Am auffälligsten rauscht es am Berg. Dort, wo das stetige Dröhnen an den Jurasüdfuss prallt. Dort, wo es niemand erwarten würde. Denn dort ist sie nur an wenigen Stellen überhaupt sichtbar. Und doch, selbst mitten im Naherholungsgebiet, ist der Lärm der Autobahn Begleiter; mal lauter, mal leiser. Aber praktisch immer da. Egerkingen, das Dorf aus den Staumeldungen, lebt dank der Autobahn. Und muss auf absehbare Zeit mit ihr zurechtkommen. Das graue Band, das das Dorf gen Osten und Süden begrenzt, ist Lebens- und Leidensader, hat Egerkingen entscheidend verändert.

Immer wieder liest und hört man Geschichten darüber, wie die Jungen aus Dörfern flüchten, weil sie die Enge nicht mehr aushielten. Oder Geschichten darüber, wie Dörfer langsam den Anschluss verlieren, die Post schliesst, der letzte Dorfladen dichtmacht. Das ist in Egerkingen nicht passiert. Das Dorf hat den umgekehrten Weg genommen. Es lebt. Wohl mehr als je zuvor. Und doch steht es vor Veränderungen.

Grob, aber nicht nachtragend

Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi hat das Dorf in den letzten Jahren mitgeprägt. Damit auch mich und meine Wahrnehmung von Egerkingen. Als sie im Juni 2009 zur Wahl als Gemeindepräsidentin stand, habe ich das erste Mal wählen dürfen. Ihren Namen schrieb ich nicht auf meinen Wahlzettel. Weil ich sie nicht kannte. So ging es vielen im Dorf. «Dass ich kein Glanzresultat erziele, war klar», sagte sie damals gegenüber der Zeitung. Sie wurde mit nur 326 von 537 Stimmen gewählt. 211 Einwohner legten leer ein. Sie wurde trotzdem Gemeindepräsidentin. Niemand sonst stand zur Verfügung. Da geht es Egerkingen nicht anders als anderen Dörfern im Mittelland.

Bartholdi empfängt in ihrem Büro auf der Gemeindeverwaltung. Ein moderner roter Bau mit gekrümmter Fassade und hohen Fenstern. Hinter ihr hängen Fotos und Zeichnungen an der Wand. Erinnerungen an die Fasnacht zum Beispiel.

Eine Tradition, die sich lebendig erhalten hat in Egerkingen. Wenn sie meine teilweise scharfen Kommentare in der Zeitung gegen sie noch in Erinnerung hat, zeigt sie keinen Ärger darüber. «Die Egerkinger können grob sein. Aber sie sind nicht nachtragend», sagt Bartholdi. Sie, ursprünglich aus dem Berner Oberland stammend, ist ebenso Egerkingerin geworden. Und ich bin es geblieben.

Als Einsteiger in den Journalismus arbeitete ich mich an ihr ab. Sie und die Mehrheit des Gemeinderats wollten Schülern verbieten, auf dem Schulhof nicht deutsch zu sprechen. Die erste grosse Story. Für mich, nicht für Bartholdi. Sie hatte damals bereits Dorfbewohner verpfiffen, weil sie ihre Steuern nicht zahlten. Das Medienecho war gross, das Interesse an ihrer Person ebenso. Sie schläft dann jeweils nicht gut, isst wenig.

Das Autobahnklischee

«Wir sind nicht das Autobahndorf», sagt Bartholdi. Doch ein Klischee ereilt Egerkinger sofort und unbarmherzig: Wer erzählt, dass er aus dem Dorf am Jurasüdfuss stammt, dem ist die Verbindung zur Autobahn gewiss. «Ah, dort hat es doch immer Stau», heisst es dann. Aber sonst sei da nichts: die Autobahn, eine Ausfahrt, das Jürg-Schneider-Busenblitzer-Motel aus den 1980er-Jahren. Oder: die Autobahnausfahrt, das Motel, Mövenpick-Hotel, das Egerkinger-Komitee. Die Autobahn, zwei Hotels, eine Gruppe rechtskonservativer und eine Gemeindepräsidentin, die als Schweizerin des Jahres nominiert war, weil sie Steuersünder öffentlich anprangerte: Mehr ist nun wirklich nicht. Für ein Dorf mit rund 3500 Einwohnern ist das erstaunlich viel.

Egerkingen ist aber doch vor allem eines: ein Autobahndorf. Im Positiven wie im Negativen.
In Bartholdis Büro hängt eine Karte von Egerkingen. Darauf lässt sich eines der Probleme des Dorfes erkennen. Es ist gewachsen, franste über die Jahre immer weiter aus und wird gleichzeitig immer dichter verbaut. Es stehen viele Wohnungen leer, die Leerstandsquote liegt weit über dem schweizweiten Durchschnitt. «Ja, wir haben einen Fehler gemacht und zu viel Land umgezont», sagt Bartholdi. In der Annahme jedoch, das Stück für Stück des ehemaligen Landwirtschaftslands in kleinere Parzellen umgewandelt und verkauft wird. Das ist nicht passiert. Stattdessen verkauften die Grundbesitzer ihr Land am Stück.

Immobilienfirmen mit grossen Geldgebern wie Pensionskassen im Rücken fingen an zu bauen. Und hörten bis heute nicht auf. «Ein Bauherr meinte: Es ist eigentlich egal, ob hier schon Leerstand herrscht», sagt Bartholdi. Die Wohnungen würden auch so weggehen. Und wenn nicht alle, dann wenigstens so viele, dass es rentiert. Aber: «Die Gefahr von Wohnbrachen besteht vorderhand nicht», sagt Bartholdi.

Autobahn brachte Arbeitsplätze

Der Bau der A1 und der A2 in den 1960er- und 1970er-Jahren brachte dem Dorf Wachstum mit Verzögerung. Als ich 1992 mit 5 Jahren zu meinem Zimmerfenster rausschaute, sah ich einen alten Bauernhof. Wiesen rundeten das Bild der fast perfekten Ländlichkeit ab. Manchmal roch es am Morgen nach Gülle, im Herbst glitt der Nebel über die Felder.

Der Bauernhof wurde später abgerissen. Würde ich heute aus dem Fenster schauen, stünden da nur noch Wohnblocks. Die Wiesen sind überbaut, die Gülle ist weg. Was geblieben ist, ist der Nebel und das Rauschen der Strasse.

Als die erste Zugstrecke 1867 in Richtung Olten und Solothurn eröffnet wurde, war die Hoffnung gross. Die Hoffnung, dass Arbeitsplätze ins Dorf kommen, wenn nun ein Zug hält, wurde aber enttäuscht. Das Dorf blieb ein Bauerndorf. Eine Pinselfabrik war lange Zeit das Einzige, was an Industrialisierung und Fortschritt mahnte im Dorf.

Anfang der 1960er-Jahre wohnten rund 1500 Leute in Egerkingen. Erst in Kombination mit der Autobahn wuchs das Dorf. Doch auch hier brauchte es Zeit. Ende der 1980er-Jahre zählte das Dorf knapp 2400 Einwohner, lange Zeit hatte diese Zahl auf 2000 verharrt. Danach ging es schnell. 2007: 2978; 2012: 3297; 2017: 3528.

Die Gefahr, dass Egerkingen zum Schlafdorf wird, ist bei einem solchen Wachstum gross. Seit zwei, drei Jahren werden deshalb Neuzuzüger angeschrieben, eingeladen zu Apéros. Man kümmert sich. Viele nehmen das Angebot an, sagt Bartholdi. Und der Tenor sei: «Wir sind wegen der Lage des Dorfes hierhergekommen.» Und: «Es ist so schön ruhig hier.» Als Bartholdi 1982 nach Egerkingen zügelte, war der Lärm für sie überraschend. «Ich fragte, wo der Wasserfall sei», sagt Bartholdi. Gemeint hat sie das permanente Rauschen der Autobahn – einen Wasserfall in dieser Grösse sucht man hier vergebens. Die Aussensicht scheint anders zu sein als die Innensicht.

Tatsächlich ist das Dorf attraktiv. Die Autobahn hat Annehmlichkeiten gebracht. Nicht nur die Verkehrsanbindung. Kleinere Dorfläden sind zwar verschwunden, dafür zogen die Grossverteiler ein. Hotels und Restaurants konnten sich über Wasser halten. Das Motel und das Mövenpick sind gar zu schweizweiten Institutionen geworden. In den Nachbardörfern verschwinden immer mehr Restaurants. In Egerkingen nicht: Der «Sternen», der «Halbmond», das «Kreuz» und der «Rütti», wie er im Dorf genannt wird, sind alle innerhalb von wenigen 100 Metern zu erreichen.

Damit das Dorf auch in Zukunft attraktiv bleibt, versucht die Gemeinde einiges. Eine Kurtaxe wurde erhoben, im Mittelland eine Seltenheit. Mit der wird zum Beispiel die Renovation von Grillplätzen und Wanderwegen finanziert und eine Marketingwebsite betrieben. Auch ein neues Schwimmbad, das zurzeit gebaut wird, hilft da zum Beispiel. Die Finanzierung war umstritten in der Bevölkerung. Doch die Ja-Sager setzten sich durch.

Ein Problem: Das rasante Bevölkerungswachstum mit Wohnblockbauten an Wohnblockbauten verlangt nach immer mehr Schulraum. Und der kostet. Der Gemeinderat schlug für 2019 ein defizitäres Budget vor und verzichtet noch auf eine Steuererhöhung. Doch gänzlich ohne Steuererhöhung wird das Wachstum nicht tragbar sein. «In den nächsten sechs bis sieben Jahren wird es schwierig». Ausser: «Ein Euro-Millions-Sieger kommt ins Dorf», sagt Bartholdi.
Wir spazieren am Schulhaus vorbei, das schon bald zu klein sein wird, werfen einen Blick auf die Schwimmbadbaustelle.

Unser Weg führt uns quer durchs Dorf. Bartholdi grüsst hier und da, ich nicke mit. Die meisten kenne ich noch von früher, zumindest flüchtig. Wir gehen ins «Motel». Bartholdi führte das Hotel einst, lange bevor sie in die Politik ging. «Egerkingen hat es verstanden, nicht nur Logistiker anzusiedeln» sagt Bartholdi. Den letzten solchen Erfolg konnte die Gemeinde mit der Ansiedlung des Industriemineralienproduzenten Omya vermelden. Die Arbeitsplatzzahl in Egerkingen ist eindrücklich. Gemäss den neusten Zahlen kommen täglich 3172 Arbeitnehmende ins Dorf, 1838 verlassen die Gemeinde.

Casino, Skihalle, Stadion

Immer wieder versuchten Unternehmer, Grossprojekte in Egerkingen zu realisieren. Deshalb steht auch das Einkaufszentrum Gäupark im Dorf. Dessen Initiator Georg Hein treffen Bartholdi und ich per Zufall beim Mittagessen im «Motel», dem Namensgeber einer alten SRF-Serie. Er arbeite an einem neuen Projekt in Egerkingen. «Ich habe da was, das könnte dich sehr interessieren», sagt Hein zu Bartholdi. Weiter sagt er nichts. Die Anwesenheit eines Journalisten bremst ihn wohl.

Tollkühne Ideen hatten auch andere. 1998 gab es etwa Überlegungen, ein Casino in der Nähe des Autobahnkreuzes zu bauen. Zwei konkurrenzierende Planungen starteten. Die eine versprach mit dem Grand Casino Gäu ein «futuristisches Gebäude mit einer Fassade aus Naturstein, Glas und Stahl» mit 220 Glücksspielautomaten und 17 Spieltischen. Steuererträge in Millionenhöhe sollten fliessen.

Das andere Projekt wartete mit einem 46 Meter hohen Turm auf, inklusive 300 Spielautomaten und 35 Spieltischen. Nun, der Bieterkampf hat nichts gebracht. Beide Projekte starben den frühen Planungstod. Die erträumten 360 000 Besucher pro Jahr nahmen nie die Ausfahrt Egerkingen.

Neun Jahre später der nächste Versuch, die günstige Verkehrslage zu nutzen. Eine Skisporthalle sollte im Raum Egerkingen gebaut werden. Dahinter stand die IG Schnee, welche den Wintertourismus in der Schweiz fördern wollte. In Egerkingen, das im Herbst und Winter fast permanent nebelverhangen ist, sollten Junge zum Skifahren gebracht werden. Auch Swiss Ski und Schweiz Tourismus unterstützten die Vision. 70 Millionen Franken sollte die 800 Meter lange Halle kosten. Aus dem Projekt wurde ebenfalls nichts.

Danach gab es gerüchteweise Pläne für ein Eishockey-Stadion für den EHC Olten. Totzukriegen ist diese Vision nicht: Erst kürzlich wurde die Idee wieder aufgebracht. In die Kategorie der grossen Visionen gehört auch das unterirdische Gütertransportsystem «Cargo sous Terrain», das in der Gegend sein Zentrum haben soll. Wobei hier, zumindest im Moment, die Zeichen noch gut stehen.

Eine grosse Idee scheiterte nicht: das Einkaufszentrum Gäupark. Geplant von einem Unternehmer aus dem Nachbardorf hat es sich zum neuen Zentrum des Dorfes entwickelt. Rentner verbringen ihre Freizeit im Einkaufstempel, käffelen mit ihren Bekannten. Die Jugend trifft sich am Mittwochnachmittag im Center, gibt das Ersparte für billigen Modeschmuck und Kapuzenpullis von H&M aus. Initiator Georg Hein verkaufte ein paar Jahre nach der Eröffnung an die Migros.

Bald soll der Gäupark umgebaut werden. Er ist zu gross, rentiert immer weniger in seiner heutigen Form. Dem neuen Zentrum droht die Bedeutungslosigkeit, wie anderen Einkaufszentren. Für Bartholdi ist wohl auch deshalb klar, dass das Zentrum des Dorfs nur an der Martinstrasse sein kann. Dort, wo eine gerade Strasse direkt zum alles überragenden Kirchenturm führt. Und etliche Häuser aus alten Zeiten stehen. Den Häusern sieht man ihre bäuerliche Herkunft von weitem an.

Doch auch hier hat einiges geändert. Zurzeit werden direkt im Herzen des Dorfes neue Wohnungen gebaut. Das hat auch mit der Veränderung der Bevölkerung zu tun. Es wachse eine komplett neue Generation heran, die nicht mehr dem Bauerndorf hinterhertrauere, sagt Bartholdi. Sondern die Vorzüge des Dorfes zu schätzen wisse. Das heisst aber auch, dass eine Modernisierung mitten im Dorfkern zugelassen wird. Und es heisst auch, dass man sich mit dem Wachstum beschäftigen muss. Ein Wachstum, das mehr Veränderungen bringen wird als höhere Steuern und neue Wohnungen mitten im Dorf.