Der Alltag in der «Lilith» hält Lis Misteli auf Trab wie gewohnt. Und doch spürt sie manchmal schon die Veränderung. Etwa an der Team-Retraite von Anfang November, die ihre letzte war und sie etwas wehmütig stimmte: Die Gründerin des Zentrums für Frauen und Kinder «Lilith» in Oberbuchsiten ist am Abschiednehmen. Ende September hat der Vorstand des Trägervereins Lis Mistelis Nachfolgerin gewählt, sie selber geht im Mai 2015 in Pension. «Es ist ein wunderbares Gefühl, ein über viele Jahre gewachsenes Projekt in gute Hände zu übergeben», sagt die langjährige Geschäftsleiterin.

Stetig weiter entwickelt

Am 8. März 1996, dem Internationalen Frauentag, öffnete die Lilith im Unteren Bifang von Oberbuchsiten ihre Türen. Das Konzept, Frauen in schwierigen Lebenslagen zusammen mit ihren Kindern ein temporäres Zuhause mit Therapiemöglichkeiten zu bieten, war aus Lis Mistelis Diplomarbeit hervorgegangen; die zweifache Mutter hatte sich im Alter von 39 Jahren zur Sozialpädagogin ausbilden lassen, von einem Zweigenerationenhaus hatte sie immer geträumt. Die Lilith ist, wie sie sagt, ihr «Baby».

Seit jenem Eröffnungstag vor über 18 Jahren hat sich die Institution weiterentwickelt, «wir haben sehr viel erreicht», sagt Lis Misteli nicht ohne Stolz. So ist das ursprüngliche Betreuungsangebot von acht Plätzen auf heute 21 Plätze angewachsen. Aus dem Haus und im Dorf verstreuten Wohnungen ist ein auf drei Häuser verteiltes Zentrum geworden, samt externer Tagesstätte und ambulanten Angeboten. Das Budget hat sich versechsfacht, 35 Mitarbeitende – gegenüber ehemals 12 – kümmern sich heute um die Belange der Mütter und Kinder.

Schweizweit einzigartig

Die Lilith, schweizweit das einzige Zentrum seiner Art, geniesst weit über die Region hinaus einen hervorragenden Ruf. Dazu beigetragen hat auch der 2012 eingeweihte, unmittelbar neben dem Haupthaus domizilierte Neubau: Mit Hilfe zahlreicher Spender und eines Patronatkomitees, das von Regierungsrätin Esther Gassler präsidiert wurde, gelang es den Lilith-Verantwortlichen, das 3,5-Millionen-Gebäude zu finanzieren. Lis Misteli liegt das schöne, nach ökologischen Standards konzipierte Haus mit den neun Wohnungen ganz offensichtlich am Herzen. «Es verkörpert geradezu ideal die Philosophie der Lilith, Mutter und Kind wenn immer möglich nicht zu trennen», sagt sie.

Ein Zuhause für Frauen

Nicht nur das äussere Erscheinungsbild, auch die Klientinnen der Lilith haben sich in den letzten Jahren gewandelt. Wurden zu Beginn vor allem suchtkranke Frauen (mit oder ohne Kinder) betreut, leiden heute viele von ihnen zusätzlich an einer psychischen Erkrankung. Eine wachsende Gruppe sind Mütter mit einer «strukturschwachen» Persönlichkeit: Frauen, die sich im Leben allein nicht zurechtfinden, erst recht nicht mit einem Kind. Das psychosoziale Betreuungsangebot ist dementsprechend auf andere Ziele ausgerichtet als zu Beginn, wie Lis Misteli erklärt: «In den Anfängen der Lilith konnten wir darauf hinarbeiten, die von uns betreuten Mütter gesund, gestärkt und sozial integriert in die Gesellschaft zu entlassen. Heute geht es in vielen Fällen darum, die vorhandenen Fähigkeiten der Frauen so zu stärken, dass sie später mit ambulanter Begleitung zumindest selbstständig wohnen können.» Für manche Frauen sei die Lilith ein Refugium, ein Zuhause; der einzige Ort, von dem sie nicht schon nach kurzer Zeit wieder weggeschickt würden.

Es gibt noch «Baustellen»

Etwa fünf Monate bleiben Lis Misteli bis zum endgültigen Abschied. Ist alle Arbeit getan, sind alle Ziele erreicht? «Nein, da sind schon noch ein paar Baustellen», sagt sie lachend. Ein Projekt betrifft die Einrichtung einer zweiten Kinderwohnung im Neubau. Ein anderes, eher betriebswirtschaftliches Ziel ist es, die Lilith noch besser in die Interkantonale Vereinbarung für soziale Einrichtungen (IVSE) einzubinden. Auch das schweizweite Netzwerk, das aus dem Fundraising heraus entstanden ist und die Lilith immer wieder für spezielle Anschaffungen finanziell unterstützt, will Lis Misteli bis zum Schluss pflegen. Wenn ihre Nachfolgerin übernimmt, ist die Lilith im 20. Betriebsjahr. Dann ist das Baby endgültig erwachsen.