Probstenberg
Blind sein ist kein Hindernis um eine Trockenmauer zu bauen

Seit 2008 wird die Trockenmauer auf dem Probstenberg von verschiedenen Gruppen restauriert. Diese Woche arbeiteten fünf Blinde mit Begleitpersonen an der Mauer – für alle eine Herausforderung und ein einzigartiges Erlebnis.

Daniel Fasel
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Blinde und Sehbehinderte arbeiten an einer Trockenmauer
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Lebensraum für Pflanzen und Tiere: Die 400 restaurierten Meter.

Blinde und Sehbehinderte arbeiten an einer Trockenmauer

Schweizerischer Blindenbund

Eigentlich arbeiten Gruppen von Lehrlingen, Schulklassen, Ornithologen, Zivildienstleistenden oder Firmen auf dem Probstenberg. «Warum nicht auch Blinde?», fragte sich Arbeitsagoge Urs Dubach. Als passionierter Jurawanderer sei ihm diese Idee schon vor einiger Zeit gekommen. «Alle hielten mich für verrückt.» Deshalb – habe er gedacht – erst recht.

Dubach kann sich durchaus vorstellen, in Zukunft mit Blinden für private Kunden Trockenmauern zu bauen. «Ich bin ein Praktiker.» Probieren geht schliesslich über Studieren.

«Für manches braucht man halt Augen.»

Dubach ging auf den Schweizerischen Blindenbund und die Stiftung Umwelteinsatz Schweiz (SUS) zu. Zusammen mit dem Naturpark Thal initiierten sie diese Kurswoche. Und stiessen auf Resonanz: Fünf Sehbehinderte oder Blinde bauten die ganze vergangene Woche an der Trockenmauer. «Es war eine echte Herausforderung», meint Projektteilnehmer Urs Rehmann. Der Leiter einer Blindenbibliothek findet es «total lässig», für einmal etwas mit den Händen zu machen.

Die 400 Meter von der Unterkunft zur Baustelle waren für ihn etwas Spezielles: Gerüche, Vogelgezwitscher und das Rauschen des Windes habe er sehr intensiv wahrgenommen. «Tasten ist meine Art des Sehens», sagt Irma Ruesch. Die gelernte Köchin hat bereits nach wenigen Tagen ein gutes Gefühl für die Steine entwickelt. Die Arbeit an der Mauer gefalle ihr sehr. Dankbar ist Ruesch ihren Begleitern: «Für manches braucht man halt Augen.»

Bereicherung für den Naturpark

Erbaut wurde die Trockenmauer auf dem Probstenberg um 744 n. Chr. – dies sagt zumindest eine Infotafel auf dem Gipfel oberhalb von Welschenrohr. Somit wäre die ehemalige Grenzmauer eines der ältesten Kulturgüter der Schweiz. Einen weiteren wichtigen Grund, warum diese Trockensteinmauer eine Bereicherung für den Naturpark Thal darstellt, liefert die Biologin Irene Künzle: «Trockenmauern sind sehr wertvolle Lebensräume für Pflanzen, Reptilien und Insekten. Auf dem Probstenberg gebe es Wildbienen, Grasfrösche, Waldeidechsen, Blindschleichen, Bergmolche, Erdkröten und eine Reihe von Pflanzen, für die es anderswo keinen Platz mehr gebe.

«Unsere Landschaft hat sich in den letzten 50 bis 100 Jahren stark verändert», so Künzle. Im Talboden seien kleine Landschaftsstrukturen wie Asthaufen praktisch verschwunden. Die Intensivierung der Landwirtschaft und des Verkehrs habe viele Tiere und Pflanzen aus ihrem Lebensraum verdrängt.

Für den Baustellenleiter Kari Gerber ist die Arbeit mit den Sehbehinderten eine einmalige Sache. Der professionelle Trockenmaurer ist mit der Zusammenarbeit mehr als zufrieden: «Es war eine gute Gruppe.» Die Leistung sei um einiges grösser gewesen als angenommen.

Auch die Arbeit der Sehbehinderten trägt schliesslich dazu bei, dass die Restauration im Oktober abgeschlossen wird. Schon im Sommer wolle man die baldige Fertigstellung befeiern: Nach 2008 folgt am 17. und 18. August 2013 die zweite Ausgabe des Trockenmauer-Festivals.