«Wolfwiler Anders Begegnen» – das möchte eine Gruppe «uneigennütziger und idealistischer Dorfbewohner» aus der Gäuer Gemeinde. Nach dem Motto «Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen» wollen sie Begegnungen und Gespräche im Dorf fördern. «Als ich nach Wolfwil zog, hatte die Gemeinde rund 1400 Einwohner», sagt Bruno Wirth, Initiant des Projektes. «Mittlerweile sind es knapp 2300, und sie wächst und wächst weiter. Man kennt sich gar nicht mehr», bedauert er die wachsende Anonymität in der Gemeinde.

Aus diesem Grund hat sich der ehemalige Präsident der Kulturkommission und OK-Präsident der vergangenen 750-Jahr-Feier in Wolfwil mit Freunden und Bekannten aus und ausserhalb der Gemeinde zu einem zehnköpfigen Team zusammengeschlossen und die Organisation des Projektes in Angriff genommen.

«Wir wollen, dass sich Wolfwil ‹anders› begegnet», erklärt Wirth. Damit meine er Treffen unabhängig von spezifischen Interessen, wie beispielsweise in Sportvereinen. Geplant und bereits vom Gemeinderat genehmigt ist ein monatliches Zusammentreffen auswärtiger, aktueller und neuzugezogener Wolfwiler auf dem Pausenplatz des alten Schulhauses. Jeweils am zweiten Samstag des Monats sollen dort Bratwürste, Berliner und Getränke angeboten werden. Damit biete sich die Gelegenheit, einander zu begegnen und sich kennenzulernen.

Wie viele Leute die Initianten erwarten dürfen, könne er kaum einschätzen. «Wir haben mal 30 Würste bestellt. Wenn es dann halt 100 Leute sind, fangen wir an, sie zu rädeln», scherzt Organisator Wirth. Die Infrastruktur dafür würde das «Dorflädeli» Erni stellen. «Wir haben natürlich versucht, alles im Dorf zu organisieren», ergänzt Wirth. So seien auch der «Grillmeister» und der «Backmeister» freiwillige Helfer aus dem Dorf, welche die Idee des Projektes unterstützen.

Wieder ins Dorfleben finden

Grosse Unterstützung erhält Bruno Wirth auch von seinen zwei engen Kollegen Robert Grossenbacher und Robert Kissling. Beide wissen, wie schwierig es ist, den Draht zum Dorf wieder zu finden, und sie dienen dem Projekt mit ihren eigenen Erfahrungen. Der «Ur-Wolfwiler» Grossenbacher, dessen Grosseltern das Fährenhaus in Wolfwil gehörte, hat die Gäuer Gemeinde vor 55 Jahren verlassen und ist heute in Hägendorf wohnhaft. «Ich habe irgendwann den Draht zu meinem Jahrgang 1947 wieder gefunden und organisiere seither jedes Jahr die Klassenzusammenkünfte in Wolfwil», erklärt er.

Auf Anfrage habe er auch bei der Organisation der 750-Jahr-Feier dem OK-Präsidenten Wirth unter die Arme gegriffen. «Das hat mich wieder mehr mit Wolfwil zusammengeschweisst», sagt Grossenbacher. «Mein Ziel mit ‹Wolfwiler Anders Begegnen› ist, altbekannte Wolfwiler wiederzusehen und neue kennenzulernen.»

Auch «Wieder-Wolfwiler» Robert Kissling erzählt von Schwierigkeiten, ins Dorfleben zurückzufinden sowie von der «Anonymität», die sich während seiner Abwesenheit im Dorf breitgemacht hat. Als er nach einem 25-jährigen «Auslandaufenthalt» in Olten wieder in seine Gemeinde zog, habe er ausser seiner Familie niemanden mehr im Dorf gekannt. «Ich kannte Wolfwil nicht mehr. Kollegen von früher hatten inzwischen einen neuen Freundeskreis», sagt er. «Ich musste wieder von vorne beginnen.» Er sehe daher im Projekt eine Chance für Neuzuzüger, Kontakte zu knüpfen und neue Leute kennenzulernen.

Für Wolfwiler und Weggezogene

Neben dem Bevölkerungswachstum zwischen 2015 und 2018 von 2092 auf 2293, sehen die drei Freunde das Problem der Anonymität unter den Einwohnern im Fehlen eines Dorfkernes. Hägendorf beispielsweise sei mit dem Supermarkt und dem Bistro mitten im Dorf ein gutes Vorbild dafür, wie es funktionieren könnte. Laut Ruth Wyss-Wirth, Ehefrau von Bruno Wirth und Coiffeuse in Wolfwil, leide das Dorf ausserdem sehr am «Lädelisterben». «Wir können nirgendwo mehr hin und sehen niemanden mehr im Dorf», sagt sie. Sie vermisse vor allem die Läden im Dorf, die früher als Begegnungszonen dienten. «Wir haben nur noch den Erni-Beck. Und dieser ist so klein, dass man froh ist, wieder draussen zu sein – da kann man mit niemandem schwatzen.» Vor allem für die älteren Bewohner sei das ein Problem.

«Wolfwiler Anders Begegnen» möchte daher Begegnungen zwischen Alt und Jung sowie zwischen Wolfwiler-Urgesteinen und interessierten Neuzuzügern fördern. Ähnlich wie beim Projekt der Kulturkommission «Weisch no», bei dem sich die Dorfbewohner alle zwei Jahre an einem Freitagabend treffen und Geschichten über ihre Gemeinde austauschen, möchte Bruno Wirth das Dorf näher zusammenbringen. Auf wie viel Anklang das Projekt schliesslich stossen wird und wie gross das Bedürfnis des Dorfes für weniger Anonymität tatsächlich ist, wird sich am ersten Treffen am Samstag, 11. Mai, zeigen. «Wir sind uns bewusst, dass das Projekt auch scheitern kann – vielleicht ist das Bedürfnis ja gar nicht vorhanden», gibt Kissling zu. «Wir wissen noch nicht, was es auslösen wird.» Bis im September möchte die Gruppe das Projekt jedoch durchziehen und danach weiterschauen. «Es ist ein Versuch, Leute zusammenzubringen, die einander ansonsten nicht kennenlernen würden», sagt er. In den nächsten Tagen würden die ersten Flyer an die Haushalte versandt und darauf hoffentlich erste Reaktionen des Dorfes folgen. Bruno Wirth jedoch macht sich kaum Sorgen: «Jetzt mache mer’s afe mou» und schauen dann weiter.