Die Dampflokomotive 456 war eigentlich verdient in Rente gegangen. 29 Jahre lang stand sie an dem Ort, an dem die Schweizer Bahngeschichte mit der Schweizer Nordbahn zwischen Zürich, Dietikon und Baden begann.

Hier liess es sich die Lok gut gehen, während die modernen Züge im Höllentempo vorbeibrausten. Der Dietiker Modellbahn-Club pflegte sie, damit sie wenigstens gut aussieht. Dann die Wende: Ein gut 50 Meter hoher Pneukran riss die Lok 2011 von den Dietiker Gleisen wie der Prinz Dornröschen aus dem Schlaf. In der Luft hängend erhaschte sie einen letzten Blick auf Dietikon. Nie wieder würde sie diese Stadt sehen. Dabei haben die Modellbähnler ihr doch so viel Gutes getan: «Als wir sie übernommen haben, war sie ein Rosthaufen. Das Führerhaus sah aus wie ein Emmentaler», sagte damals einer der Modellbähnler, die der Lok die Restauration freilich gönnten.

Ein Schwertransporter führte die Lok nach Balsthal im Kanton Solothurn. Dort restaurierten sie die Männer der Dampfgruppe der Oensingen-Balsthal-Bahn. Gestern sind sie damit fertig geworden. «Total wurden etwa 10 000 Mannstunden geleistet», sagt Pascal Troller, der auf die Erhaltung historischer Kulturgüter spezialisiert ist. Der Zürcher ist verantwortlich dafür, dass die Dampflok 456 wieder auf Vordermann gebracht wurde. Zwei Jahre lang hat er dafür Geld gesammelt. Insgesamt 400 000 Franken waren nötig. Je 50 000 Franken davon kamen aus den Lotteriefonds der Kantone Aargau und Zürich.

Dank der Restauration sieht das alte Stahlross nicht nur wieder gut aus, sondern ist auch wieder fit wie ein Turnschuh. Um das unter Beweis zu stellen, tuckert die Lok heute mit 40 Kilometern pro Stunde von Balsthal nach Oensingen, um dort vom örtlichen Pfarrer gesegnet zu werden. Danach kehrt sie nach Balsthal zurück.

Damit das alles klappt, hat die Dampfgruppe bereits am Dienstag eine inoffizielle Testfahrt durchgeführt – zum Glück, muss man anfügen. «Die Injektoren, die Pfeife, die Regulatorhebel im Führerstand sowie die Steuerung haben noch nicht richtig funktioniert», sagt Pascal Troller. All diese Teile haben die Männer der Oensinger Dampfgruppe nochmals unter die Lupe nehmen müssen. Nicht ganz unerwartet.

Der Chef ist gar nicht ferrophil

«Das wäre ein Weltwunder gewesen, wenn bei der Premiere alles geklappt hätte», sagt Troller. «Jetzt gehen wir aber davon aus, dass die Maschine läuft.» Troller ist selber kein Ferrophiler, wie man fanatische Eisenbahnfreunde auch nennt. «Dampflokomotiven sind mir nicht als Dampflokomotiven wichtig, sondern als herausragende Denkmäler der schweizerischen Industriekultur», sagt Troller.

Die Männer der Dampfgruppe haben sich heute Morgen um vier Uhr getroffen, um allerletzte Handgriffe zu vollziehen und die Lokomotive anzuheizen. Da sie mit Dampf angetrieben wird, ist es für den Lokführer wichtig, stets den optimalen Betriebsdruck im Kessel zu haben. Sonst wird es gefährlich. Bevor die 456 erstmals wieder richtig auf Strecke geht, schaut darum noch ein Kesselinspektor des Schweizerischen Vereins für technische Inspektionen vorbei. Gemäss Vorschrift überprüft er die Armaturen und das Sicherheitsventil. Sonst darf das alte Stahlross nicht in Betrieb gehen.

Um neun Uhr startet dann die Fahrt, zusammen mit vier weiteren Dampflokomotiven. Damit es überhaupt Dampf gibt, braucht die Maschine viel Kohle. Total hat sie Platz für eine Tonne. Mit Grillkohle lässt sich die Lok aber nicht antreiben. «Die Kohle für die Dampflokomotiven müssen wir aus England importieren», sagt Troller. Der Treibstoff kommt also aus dem Mutterland der Dampfmaschinen.

Und läuft die Maschine dann tatsächlich, ist etwas weltweit Einzigartiges vollbracht. Denn von den Dampflokomotiven des Typs E 3/3, zweite Nordostbahn-Baugruppe, hat die Schweizerische Lokomotiven- und Maschinenfabrik im vorletzten Jahrhundert neun Stück hergestellt. Heute existieren noch die 456 und ein weiteres Exemplar, das im aargauischen Brugg steht. Weil diese Schwestermaschine noch nicht fahrtüchtig ist, wird die 456 damit zur einzigen betriebsfähigen Lok dieser Bauserie.

Die 456 zügelt im Juli ins Seetal

In den nächsten Wochen wird die Dampflokomotive noch mehrmals über die Schienen tuckern, um die zukünftigen Führer instruieren zu können. Danach soll die 456 im Juli ihre längste Strecke seit Jahrzehnten zurücklegen, nach Hochdorf am Baldeggersee im Kanton Luzern. Dort ist der Verein Historische Seetalbahn zu Hause. Dieser besitzt mehrere alte Dampflokomotiven und fährt diese regelmässig aus. «Die Übergabe der Lok an diesen Verein ist die einzige Möglichkeit, um die Lok hin und wieder ausfahren zu können», sagt Troller. Und nur wenn die 456 hin und wieder dampfen darf, haben sich die 10 000 Arbeitsstunden gelohnt, die die Dampfgruppe der Oensingen-Balsthal-Bahn geleistet hat.

Am 3. und 4. September laden die Seetalbähnler zu ihrem Remisenfest in Hochdorf/LU. Dort präsentieren sie die 456 und andere Dampflokomotiven der Öffentlichkeit.