Gäuer Bauern

Bauern stehen in Kritik und treffen überall Probleme an — nun haben sie genug und sprechen Klartext

Der Landdruck im Gäu ist gross. Im Bild das Autobahnkreuz in Egerkingen.

Der Landdruck im Gäu ist gross. Im Bild das Autobahnkreuz in Egerkingen.

Gäuer Landwirte reiben sich auf zwischen Lebensmittelproduktion, Naturschutz und Landdruck. Sechs von ihnen stellen ihre Standpunkte vor. In einer kommenden Artikelserie gehen wir vertieft auf die verschiedenen Problemkreise ein.

Im Gäu werden noch immer Lebensmittel auf hohem Niveau produziert. Verschiedene Gemüsesorten, Salate, Kartoffeln, Weizen. «Und dies nachhaltig», sagt Philipp Hengartner, Landwirt auf dem Ruttigerhof in Olten und Präsident des Landwirtschaftlichen Vereins Gäu-Untergäu.

Dennoch stehen die Bauern in der Kritik und begegnen Problemen von allen Seiten: Autobahnausbau, Wildtierkorridor, Dünnern-Renaturierung, Hochwasserschutz, Nitratprojekt, Chlorothalonil. «Es sind von gesellschaftlicher und auch behördlicher Seite Forderungen da, die Produktion einzuschränken, weil wir damit die Umwelt schädigen würden», so Hengartner. Doch er hat dazu eine klare Meinung: «Würden wir die Produktion heftig herunterfahren oder gar einstellen, würden die Umwelt global noch mehr geschädigt werden. Nehmen wir als Beispiel Brasilien.

Dort würde noch mehr Urwald abgeholzt werden, um noch mehr zu produzieren, das aber zu Bedingungen, die für das gesamte Ökosystem weltweit schädlicher ist, als dies bei uns der Fall ist. Wir würden also das Gegenteil von dem erreichen, was gefordert wird.» Man müsse ehrlich sein, so Hengartner. «Wir alle setzen einen Fussabdruck und sitzen alle im gleichen Boot. Jeder kann mit seinem eigenen Verhalten etwas für unsere Umwelt tun.» Es sei zu einfach, bloss Forderungen an die Landwirtschaft zu stellen. «Wir fühlen uns derzeit so: Ein Problem wird beseitigt und drei neue geschaffen.»

«Die Wertschätzung der Arbeit ist auf einem kleinen Blatt»

«Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, was wir Landwirte eigentlich machen. Die Milch steht im Kühlregal, Rüebli und Salat gibt es in der Gemüseabteilung. Wie die Produkte dorthin kommen, interessiert niemanden.

Die Wertschätzung unserer Arbeit ist auf einem sehr kleinen Blatt geschrieben.» Das sagt Gemüsebauer Viktor Müller aus Niederbuchsiten. «Hingegen werden wir als Umweltverschmutzer taxiert. Das kann man, solange genug Lebensmittel produziert werden.» Und sein Kollege Samuel Keiser aus Fulenbach ergänzt: «Im Gäu zeigen sich die verschiedenen Probleme der Landwirtschaft in der Schweiz exemplarisch.»

Dabei verlange es doch der Berufsstolz, stets nach den neuesten, umweltschonendsten Methoden zu arbeiten. «Ein gesunder Boden liegt uns selbst doch am meisten am Herzen; denn er ist die Grundlage unserer Arbeit», sagt auch Urs Bobst aus Oensingen. Die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten sei oberste Maxime. Und sein Sohn Pirmin ergänzt: «Es gibt immer wieder neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die in unsere Arbeit einfliessen, die wir anwenden oder die uns aber auch zum Kopfschütteln bringen.» Er macht ein Beispiel: «Nehmen wir das Neonicotinoid ‹Gaucho›, ein Insektizid, das lange Jahre für die Bekämpfung von Erdflöhen bei Zuckerrüben zugelassen war. Es ist nun verboten, doch jeder Hund und jede Katze, die ein Flohhalsband trägt, trägt dieses Mittel mit sich – auch in die gute Stube hinein.»

Ende des Zuckerrüben-Anbaus

Insbesondere die Imker stellen sich gegen dieses Mittel, weil sie um die Bienen fürchten. «Aber Zuckerrüben blühen gar nicht. Schliesslich bedeutet dieses Verbot das Ende für den Zuckerrüben-Anbau in der Schweiz, da der Ertrag zu klein sein wird. Da sind wir wieder gleich weit: Es wird mehr Zucker aus dem Ausland importiert, der nachweislich weniger nachhaltig produziert ist.» «Und dann stellt sich auch die Frage nach der Nahrungssicherheit, die mehr und mehr nicht mehr gewährleistet ist», wendet Hengartner ein.

Heute schon seien viele Sorten, die angebaut werden, resistent vor Krankheiten und Schädlingen, führt Pirmin Bobst aus. «Wir setzen heute bei diversen Kulturen rund 85 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel ein als noch vor vier Jahren. Für uns Produzenten heisst das aber auch: Je resistenter die Sorte, je teurer wird sie.»

Viele der Massnahmen, die man heute in der Landwirtschaft rückgängig machen will, hätten schliesslich zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes beigetragen, sagen die Bauern. «Die Leute hatten Hunger, litten unter Ernteausfällen, deshalb wurde zum Beispiel die Dünnern auch begradigt und damit wertvolles Kulturland geschaffen», mahnt Urs Bobst.

Mehr Ökoflächen als Weizenanbauflächen

Wie stehts denn mit Alternativen? Mit dem biologischen Anbau: «Auch im Gäu arbeiten Landwirte erfolgreich als Biobauern. Doch ohne konventionellen Anbau würde auch der Biolandbau nicht funktionieren.

Ein reines Bioland Schweiz ist eine Utopie», sagt Christoph Haefely aus Hägendorf. Dabei: «Im ganzen Gäu gibt es heute schon mehr Ökoflächen als Weizenanbauflächen. Der Getreideanbau ging im Gäu in den letzten 30 Jahren um mehr als um 50 Prozent zurück.»

Lieber einen anständigen Preis statt Ausgleichszahlungen

Von der Kornkammer zur Lagerhalle – und das in sehr fruchtbarem Boden», resümiert Samuel Keiser und sagt: «Wir sind preislich nie mit dem Ausland konkurrenzfähig.» «Dabei möchten wir doch eigentlich kein Geld vom Staat, sondern einen anständigen Preis für unsere Produkte, damit wir davon leben können», ergänzt der junge Landwirt Haefely. Doch seit dem WTO-Abkommen sei das nicht mehr möglich.

Hengarter sagt: «Wir leben seit 20 Jahren mit einem System, das uns eigentlich gegen den Strich geht. Wir sind Lebensmittelproduzenten und keine Landschaftsgärtner oder Gemeindeangestellte. Wir möchten eine angemessene Entschädigung für unsere Produkte, wie das jeder andere Produzent auch verlangt.» Und Keiser fügt an: «Man soll auf keinen Fall glauben, dass die anderen europäischen Staaten nicht auch ihre Landwirtschaft subventionieren.» Samuel Keiser stellt klar: «Ökonomie und Ökologie müssen im Gleichgewicht sein.»

Enormer Landschaftsdruck im Gäu

«Heute werden einige Pachtverträge nur noch um ein Jahr verlängert», erklärt Samuel Keiser. «Verständlich, wenn man für den Verkauf des Kulturlandes als Industrieland für Logistikhallen ein Mehrfaches lösen kann, als für eine landwirtschaftliche Pacht.» Er zählt auf: «Bei rund 200 ha Kulturland im Gäu ist derzeit unsicher, ob es uns Bauern weiter zur Verfügung steht.»

Schon nur 40 ha sind derzeit für Hochwasserschutz oder Renaturierungsmassnahmen der Dünnern in Planung, aber dagegen wehren wir uns. Auch der Druck, entlang der Autobahn neue Arbeitsplatzzonen zu schaffen ist enorm.» Das Land gehöre eben nur zum Teil den Landwirten selbst, das Meiste sei Pachtland.

Wir haben jetzt die Coronapandemie und die Bauern haben im Lockdown im Frühling erfahren, wie ihre Hofläden gestürmt wurden. «Das stimmt, die Leute wollen plötzlich wissen, woher ihre Lebensmittel kommen. Ein Ehepaar dankte mir auf dem Feld ganz spontan für meine Arbeit», erzählt Keiser. «So etwas habe ich in meinen ganzen Berufsjahren noch nie erlebt.» Doch alle sind sich sicher, dass dies nur eine kleine Anekdote ist.

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