Egerkingen
Bartholdi will alternative Währung einführen - Gemeinderat pfeift sie zurück

Die Ideen der Egerkinger Gemeindepräsidentin sind so unkonventionell wie umstritten. Jetzt entschied Johanna Bartholdi kurzerhand: Die Verwaltung soll auch sogenanntes WIR-Geld akzeptieren. Doch der Gemeinderat hat sie zurückgepfiffen.

Sven Altermatt
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Immer wieder sorgt Johanna Bartholdi für Schlagzeilen mit ihren Ideen.

Immer wieder sorgt Johanna Bartholdi für Schlagzeilen mit ihren Ideen.

HR. Aeschbacher

Manche sagen, Johanna Bartholdi sei den anderen eben immer einen Schritt voraus. Ihre unkonventionellen Ideen haben die Gemeindepräsidentin von Egerkingen landesweit bekannt gemacht. Für andere steht derweil fest: Bartholdi präsentiert voreilig Vorschläge, die weder rechtlich noch politisch Bestand haben.

Auch Bartholdis jüngste Idee dürfte zwischen solchen Kategorien schwanken. Geplant war sie als kleiner Coup: Bei der Egerkinger Verwaltung sollte es fortan möglich sein, mit WIR-Geld zu bezahlen. Die Alternativwährung der gleichnamigen Bank ist vor allem unter Gewerbefirmen verbreitet. In der Schweiz regeln rund 45 000 Betriebe ihren Zahlungsverkehr gelegentlich mit WIR-Geld, stets gebunden an den Schweizerfranken.

Das WIR-Geld existiert nicht in der Form von Münzen und Noten. Es soll im Kreis des Gewerbes bleiben. Und weil Zinszahlungen nicht möglich sind, soll es rasch wieder in den Umlauf kommen. Allerdings kann WIR-Geld nur schwer in Franken getauscht werden. Zudem ist es ausserhalb des Teilnehmerkreises wertlos. Viele Gewerbler nehmen WIR-Geld deshalb eher zähneknirschend entgegen.

Das weiss Johanna Bartholdi nur zu gut. Die frühere Hotelchefin fragte sich: Warum sollen Gewerbler nicht auch bei der Gemeindeverwaltung mit WIR-Geld bezahlen können? Schliesslich wollen sie die Alternativwährung ohnehin rasch loswerden. Die Gemeindepräsidentin dachte dabei an Abgaben oder Gebühren, und vielleicht könnten sogar Teile der Steuern mit WIR-Geld beglichen werden.

Das WIR-Geld würde die Gemeinde wiederum in der KMU-Wirtschaft investieren. Bei Auftragsvergaben etwa, so Bartholdis Idee, könnte man WIR-Teilnehmer berücksichtigen und gute Konditionen ausbedingen.

Also beschloss Bartholdi kurzerhand, für die Gemeinde eine Mitgliedschaft bei der WIR-Bank zu beantragen. Entsprechende Verträge mit der Genossenschaft waren rasch abgeschlossen. Im aktuellen Kundenmagazin der Bank wird die Einwohnergemeinde als neue WIR-Teilnehmerin angekündigt, ebenso auf ihrem Onlineportal. Die Gemeindeverwaltung akzeptiere einen WIR-Anteil von 30 Prozent, steht dort. Gewerbler aus der Region wurden da hellhörig.

«Habe einen Fehler gemacht»

Dumm nur: Die Egerkinger Verwaltung darf nun gar kein WIR-Geld akzeptieren. Johanna Bartholdi ist vom Gemeinderat zurückgepfiffen worden. Auch wegen rechtlichen Bedenken. Ihre Ratskollegen hatte sie über die WIR-Teilnahme erst gar nicht eingeweiht – eine politische Legitimation fehlte.

Im Gespräch mit dieser Zeitung mag Bartholdi nicht um die Sache herumreden. Ohne Umschweife bestätigt sie: «Ich habe einen Fehler gemacht und dafür einen Rüffel kassiert.» Im Rückblick sei sie wohl ein wenig voreilig vorgegangen, sagt die Gemeindepräsidentin und versucht es mit einer Prise Selbstironie. Offenbar habe sie ihre Kompetenzen wegen einer Idee «mal wieder überschritten».

Tatsächlich wären auch noch rechtliche Fragen zu klären, will die Gemeinde wirklich bereitwillig WIR-Geld akzeptieren. Denn WIR-Geld ist im Gegensatz zum Schweizerfranken kein gesetzliches Zahlungsmittel. Und zumindest Steuerschulden müssen grundsätzlich mit einem solchen beglichen werden.

Immer wieder überrascht Johanna Bartholdi mit ihren Ideen, längst brachte sie es damit zu nationaler Bekanntheit. Kreativ wie polarisierend wird Bartholdi wahlweise als «Jeanne d’Arc von Egerkingen» («Badische Zeitung») oder «Mutter aller Schnapsideen» («Weltwoche») bezeichnet.

Im Sommer 2013 verlas sie die Namen von notorischen Steuersündern, später wurde ihr dafür eine Busse aufgebrummt. Nicht weniger schlagzeilenträchtig war ein Vorschlag im Januar dieses Jahres: Wer auf Egerkinger Pausenplätzen nicht deutsch spricht, sollte bestraft werden.

Eine Idee für Ökonomen

Immerhin dürfte Bartholdi mit ihrer neusten Idee bei manchen Finanzexperten auf Interesse stossen. Der Staat sollte «WIR-Geld für die Bezahlung von Steuern akzeptieren», forderte Bernard Lietaer schon 2009 in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Der belgische Ökonom ist ein Verfechter von Alternativwährungen.

Bei der WIR-Bank heisst es auf Anfrage, eine Teilnahme an ihrem System könne sich für eine Gemeinde aus mehreren Gründen lohnen. Damit erhalte sie Zugang zu einem grossen Netz an Lieferanten aus der Schweiz und «attraktive Finanzierungskonditionen», sagt WIR-Sprecher Volker Strohm. Auf der anderen Seite könnten KMU-Betriebe etwa ihre Abgaben mit WIR-Geld bezahlen.

Noch ist Egerkingen auf der Liste der WIR-Teilnehmer aufgeführt, als einzige Gemeinde im Land. Doch gemäss der WIR-Bank gibt es weitere Gemeinden, die das Alternativgeld teilweise akzeptieren. Näher will sie sich dazu jedoch nicht äussern.