Matzendorf

Chesslete in der Idylle: Wenn die Fasnacht ruft, kommen sie aus Ho Chih Minh

Die Chesslete war der Urknall zur diesjährigen Fasnacht. Auch in Matzendorf, wo die Fasnacht 1994 durch ein Kommitee neues Leben erhielt. Die Szene ist bis heute sehr aktiv geblieben. Etwa auch wenn es darum geht, innovative Rätschen zu bauen und den Lärmpegel zu erhöhen.

Ein Knall und vorbei ist’s für die nächste Stunde mit der Ruhe im Dorf. Eine knappe Hundertschaft hat sich weisse Kittel und Mützen übergezogen und zieht um fünf Uhr in der Früh los, um dem 1300-Seelen-Dorf klar zu machen: Ab sofort regiert die Fasnacht.

Eine kurze Nacht war es für Hans Kaufmann. Seine Augen leuchten am frühen Morgen des Schmutzigen Donnschtigs vor Freude. Am Vorabend stand um zehn Uhr nachts unverhofft einer seiner Söhne unter dem Türrahmen seines Schlafzimmers. «Er ist extra für die Fasnacht aus Vietnams Hauptstadt Ho Chi Minh angereist», erzählt Kaufmann im proppenvollen Gasthof Rössli, wo sich der süssliche Duft der Mehlsuppe ausbreitet. Seit 52 Jahren ist Kaufmann bei der Matzendörfer Fasnacht dabei. «1968 war die Fasnacht hier richtig gross», erinnert er sich. Danach habe es immer wieder ein wenig gekriselt. Ein Fasnachtskommittee sollte helfen, der Matzendörfer Fasnachtsszene ein Fundament zu geben. Da sie im Thal gemeinhin die «Schnägge» sind, gab sich das Kommitee einen Namen der an das gemächliche Weichtier angelehnt ist. Und so formierten sich 1994 die «Schliimschiisser». «Seither wuchs die Fasnachtsbewegung stetig an», sagt Kaufmann, der das Kommitee seit den Anfängen präsidiert.

Eine Stunde zuvor lädt die Fasnachtsclique «7-Sieche» ihr Zündrohr immer wieder mit Schwarzpulver, Alufolie und einer Ration Konfetti und lässt es beben, während sich die weiss gekleidete Menschenschaar durch die Ecken des Dorfes schlängelt. Kuhglocken-Klänge mischen sich mit dem rattern der holzigen Rätschen – dazwischen drücken schrille Hup- und Trompeten-Töne durch.

Die Kreativität kennt in Matzendorf keine Grenzen, wenn es darum geht Rätschen zu entwickeln. Seit nunmehr elf Jahren führen die «Füürschnäggä» mit eine überdimensionierte Rätsche aus. Die Fasnachtswagenbauer-Gruppe ging 2009 aus der Feuerwehr hervor. Bis im letzten Jahr brachte die Clique die orgelähnlich aneinandergereihten Balken mit einer mechanischen Handkurbel zum Singen. Mittlerweile ist die Rätsche motorisiert betrieben. Aber wie es sich mit der Technik so auf sich hat, zeigte sich auf halbem Weg: Ein elementares Stück der Rätsche ging in die Brüche. «Wir müssen sie noch optimieren», sagte Füürschnäggä-Präsident Stefan Infanger. «Im letzten Jahr war der Antrieb der Rätsche noch etwas zu langsam eingestellt, weshalb wir nun die Drehzahl erhöhten.»

Ein Alphüsli zum Motto «Schnägge i’d Hose»

Auch wenn das Chesslete-Herzstück der neunköpfigen Fasnachtsgruppe frühzeitig verstummte, liess sich Infanger die Vorfreude auf die kommenden Tage nicht verderben. Das eigentliche Prunktstück der «Füürschnäggä» ist der Wagen, den die Gruppe seit November gebaut hat und nun vorführen wird. Die Matzendörfer machen in diesem Jahr nicht wie an der Fasnacht oft üblich eine Rückschau auf das letzte Jahr, sondern blicken mit ihrem Motto in die Zukunft: «Schnägge i d’Hose» heisst es im Thaler Dorf. Denn im Sommer findet in Matzendorf das kantonale Schwingfest statt. Auch die «Füürschnäggä» widmeten sich diesem Motto und bauten ein Alphüsli, das Stefan Infanger stolz auf seinem Handy zeigt. Die Matzendörfer ziehen wie für Fasnachtsgruppen üblich weit umher, um ihr Werk zu präsentieren. Mit ihrem Alphüsli werden sie sich in diesem Jahr an der Wagennacht in Gunzgen und am Wochenende an den Umzügen in Balsthal und Welschenrohr zeigen.

Den Schmutzigen Donnerstag feiern die Matzendörfer aber ganz unter sich. Das Programm ist nahrhaft. Nach der Mehlsuppe im Rössli ziehen die Fasnächtler um 9 Uhr weiter zum Metzger, wo Wienerli und Wein warten. Am Nachmittag steht der Kinderumzug an, bei dem dieses Jahr 13 Nummern am Start stehen. «Grösser wollen wir gar nicht werden», sagt ein Mitglied des Fasnachtskommitees. Um den Brauch weiterzugeben, scheuen die «Schliimschiisser» aber keinen Aufwand. Für die Fasnachtsparty der Kinder verkleideten sie das Pfarreihaus komplett in fasnächtlichen Farben. «Mittlerweile wissen die Leute wie die Fasnacht läuft», sagt Hans Kaufmann. Das Kommitee müsse gar nicht mehr so viel initiieren – die Anlässe seien alle gut besucht. Bereits am Sonntag endet das Fest, wenn die «Chrüpple» den selbstgebauten Böögg verbrennen. Bis dahin dürfte das Chesslete-Surren in den Ohren abgeklungen sein.

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