Ramiswil
Bauernfamilien vom Passwang wollen ihre Fans nicht enttäuschen

Die Passwang Viehschau von Mittwoch war trotz ganztägigen Hochnebels wiederum ein grosser Erfolg. Und zwar für die unzähligen Zuschauer sowie die Viehzüchterfamilien.

Benildis Bentolila
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 Obwohl der Himmel auf dem Mittleren Passwang zur Zeit des Sonnenaufgangs verhangen ist, hoffen die Züchterfamilien auf einen hellen Tag
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 Überall liegen die von Christine Lisser und ihrer Schwägerin Conny Lisser kreierten Bauchkränze bereit. Blumen wurden kunstvoll auf alte Feuerwehrschläuche drapiert, die mit alten Sicherheitsgurten umgebunden werden
 „Was ist denn heute los?“, scheint sich der 16 Monate alte Stier Zambo (hinten) angesichts der aussergewöhnlichen Betriebsamkeit zu fragen
 Vor einer Schau gibt es immer einiges zu besprechen, was Christine und Paul Lisser-Wüthrich bei der Arbeit im Stall erledigen
 Die am Vortag geduschten Kühe werden im Laufhof aufgereiht und vom Jungbauer Beat Lisser kritisch begutachtet
 Sein Bruder Adrian bringt die gereinigten und aufpolierten Glocken aus dem Hausgang in den Laufhof
 Grosser Jubel, bevor Lissers vom Hof weggehen: Die Sonne wird sich durch den Nebel drücken. Es war dann doch nichts …
 Christine und Paul Lisser-Wüthrich halten die Tiere kurz vor dem Eintreffen an, damit diese Leib an Leib auf den Schauplatz einziehen und so die Geläute harmonisch klingen
 Familie Lisser vom Mittleren Passwang könnte mit ihren Tieren direkt auf den Schauplatz. Doch ist es ihr wichtig, wie ihre Züchterkollegen den Einzug zu inszenieren, zur Freude des Publikums
 „Endlich Viehschau!“ Die Freude darüber ist Ueli Kamber (l.) vom Oberen Passwang, Ramiswil, ins Gesicht geschrieben. Neben ihm Walter Gisin und hinten Sohn Adrian
 Das Schlussbouquet des Einzugs bilden Zemps vom Unteren Passwang, angeführt von der Bäuerin Ursula, links von ihr Sohn Roland und rechts Helfer Markus Bader
 Eintreffen auf dem Schauplatz: Dazu meinte eine Zuschauerin: „Wir hören das Nahen der Tiere. Auf einmal tauchen die Bauernfamilien mit ihren Kühen auf aus dem Nichts. Eine mystische Situation, die ihren Reiz hat
 Mit dem „Engelberger Echo“ begrüsst das Alphorntrio Luegisland die Bauernfamilien und zahlreichen Zuschauer (v.l. Kurt Blank, René Buser und Toni Mathys)
 Bis in den Nachmittag hinein erfreut das Alphorntrio Luegisland (v.l. Kurt Blank, René Buser und Toni Mathys) die Züchterfamilien und zahllos erschienen Besucher mit heimatlichen Klängen
 Bäuerin Ursula Zemp versorgt die Treicheln mit den einzigartigen Lederriemen und den Blumenschmuck an der Garderobe
 Jonas Walser von der Oberen Wechten zeigt sich stolz mit der 100‘000-er-Kuh Sissi – obwohl diese Familie Zemp vom Untern Passwang gehört. Beweis dafür, dass unter den Passwang Viehzüchtern ein familiäres Verhältnis herrscht
 (Auch) die drei Richter (v.l.) Fritz Ramseier, Kyburg-Buchegg, Werner Walter, Riedholz, und Beat von Felten, Kestenholz, hoffen, dass es die Passwang Viehschau „ewig“ gibt
 „Die Simmentaler Kuh Finona ist so gutmütig, dass sie von meinem Enkel Hansueli alleine vorgeführt werden kann“, lächelt Grossätti Ueli Kamber vom Oberen Passwang
 „Mir gefallen besonders Kühe mit Hörnern“, verrät Ständerat Roberto Zanetti (l). Hier mit Bauer und Nationalrat Urs Schläfli
 Erste frisch gekalbte Rinder: Daisy von Familie Ursula und Adolf Zemp vom Unteren Passwang, vorgeführt von Sohn Roland
 Erste Kühe mit 1 Leistung (zweimal gekalbt): Helena von Familie Walser, Obere Wechten. Sie wurde speziell gerühmt für ihr prächtiges Euter. So schön könnte ein Euter nicht mal gemalt werden gemäss Expertenmeinung
 Erste länger gekalbte Rinder: Julia von Familie Rita und Franz Walser von der Oberen Wechten, vorgeführt vom Hofnachfolger Markus Walser
 Erste Kühe 3 Leistungen (viermal gekalbt): Binia von Familie Zemp, Unterer Passwang, vorgeführt von Adolf Zemp (links Schauexperte Werner Walter)
 Erste 4 Leistungen (fünf- und mehrmals gekalbt): Katja von Familie Lisser, Mittlerer Passwang, vorgeführt von Sohn Beat
Viehschau auf dem Passwang
 Die Kühe werden für den Abzug aufgereiht und sind kaum zu aufzuhalten. Sie spüren, es geht heim in den Stall. Zurück in den beschaulichen Alltag
 Auch der kleine Hansueli vom Oberen Passwang steht wie ein richtiger Bauer parat, um neben Grossätti Ueli Kamber via Zingelen nach Hause zu marschieren
 Auch die Seniorinnen spüren Stalldrang. Als sie loslegen, zeigt sich sogar die Sonne für zehn Minuten durch einen zarten Wolkenschleier
 Die Melkzeit naht und die Bauernfamilien machen sich bereit zum grossen, klingenden Auszug. Die Bäuerinnen vom Oberen Passwang Marlies (l.) und Esther Kamber
 Die Erstplatzierten erhalten eine Wanderglocke. Seit 1957 sind es die gleichen Glocken, worüber sich die Passwang Züchterfamilien ein Jahr lang freuen

Obwohl der Himmel auf dem Mittleren Passwang zur Zeit des Sonnenaufgangs verhangen ist, hoffen die Züchterfamilien auf einen hellen Tag

Benildis Bentolila

Natürlich war der Hochnebel ein Thema an der Passwang Viehschau. Jedes Mal, wenn es etwas heller wurde, stieg die Hoffnung, die Sonne würde sich doch noch zeigen. Sie tat es während zehn Minuten, als die letzte Gruppe den Auszug unter die Füsse nahm. Düsterer Tag hin oder her, die Schau auf dem Hof Mittlerer Passwang von Familie Christine, Paul, Beat und Adrian Lisser war ein Riesenerfolg. Die grosse Fangemeinde sowie neue Anhänger von Schweizer Brauchtum liessen sich vom Wetter nicht abhalten.

«Wir sind stolz», sagte Franz Walser, Präsident der Viehzuchtgenossenschaft Passwang bei seiner Begrüssung, «dass uns Ständerat Roberto Zanetti, Nationalrat Urs Schläfli und Regierungsrat Remo Ankli die Ehre erweisen.» Sogar ein kanadisches Paar war anwesend und des Lobes voll über diese Tradition.

Tradition darf nicht sterben

Enttäuscht zeigte man sich jedoch allenthalben über das Gerücht, die Viehschauen im Kanton Solothurn sollen abgeschafft werden. Die Schauexperten Fritz Ramseier, Kyburg-Buchegg, Werner Walter, Riedholz, und Beat von Felten, Kestenholz, meinten unisono, es dürfe nicht passieren, dass diese Tradition sterbe. Sie hegen die Hoffnung, dass wenigstens diese prächtige und repräsentative Schau vom Passwang «ewig» bestehen würde.

Morgens um sechs Uhr sind auf dem Hof Mittlerer Passwang die Kühe gemolken. Angesichts des auch für die Tiere aussergewöhnlichen Tages reichen ihnen Beat und Adrian Lisser nochmals Heu und ein paar «Würfeli». Inzwischen ist Pauls Bruder Peter Lisser vom Hof Vordere Säge eingetroffen, um seine Verwandten zu unterstützen. Die am Vortag geduschten Tiere werden im Laufhof aufgereiht. Die Bäuerin wäscht die Kuhschwänze und prüft die allgemeine Sauberkeit. Die Männer ziehen den Damen die Glocken an. Einer von ihnen ruft: «Es fehlt eine Glocke!»

Ein anderer antwortet: «Schau mal, ob eine zwei trägt!» Es wird während der Vorbereitung viel gelacht und geneckt, wahrscheinlich auch, um die Nervosität zu überdecken. Denn allen Bauernfamilien vom Passwang ist daran gelegen, ihre Fans ja nicht zu enttäuschen. Eigentlich könnten Lissers ihre Kühe direkt auf den Schauplatz treiben, aber sie wollen zum grossen Hörereignis beitragen und steigen mit dem Vieh hinunter nach Zingelen, um auch durch die Publikumsreihen hindurch einen würdigen Einzug zu halten.

In der Festwirtschaft sind Christines Eltern Hanni und Hansueli Wüthrich sowie Erika Hafner wie seit Jahren an den letzten Vorbereitungen. Einen Chef oder eine Chefin hätten sie nicht, sagt Christine Lisser. «Wir benötigen keine Arbeitspläne, keine Einkaufslisten, denn jede Bäuerin und alle Helferinnen und Helfer wissen, wie ihr Einsatz aussieht.» Das Gleiche berichtet der Hofbesitzer Paul Lisser: «Wir Bauern richten den Schauplatz am Montagvormittag vor der Schau her. Jeder von uns weiss, was er bringen muss und was er zu tun hat.» Die Arbeiten seien in kurzer Zeit erledigt, dann gebe es ein Znüni. «Das ist wichtig», lächelt er.

Glocken- und Treichelnkonzert

Gegen neun Uhr treffen die ersten Besucher ein. Da wird gefachsimpelt, diskutiert, in welcher Reihenfolge die Familien auf dem Schauplatz eintreffen, geschwärmt von früheren sonnigen Jahren und was im Voraus in dieser Zeitung berichtet worden ist.

Jemand ruft: «Ich höre, dass Walsers von der Oberen Wechten sich nähern.» So geht es dann fast eine Stunde weiter, bis alle Familien mit ihren 100 Tieren auf dem Schauplatz eingetroffen sind. Weil die Sicht komplett versperrt war, genossen die Zuschauer umso mehr das Glocken- und Treichelnkonzert.

Die Aufführenden des grossen Klangtheaters tauchten auf aus dem Nichts, zogen winkend an Hunderten Schaulustigen vorbei, die klatschten, jauchzten und jubilierten. Immer wieder hörte man, diese Nebelkulisse sei speziell, ja geradezu mystisch. Bäuerliche und nichtbäuerliche Besucher amüsierten sich den ganzen Tag in der Festwirtschaft, nahmen teil an der Rangierung der Tiere und als es gegen die Melkzeit ging, trat da und dort Wehmut auf. Wieder unter grossen Beifall machten sich die Bauernfamilien mit ihrem Vieh auf den Weg. «Kommt nächstes Jahr wieder!», wurde ihnen aus allen Ecken zugerufen.