Unfassbare Szenen müssen sich am 22. Dezember 2016 am späten Nachmittag auf der Belchenrampe der A2 oberhalb von Egerkingen abgespielt haben. In der Notrufzentrale der Kantonspolizei gingen an diesem Tag mehrere Meldungen über eine schwer verletzte Frau ein, die auf diesem Autobahnabschnitt gesichtet wurde, wie Staatsanwältin Kerstin von Arx vor Amtsgericht Thal-Gäu ausführte. Vorher habe ein Chauffeur beobachtet, wie die Frau von einem Mann an den Haaren aus einem auf dem Pannenstreifen stehenden Auto gezogen worden sei. Danach habe sie der Mann auf den Mittelstreifen der Autobahn gezerrt. Sie habe sich aber losreissen können und sei zurück zum Pannenstreifen gelaufen, während der Mann ins Auto gestiegen und Richtung Belchentunnel weggefahren sei.

Die Staatsanwältin zeigte sich überzeugt, dass es sich beim beobachteten Mann um den 27 Jahre alten Angeklagten Jasin R. * handelt. Er habe dafür sorgen wollen, dass seine Lebensgefährtin von einem Auto überfahren werde. Als Grund nannte die Staatsanwältin blinde Eifersucht, weil der Angeklagte geglaubt habe, seine Lebenpartnerin sei ihm untreu.

Mindestens 20 Stichwunden

Diesen Szenen vorausgegangen war ein heftiger Streit zwischen dem Paar während der Autofahrt auf der A2 Richtung Frankreich, im Beisein von drei ihrer vier gemeinsamen Kinder. Als der Streit eskalierte, nahm die damals 24-jährige Frau gemäss Anklageschrift einen Schraubenzieher aus dem Handschuhfach und soll diesen Jasin R. ohne Druck an den Hals gelegt haben. Dieser soll völlig unvermittelt das Handgelenk der Frau gepackt und den Schraubenzieher heftig in ihren Oberkörper gestossen haben, während er mit der linken Hand das Auto steuerte. Danach soll der Angeklagte unzählige Male mit seiner rechten Hand, mit der er das Handgelenk der Frau samt Schraubenzieher festhielt, auf das Opfer eingeschlagen haben. Dabei zog sich die Frau gemäss Untersuchungsbericht 64 Stiche, Schnitte oder Kratzer zu. Bei den mindestens 20 Stichen in Hals und Oberkörper waren auch Regionen mit lebenswichtigen Organen wie Atemwege, Rückenmark oder grosse Blutleiter betroffen. Laut medizinischem Bericht ist es nur dem Zufall zu verdanken, dass dem Opfer keine tödlichen Verletzungen zugefügt worden sind. Für die Staatsanwältin ist klar: «Der Angeklagte hat den Tod seiner Lebensgefährtin in Kauf genommen.»

«Wie ein Dummkopf benommen»

Jasin R. bestritt eine Tötungsabsicht auf Nachfrage des Gerichts. Die grosse Anzahl Verletzungen könne er sich nicht erklären, er habe maximal fünfmal zugeschlagen. Und das auch nur, weil er sich von seiner Lebenspartnerin bedroht gefühlt habe. Dass sie schwer verletzt gewesen sei, habe er nicht bemerkt. Amtsgerichtspräsident Guido Walser hatte mit dieser Aussage sichtlich Mühe und konfrontierte Jasin R. mit Bildern, die das blutverschmierte und geschwollene Gesicht des Opfers zeigen. Er sei damals ein Dummkopf gewesen, seine Lebenspartnerin einfach auf der Autobahn zurückzulassen, entgegnete der Angeklagte lapidar. Kleinlaut räumte er ein, selbst schon fremdgegangen zu sein.

Seine Lebenspartnerin bestätigte, dass Eifersucht der Auslöser für den Streit gewesen sei. Erinnern könne sie sich aber nur noch an ihre Behändigung des Schraubenziehers. Sie wisse nur noch, dass sie Jasin R. nach dem Vorfall im Auto gebeten habe, anzuhalten. Sie sei danach selbstständig auf der Fahrerseite ausgestiegen und davongelaufen. Die zierliche Frau erwähnte, dass sie den Angeklagten noch liebe und nach seiner Freilassung wieder in Frankreich mit ihm zusammenleben wolle. Dort gehe es ihr und den vier Kindern auch finanziell sehr schlecht, weil Jasin R. als Familienmitglied fehle.

Hohe kriminelle Energie

Keinen wirklichen Beitrag leisten konnte der vor Gericht auftretende Gutachter, welcher den Angeklagten in einem Zug als voll schuldfähig bezeichnete, ihm aber gleichzeitig während der Tatzeit eine mögliche Psychose und damit eine mittelgradig beschränkte Schuldfähigkeit attestierte. Als Empfehlung in Richtung des Angeklagten erwähnte der Sachverständige, dass dieser künftig auf den Konsum von Cannabis und Alkohol verzichten sollte.

Staatsanwältin Kerstin von Arx liess keinen Zweifel an der Schuldfähigkeit des Angeklagten und dessen Bewusstsein bezüglich der Schwere seiner Tat. Davon zeuge auch der Anruf bei seiner Schwester mit der Aussage, er habe seine Freundin mit einem Schraubenzieher umgebracht. Jasin R. habe egoistisch und mit hoher krimineller Energie gehandelt. Angemessen sei eine unbedingte Gefängnisstrafe von sieben Jahren.

Der amtliche Verteidiger verlangte einen Freispruch oder maximal eine Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung für seinen Mandanten. Der von der Staatsanwaltschaft beschriebene Tatablauf sei absurd und konstruiert.

Das Urteil wird am 6. Juli mündlich eröffnet.

* Name von der Redaktion geändert