1971 entschloss sich der damals 22-jährige Reckenchiener Bauernspross Guido Bloch nach Australien zu reisen. «Eine Ausreise war damals noch gar nicht mein Plan», erzählt er am Tisch sitzend im Aufenthaltsraum des neuen Lagerhauses Reckholder im Mümliswil. Denn ein paar Monate später kam er zurück, zusammen mit der Australierin Mary, die er in Übersee kennen- und lieben gelernt hatte. «Wir lebten dann drei Jahre wieder in Mümliswil, doch es war schwierig hier,» erinnert sich der heute 69-Jährige. Der Australien-Virus hatte ihn gepackt und so beschloss er dann doch, nach Australien, genauer gesagt nach Brisbane auszuwandern.

Doch all die Jahre auf der anderen Seite des Erdballs hat Guido Mümliswil und das Reckenchien und seine Verwandtschaft nicht vergessen. «Immer wieder kamen Mary und ich, sowie ein Teil unserer immer grösser werdenden Kinderschar für ein paar Wochen in die alte Heimat. Einige seiner Kinder haben hier gar ein paar Wochen den Schulunterricht besucht oder einen Teil ihrer Lehre absolviert.» So blieb er verbunden mit seiner Familie und Freunden in der Schweiz, aber auch mit dem ganzen Dorf. Oftmals meldeten Mümliswiler sich bei ihrem eigenen Australien-Trip bei ihm und brachten Neuigkeiten aus dem Guldental nach Brisbane. 

Lange Planung einer Reise

Seit etwa zwei Jahren plante die Familie Bloch einen etwas längeren Besuch in Mümliswil; länger als alle anderen vorher. «Ich werde nächstes Jahr 70 und unsere Gesundheit ist noch gut, deshalb wollte ich einmal meiner gesamten australischen Familie meine alte Heimat zeigen», schildert Bloch. Zudem laufe jetzt gerade die Übergabe seines Betriebes, eine prosperierende Decken- und Wandproduktionsfirma an die nächste Generation. Also der ideale Zeitpunkt, um einen Merkpunkt in der Familiengeschichte zu setzen.

Bei der Reise-Planung bestand eines der grössten Probleme darin, eine geeignete Unterkunft für 21 Personen aus drei Generationen in der näheren Umgebung von Mümliswil zu finden. Da kam es gerade recht, dass Bloch in Brisbane von einer bekannten Mümliswilerin hörte, dass im Dorf eines der nicht mehr gebrauchten Schulhäuser, nämlich das im Jahr 1952 gebaute Schulhaus Reckholder (s. Kontext), zu einer Lagerunterkunft ausgebaut werden soll. Und schnell waren die Kontakte mit der Gemeinde geknüpft und die Lagerunterkunft gleich für sechs Wochen gemietet.

70 Paar Schuhe mit dabei

Am 28. Juni kam die Familie, Guido und Mary, ihre sieben Kinder teilweise mit Partnern und neun Enkelkindern – das Jüngste 8 Monate alt – in Zürich an. «Wir mieteten drei Busse für mehrere Personen, verfrachteten das viele Gepäck – darunter beispielsweise 70 Paar Schuhe – und reisten nach Mümliswil», erzählt Guido. Ein Teil der Verwandtschaft sei mit dem Zug bis Oensingen gereist. Das sei alles reibungslos verlaufen. «Nun leben wir also hier und haben schon vieles erlebt und gesehen», freut er sich. Es ist sein Wunsch, seiner Familie das typische Schweizer Dorfleben zu zeigen.

Dafür ist Mümliswil natürlich ideal. «Wir bewegen uns im Dorf, machen an Festen mit, gehen einkaufen, treffen alte Bekannte. Ein Leben, wie wir es in der Grossstadt Brisbane nicht führen», sagt er. «In Australien leben 80 Prozent der Bevölkerung in Städten und 20 Prozent auf dem Land. In der Schweiz ist es genau umgekehrt». Und: «Es ist mir wichtig, dass meine Familie – wir sind übrigens alles Schweizer – das grundsolide demokratische Leben hier erfährt.» Ein Leben, welches in Australien heute so nicht mehr möglich sei, sagt Bloch kritisch. «Als ich in den siebziger Jahren dort ankam, hatte man noch sehr viele Freiheiten. Heute wird alles zentral geregelt und ich habe manchmal das Gefühl, dass es jeden Tag zwei neue Gesetze gibt.»

Am Weissenstein Schwinget

Am letzten Samstag besuchte die Familie den Weissenstein-Schwinget. «Dazu sind noch Freunde aus Berlin und London mitgekommen. Es war sehr eindrücklich, sehr urtümlich.» Am meisten habe es ihre Gruppe erstaunt, wie die Leute trotz Regenwetter und tieferen Temperaturen unermüdlich draussen blieben und die Wettkämpfe verfolgten. Und die vielen vorgegebenen Abläufe und Regeln habe man sich erklären lassen müssen, schmunzelt er.
Viele weitere, typisch schweizerische Ausflugsziele hat die Familie inzwischen schon gesehen: Schilthorn, Pilatus, Luzern, kleine Scheidegg, der Doubs, die Schaukäserei in Affoltern i.E. «Manchmal reist auch nur ein Teil der Family irgendwo hin. Es ist deshalb wichtig, dass wir uns untereinander gut absprechen und jede Woche einen Plan erstellen, sagt das «Oberhaupt».

Rund drei Ausflüge pro Woche stünden auf dem Programm. So lerne man auch vieles über seine eigene Familie, sagt Bloch noch verschmitzt und erwähnt auch seine Enkel. «Für einige ist es vielleicht etwas viel. Deshalb ist es gut, dass auf dem Schulgelände auch ein Spielplatz vorhanden ist und die Kinder sich draussen ohne Gefahren bewegen und austoben können.»

Mit dem Lagerhaus Reckholder seien sie alle sehr zufrieden, erwähnen die Familienmitglieder noch, die sich inzwischen auch an den Küchentisch setzen und auch von ihren Erlebnissen berichten. Mancher versteht ein wenig Deutsch oder gar ein paar Brocken Mümliswiler Dialekt. «Die Matratzen sind bequem, die Küche ist sehr gut eingerichtet und es hat wirklich genügend Raum für uns alle. Sodass man sich auch ein wenig absondern kann, wenn man das will», ergänzt Guido Bloch noch.

Er selbst bleibe fast am liebsten im Dorf und im Reckenchien während dieses Aufenthaltes. «Ich würde gerne öfter die Hügel rund ums Dorf erkunden», doch es gäbe sicher noch weitere Möglichkeiten in einem der kommenden Jahre, dies in Angriff zu nehmen.

Bis zum 1. August bleiben Mary und Guido Bloch noch in der Schweiz. Ein Teil der Familie reise schon ein paar Tage früher retour. Und was hat sich verändert in den fast 50 Jahren, die er aus Mümliswil weg ist? «Eigentlich nicht sehr viel», sagt er, ausser eines. «Es wird nicht mehr so viel und so ausgiebig gefestet wie früher.»