Rücktritt

Chef der Balsthaler RCT ist im Visier der Justiz

Die Turbulenzen an der Spitze der Accu Holding drohen auch die Tochterfirma RCT in Balsthal zu erfassen. CEO Marco Marchetti ist abgetreten.

Die Turbulenzen an der Spitze der Accu Holding drohen auch die Tochterfirma RCT in Balsthal zu erfassen. CEO Marco Marchetti ist abgetreten.

An der Spitze der Accu Holding AG, zu welcher auch die RCT Hydraulic Tooling AG in Balsthal gehört, brodelt es: Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat gegen den Mehrheitsaktionär, CEO und VR-Präsidenten, Marco Marchetti, eine Strafuntersuchung eingeleitet.

Die in Emmenbrücke ansässige Accu Holding AG befindet sich in heftigen Turbulenzen. Das interessiert auch in der Region Solothurn. Denn zur Gruppe gehört auch die Industriefirma RCT Hydraulic Tooling AG in Balsthal. Und dort rumort es seit Monaten gewaltig wegen ausstehenden Löhnen.

Zurück zur Accu Holding. Vor einer Woche eröffnete die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich gegen den Mehrheitsaktionär, Verwaltungsratspräsidenten und CEO, Marco Marchetti, eine Strafuntersuchung wegen «möglicher Vermögensdelikte», teilte die Unternehmung selbst mit.

Das bestätigt auf Anfrage Muriel Tièche, juristische Sekretärin der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft. «Gestützt auf eine Anzeige im Namen der geschädigten Firma hat die Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundendelikte eröffnet.»

Weitere Auskünfte könnten derzeit aus ermittlungstechnischen Gründen nicht erteilt werden. Marchetti selbst war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Auch sein Stellvertreter und Accu-Finanzchef Andreas Kratzer wollte oder konnte keine Details zur Strafuntersuchung nennen. Nur so viel: Das Verfahren betreffe nicht die Accu Holding AG, sondern die Privatperson Marco Marchetti, sagt er. Gegenüber dem Betroffenen gelte die Unschuldsvermutung.

Rücktritt als Präsident und CEO

Trotzdem ist die Accu Holding betroffen. Das börsenkotierte Unternehmen hat am 11. April wegen der Strafuntersuchung den Vollzug der laufenden Kapitalerhöhung von über 10 Millionen Franken um mindestens zwei Wochen verschoben.

Geplant war die Ausgabe der neuen Aktien am 14. April. Die Verschiebung sei nötig, so Kratzer, weil der entsprechende Emissionsprospekt mit dem Hinweis auf die Strafuntersuchung ergänzt werden müsse. Die zeichnungswilligen Investoren (bestehende und neue Aktionäre) können sich also ihr Investment aufgrund der neuen Fakten nochmals überlegen und allenfalls vom Rücktrittsrecht Gebrauch machen.

Reagiert hat Marchetti selbst. Er trat am vergangenen Freitag mit sofortiger Wirkung als Verwaltungsratspräsident und CEO der Accu Holding zurück. Andreas Kratzer übernimmt die Funktionen interimistisch bis zur nächsten Generalversammlung am 17. Juni. Kratzer verneint die Frage, ob mit dem möglicherweise geplatzten Zufluss neuer Mittel die Firmengruppe gefährdet sei.

Es gebe Alternativen. «Es macht sich zwar eine gewisse Unruhe breit. Es gilt nun, das Vertrauen im Kapitalmarkt zu behalten.» Allenfalls müsse der Verwaltungsrat mit unabhängigen Personen verstärkt werden.

In Bayern verurteilt

Unabhängig von diesem Verfahren ist Marchetti zur Hypothek für die Accu Holding geworden. In Bayern hat ihn das Amtsgericht Hof im März wegen Betrug und Insolvenzverschleppung zu 21 Monaten bedingter Haft, einem fünfjährigen Berufsverbot für Geschäftsführer-Tätigkeiten und hohen Geldzahlungen verurteilt, wie die dortige «Frankenpost» berichtete.

Laut Gericht hatte Marchetti 2011 eine Spinnerei in Mainleus übernommen, sie unter dem Namen Kuspi weitergeführt. Doch kurze Zeit später ging auch Kuspi pleite. Ob er das Urteil weiterzog, ist offen. Weder Marchetti noch sein Anwalt haben Anfragen beantwortet.

Verliert RCT Grosskunden?

Marchetti hat innert weniger Jahre unter dem Namen Accu Holding (ehemalige Accumulatoren-Fabrik Oerlikon) eine Industriegruppe mit den beiden Bereichen Industriegarne und Oberflächentechnologie gezimmert. Für 2015 wurde ein Umsatz von 156 Millionen Franken ausgewiesen, beschäftigt seien gegen 1'000 Mitarbeitende. Zur Gruppe gehört auch die 2011 übernommene RCT in Balsthal.

Seit Monaten klagen dort Mitarbeitende über hohe ausstehende Lohnzahlungen. Inzwischen haben mehrere Ex-Angestellte die RCT betrieben. Bislang erfolglos, trotz Interventionen der Gewerkschaft Unia.

Nachdem Marchetti und Kratzer zuerst behauptet hatten, es gebe keine Lohnausstände, verwiesen sie später auf die schwierige Lage der Balsthaler Firma. «RCT erwirtschaftet seit vielen Jahren massive Verluste.» Seit der Übernahme ist der RCT-Personalbestand von 160 auf aktuell 75 gesunken. «Aufgrund der Auftragslage mit drei Hauptkunden ist keine weitere Reduktion geplant», sagte Marchetti Ende März auf Anfrage.

Gerüchte, wonach der deutsche Bosch-Konzern als Grosskunde die Verträge mit der RCT für Teile- und Komponentenlieferungen nicht mehr verlängert habe und diese Ende Juni auslaufen würden, dementiert Kratzer. «Es finden laufend Gespräche mit Kunden statt.»

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