Natürlich war der Hochnebel ein Thema an der Passwang Viehschau. Jedes Mal, wenn es etwas heller wurde, stieg die Hoffnung, die Sonne würde sich doch noch zeigen. Sie tat es während zehn Minuten, als die letzte Gruppe den Auszug unter die Füsse nahm. Düsterer Tag hin oder her, die Schau auf dem Hof Mittlerer Passwang von Familie Christine, Paul, Beat und Adrian Lisser war ein Riesenerfolg. Die grosse Fangemeinde sowie neue Anhänger von Schweizer Brauchtum liessen sich vom Wetter nicht abhalten.

«Wir sind stolz», sagte Franz Walser, Präsident der Viehzuchtgenossenschaft Passwang bei seiner Begrüssung, «dass uns Ständerat Roberto Zanetti, Nationalrat Urs Schläfli und Regierungsrat Remo Ankli die Ehre erweisen.» Sogar ein kanadisches Paar war anwesend und des Lobes voll über diese Tradition.

Tradition darf nicht sterben

Enttäuscht zeigte man sich jedoch allenthalben über das Gerücht, die Viehschauen im Kanton Solothurn sollen abgeschafft werden. Die Schauexperten Fritz Ramseier, Kyburg-Buchegg, Werner Walter, Riedholz, und Beat von Felten, Kestenholz, meinten unisono, es dürfe nicht passieren, dass diese Tradition sterbe. Sie hegen die Hoffnung, dass wenigstens diese prächtige und repräsentative Schau vom Passwang «ewig» bestehen würde.

Morgens um sechs Uhr sind auf dem Hof Mittlerer Passwang die Kühe gemolken. Angesichts des auch für die Tiere aussergewöhnlichen Tages reichen ihnen Beat und Adrian Lisser nochmals Heu und ein paar «Würfeli». Inzwischen ist Pauls Bruder Peter Lisser vom Hof Vordere Säge eingetroffen, um seine Verwandten zu unterstützen. Die am Vortag geduschten Tiere werden im Laufhof aufgereiht. Die Bäuerin wäscht die Kuhschwänze und prüft die allgemeine Sauberkeit. Die Männer ziehen den Damen die Glocken an. Einer von ihnen ruft: «Es fehlt eine Glocke!»

Ein anderer antwortet: «Schau mal, ob eine zwei trägt!» Es wird während der Vorbereitung viel gelacht und geneckt, wahrscheinlich auch, um die Nervosität zu überdecken. Denn allen Bauernfamilien vom Passwang ist daran gelegen, ihre Fans ja nicht zu enttäuschen. Eigentlich könnten Lissers ihre Kühe direkt auf den Schauplatz treiben, aber sie wollen zum grossen Hörereignis beitragen und steigen mit dem Vieh hinunter nach Zingelen, um auch durch die Publikumsreihen hindurch einen würdigen Einzug zu halten.

In der Festwirtschaft sind Christines Eltern Hanni und Hansueli Wüthrich sowie Erika Hafner wie seit Jahren an den letzten Vorbereitungen. Einen Chef oder eine Chefin hätten sie nicht, sagt Christine Lisser. «Wir benötigen keine Arbeitspläne, keine Einkaufslisten, denn jede Bäuerin und alle Helferinnen und Helfer wissen, wie ihr Einsatz aussieht.» Das Gleiche berichtet der Hofbesitzer Paul Lisser: «Wir Bauern richten den Schauplatz am Montagvormittag vor der Schau her. Jeder von uns weiss, was er bringen muss und was er zu tun hat.» Die Arbeiten seien in kurzer Zeit erledigt, dann gebe es ein Znüni. «Das ist wichtig», lächelt er.

Glocken- und Treichelnkonzert

Gegen neun Uhr treffen die ersten Besucher ein. Da wird gefachsimpelt, diskutiert, in welcher Reihenfolge die Familien auf dem Schauplatz eintreffen, geschwärmt von früheren sonnigen Jahren und was im Voraus in dieser Zeitung berichtet worden ist.

Jemand ruft: «Ich höre, dass Walsers von der Oberen Wechten sich nähern.» So geht es dann fast eine Stunde weiter, bis alle Familien mit ihren 100 Tieren auf dem Schauplatz eingetroffen sind. Weil die Sicht komplett versperrt war, genossen die Zuschauer umso mehr das Glocken- und Treichelnkonzert.

Die Aufführenden des grossen Klangtheaters tauchten auf aus dem Nichts, zogen winkend an Hunderten Schaulustigen vorbei, die klatschten, jauchzten und jubilierten. Immer wieder hörte man, diese Nebelkulisse sei speziell, ja geradezu mystisch. Bäuerliche und nichtbäuerliche Besucher amüsierten sich den ganzen Tag in der Festwirtschaft, nahmen teil an der Rangierung der Tiere und als es gegen die Melkzeit ging, trat da und dort Wehmut auf. Wieder unter grossen Beifall machten sich die Bauernfamilien mit ihrem Vieh auf den Weg. «Kommt nächstes Jahr wieder!», wurde ihnen aus allen Ecken zugerufen.