und so kam es 1883 zur Spaltung der Käserei-Gesellschaft. Die «Dreckigen», wie sie im Volksmund genannt wurden, traten aus und verlegten ihren Betrieb in ein anderes Gebäude im Dorf. Den Höhepunkt der Streitigkeiten bildete 1886 die Ersteigerung der neuen Käsehütte an der Allmendstrasse samt Gerätschaften durch die «Dreckigen», welche diese danach unter dem Namen «Alte Käserei-Gesellschaft Neuendorf» weiterbetrieben. In den Folgejahren beruhigte sich die Situation um die Käserei, und es kehrte wieder Frieden ein. Eine ihrer Blütezeiten erlebte die Käserei 1977 mit einer Jahresliefermenge von 1,18 Mio. Kilogramm Milch oder täglich rund 3200 Kilogramm. Daraus wurden von den jeweiligen
Käsern Pastmilch, Joghurt und Käse hergestellt. Die Verarbeitung von Frischmilch und die Käseproduktion wurden nach dem Abgang der Käserei-Familie Walter Steiner-Trummer 2002 eingestellt. Wie es nach dem Verkauf der Käserei-Liegenschaft mit der Käsereigenossenschaft Neuendorf weitergeht, ist noch offen.(eva)

Das dreigeschossige Gebäude mit einem Umschwung von 727 Quadratmetern steht zum Verkauf, weil die Werterhaltungskosten der Liegenschaft die finanziellen Möglichkeiten der Käsereigenossenschaft übersteigen, wie Marbet dazu ausführt.

Heute gebe es nur gerade noch fünf Bauern, die ihre Milch in der Sammelstelle bei der Chäsi ablieferten.

Als der letzte praktizierende Käser Walter Steiner im Jahr 2002 die Gemeinde verliess, gab es immerhin noch zwölf Milchproduzenten. Dank der Zusage von Yvonne Misteli, den Laden in der Chäsi zu übernehmen, konnte dieser bis heute in Neuendorf erhalten werden.

Dasselbe gilt für die im Gebäude untergebrachte Milchsammelstelle, welche die Käsereigenossenschaft in Eigenregie betreibt.

Die stetig schrumpfende Milchmenge stellt die noch acht Mitglieder grosse Genossenschaft vor neue Herausforderungen. So musste für die Milchabgabe ein 2-Tages-Rhythmus eingeführt werden, um die benötigte Mindestmenge von 600 Litern für den 10 000-Liter-Tank der Sammelstelle zu erreichen.

«Liegt der Pegel darunter, schaltet die automatische Kühlung nicht ein», erwähnt Marbet. Dieser Fall tritt ein, wenn einer der zwei Bauern mit Liefermengen von rund 350 Litern seine Milch als Erster in die Sammelstelle bringt. Im Schnitt werden an zwei Tagen jeweils etwa 5500 Liter Milch angeliefert.

«Für alle Lösungen offen»

Ob die Milchsammelstelle nach dem Verkauf des im Internet als Wohn- und Gewerbeliegenschaft ausgeschriebenen Gebäudes weiterbetrieben werden kann, hängt von der künftigen Nutzung ab.

«Wenn wir uns im Gebäude einmieten könnten, wäre das natürlich ideal, wenn nicht, müsste die Einrichtung eines Sammelplatzes im Dorf oder die Einführung einer Hofabfuhr ins Auge gefasst werden. Wir sind flexibel», so Marbet.

Der Präsident der Käsereigenossenschaft hofft, dass auch eine Lösung für den von Yvonne Misteli geführten Laden gefunden werden kann. «Wir bevorzugen Käufer, die das Gebäude samt Mietvertrag übernehmen.»

Bedingung sei dies allerdings nicht. Einen Zeitrahmen für den Verkauf hat sich die Käsereigenossenschaft nicht gesetzt. Es gebe zwar Anfragen, aber noch keine konkreten Interessenten. Man wolle sich Zeit lassen, um den richtigen Käufer zu finden. Zum Preis der Liegenschaft samt Umschwung wollte sich Marbet nicht äussern.

«Ich hänge quasi in der Luft»

Ladenbetreiberin Yvonne Misteli hat die Verkaufsabsichten der Käsereigenossenschaft zur Kenntnis genommen. Sie hoffe natürlich auch, dass ein allfälliger Käufer an der Weiterführung des Ladens interessiert sei.

Dies auch mit Blick auf ihr Alter, meint die bald 55-Jährige. Mit den erzielten Umsätzen im Laden sei sie zufrieden, müsse aber um jeden Kunden kämpfen. Das mache sie gerne und mit Leidenschaft.

Nicht zu wissen, wie es weitergehe, empfinde sie aber als Belastung. «Ich hänge quasi in der Luft, das ist kein gutes Gefühl», so Yvonne Misteli.