Amtsgericht

Das angebliche Blackout beim Unfall zog vor Gericht nicht

An dieser Stelle bog Martin P. am 23. März 2014 um 1.15 Uhr morgens trotz nahendem Gegenverkehr links ab.Symbolbild

An dieser Stelle bog Martin P. am 23. März 2014 um 1.15 Uhr morgens trotz nahendem Gegenverkehr links ab.Symbolbild

Ein 22-jähriger Gäuer verursachte wegen Missachtung des Vortrittsrechts einen Unfall. Er gab an, ein Blackout erlitten zu haben. Die Richter glaubten ihm nicht.

«Auch der Präsident der FDP Schweiz konnte sich nach seinem Unfall mit einer Rollerfahrerin an nichts mehr erinnern», führte Rechtsanwältin Corinne Saner (Olten) bei ihrem Plädoyer vor Amtsgerichtspräsident Guido Walser zugunsten ihres Mandanten Martin P.* ins Feld.

Der 22-jährige Gäuer hatte am Samstag, 23. März 2014, kurz nach 1 Uhr morgens, beim Linksabbiegen auf der Hauptgasse in Härkingen in seinem Auto das Vortrittsrecht missachtet. In der Folge krachte ein entgegenkommendes Fahrzeug ins Heck des Angeklagten.

«Keine Erinnerung nach Unfall»

Im Gegensatz zu FDP-Präsident Philipp Müller, der laut Medienberichten nicht sagen konnte, wie es zum Unfall mit der Rollerfahrerin gekommen war, erinnerte sich Martin P. an die Ereignisse in jener Nacht vor rund eineinhalb Jahren. Er habe damals spontan beschlossen, noch in den Ausgang zu gehen. Deshalb sei er mit seinem Auto über die Fulenbacherstrasse via «Pflug»-Kreisel auf der Hauptgasse in Richtung Neuendorf gefahren.

Bei der Gärtnerei Studer sei er dann links in den Gerberaweg abgebogen, weil er wieder nach Hause fahren wollte. «Ich hatte es mir anders überlegt», sagte der mit Jeans und T-Shirt zur Verhandlung erschienene junge Mann auf Nachfrage des Vorsitzenden. Das ihm engegenkommende Auto habe er schon gesehen, die Distanz von 50 Metern zu diesem aber als ausreichend erachtet. Im Gedächtnis haften gebleiben sei ihm vom aber Unfall nur, dass es zweimal heftig gekracht habe. Dass er in einen Unfall verwickelt gewesen sei, habe er erst am nächsten Morgen realisiert, meinte der gelernte Bauspengler.

Mehr zum Unfallgeschehen konnte der aus der Gegenrichtung gekommene Autofahrer sagen. Das Auto des Angeklagten sei ihm bereits von weitem aufgefallen, weil dieses ungewöhnlich links gefahren sei. Dass der Wagen dann aber unmittelbar vor ihm abgebogen sei, habe er nicht erwartet, schliesslich sei auch der Blinker nicht betätigt worden.

Eine Chance abzubremsen habe er nicht mehr gehabt und den Wagen des Angeklagten deshalb hinten am Heck getroffen. Das Auto sei danach an den Kandelaber geschleudert worden, wo es stehen geblieben sei. «Als ich nach dem ersten Schock nachschauen wollte, ob dem Fahrer etwas passiert ist, hat dieser einfach aufs Gas gedrückt und ist abgehauen», berichtete der 30-Jährige.

Anwältin kehrt Spiess um

Dieselben Beobachtungen machten eine hinter dem Auto von Martin P. herfahrende Frau sowie deren Mitfahrer. Ihnen war aufgefallen, dass dessen Fahrzeug immer wieder nach links in Richtung Gegenfahrbahn driftete. «Als würde der Fahrer im Auto an etwas herummanipulieren», mutmasste die 42-jährige Frau. Und dann habe es auch schon gekracht. Das Auto habe nicht geblinkt», meinte die Zeugin auf Nachfrage. Unverständlich sei für sie gewesen, dass der Angeklagte danach einfach Fahrerflucht begangen habe.

Rechtsanwältin Corinne Saner hatte dafür eine Erklärung: Ihr Mandant habe beim Unfall den Kopf angeschlagen und deshalb einen Schock erlitten. «Er wusste danach nicht mehr, was er tat», so Saner. Deshalb habe er auch nicht mehr gewusst, wo er das Auto nach dem Unfall abgestellt habe und wie er nach Hause gekommen sei. Auch die ihm zur Last gelegte Fahrerflucht habe ihr Mandant nicht vorsätzlich begangen.

Die ganze Anklage zu Fall bringen wollte die Rechtsanwältin mit der Aussage, dass nicht ihr Mandant, sondern der Fahrer des aus Gegenrichtung kommende Fahrzeugs den Unfall verursacht habe. Dieser sei schlicht zu schnell gefahren. Deshalb könne das Urteil nur Freispruch lauten.

Auto hinter Holzstapel versteckt

Bei Gerichtspräsident Guido Walser verfingen diese Konstrukte nicht. Er sprach Martin P. schuldig wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln durch Unaufmerksamkeit, unterlassen der Richtungsanzeige und Missachtung des Vortrittsrechts beim Linksabbiegen vor einem entgegenkommenden Fahrzeug sowie Fahrerflucht. Der Gäuer wurde zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 100 Franken bedingt auf zwei Jahre und zu einer Busse von 1200 Franken verurteilt. Zudem wurden ihm die Verfahrenskosten von 1800 Franken auferlegt.

Das Gericht begründet sein Urteil damit, dass der Angeklagte sein stark beschädigtes Auto nach dem Unfall bei der ehemaligen Sägerei im Wald in Härkingen hinter einem Holzstapel versteckt habe. Dabei habe er sehr gezielt gehandelt.

Das ins Feld geführte Blackout von Martin P. wertet das Gericht deshalb als Schutzbehauptung, zumal auch die ausgelösten Airbags im Auto nicht darauf schliessen lassen, dass der Angeklagte mit seinem Kopf gegen die Scheibe der Seitentüre geprallt sei. Als sehr glaubwürdig beurteilt wurden hingegen die übereinstimmenden Aussagen der Zeugen. Dem Verurteilten droht nun wohl ein Entzug des Fahrausweises.

*Name von der Redaktion geändert

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