Alex Häner
Balsthaler Fürobe Beck trotzt Boykott und Krankheit

Alex Häner war vor einigen Jahren noch Inhaber eines Bäckerei-Konditorei-Unternehmens mit fünf Filialen, als ihn eine Hirnstreifung abrupt zurückwirft. Jetzt bäckt er in Balsthal ‹Fürobe Brot›. Das rief aber auch Neider auf den Plan.

Alois Winiger
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Trotz aller Tiefschläge schaut Alex Häner optimistisch in die Welt.

Trotz aller Tiefschläge schaut Alex Häner optimistisch in die Welt.

Alois Winiger

Neun Jahre sind es her, da war Alex Häner noch Inhaber und Chef der Panissimo AG in Brislach, einem mit fünf Filialen, das in Spitzenzeiten bis zu fünfzig Personen beschäftigte. Seit fünf Jahren ist er der Balsthaler «Fürobe Beck» mit zehn Teilzeitangestellten. In den Jahren zuvor hat Häner ein Auf und Ab erlebt, bei dem man sich wundern muss, dass er überhaupt noch am Leben ist.

Lebt mit Nadel im Herzbeutel

Er ist Bäcker mit Leib und Seele. 1988 übernimmt er in vierter Generation die Dorfbäckerei Häner in Nunningen. Aber er ist auch Unternehmer und als solcher beginnt er 1994 zu expandieren – bis er in voller Fahrt jäh gestoppt wird. Nach einer halbwegs auskurierten Grippe vergisst er Namen, hat Mühe mit der Sprache. Im Spital diagnostiziert man eine Hirnstreifung, verursacht durch Streptokokken-Bakterien, die über das Zahnfleisch ins Hirn gelangten. Häner hat Glück, nicht gelähmt zu sein, muss aber lange liegen bleiben.

Es kommt zu einer Thrombose im Bein, später kommen zwei Lungenembolien hinzu. Als es endlich wieder aufwärtsgeht, wird ihm wieder schwarz vor Augen. Im Spital stellt man fest, dass die Streptokokken-Bakterien noch da sind und Häners Herzklappe zerfressen haben. Die Ärzte setzen ihm eine künstliche Klappe ein – und lassen eine Nadel im Herzbeutel liegen. Sie ist noch heute drin, stört aber zum Glück nicht.

«Weiter runter gehts nicht»

Es bleibt nicht bei gesundheitlichen Tiefschlägen. Weil er über längere Zeit nicht mehr voll einsatzfähig ist, muss Alex Häner die Führung der Panissimo AG aus den Händen geben. Seine Ehe geht ebenfalls zu Bruch, der dreifache Vater zieht aus und überlässt den Betrieb seiner Ex-Frau. «Ich dachte, weiter runter kann ich nicht mehr fallen, jetzt muss es aufwärtsgehen.» Dank Sprachtherapie und unbändigem Lebenswillen trifft das auch ein. Finanziell wäre er durch Rente und Abfindung abgesichert, aber persönlich ist er alles andere als zufrieden. Häner macht die Wirteprüfung, geht kellnern und hilft kochen in der Basler Gassenküche. Doch: «So gehts nicht, sagte ich mir, ich muss unbedingt etwas unternehmen. Nichts Grosses, aber etwas Eigenes.»

«Wie bitte? Kein Brot?»

Snacks verkaufen an einer gut frequentierten Strasse, sieht er als Möglichkeit. Das setzt er in zwei Containern um, die er in Balsthal an der Kantonsstrasse bzw. Lindenallee platziert, dort wo er heute seine Bäckerei «Fürobe Brot Häner» betreibt. Schon nach einer Woche schliesst er den Laden wieder. Das Geschäft ist zwar gescheitert, hat in ihm aber einen zündenden Funken ausgelöst. «Eine Bekannte kam und wollte ein Pfünderli Brot kaufen», erzählt Häner. «Ich sagte, hier gibts Gipfeli, Sandwiches, Birchermüesli und anderes mehr, aber kein Pfünderli Brot.» Die Frau habe ihn entgeistert angeschaut und ausgerufen: «Wie bitte? Du bist Bäcker und hast kein Brot?»

Es gibt auch «Fürobe Bier»

Im Ausruf der Frau erkennt Alexander Häner einen Lösungsansatz. Aber: «Brot backen andere auch», sagt er, «ich muss es anders anbieten. Jedenfalls nicht auch noch am Morgen.» Er überlegt: «Man kennt das ‹Fürobe Bier›, warum nicht ein ‹Fürobe Brot›?» Häner kauft verschiedene Sorten Mehl, wo sie am günstigsten sind, stellt eine Mischung her, backt Brote und verteilt sie frisch versuchsweise an zwei Stellen – und zwar nachmittags. Die Nachfrage kommt postwendend. Das Prinzip ist also gefunden, «aber wie setze ich es um, dass ich es alleine bewerkstelligen kann?»

Er fällt einen Grundsatzentscheid: Es wird nur eine einzige Sorte Brot als Pfünderli angeboten, stündlich frisch gebacken aus fünf Mehlsorten plus Hefe und Salz – ohne jegliche künstliche Zusätze. Das Rezept bringt ihm Erfolg, sehr guten Erfolg sogar, ruft aber auch Neider auf den Plan. Und die lassen den Container-Bäcker spüren, was sie von seinem Tun halten. Häner lässt seine eigene Mehlmischung in einer Mühle im Oberaargau herstellen. Eines Tages will die nicht mehr liefern. Es stellt sich heraus, dass Bäcker aus der Region den Mühlenbesitzer vor die Wahl stellten: «Entweder lieferst du dem Häner oder uns.» Mittlerweile kommen die Mehllieferungen aus dem Kanton Aargau, und man kann die Mischung in Säcken zu zweieinhalb Kilo im Laden kaufen. Macht sich Häner so nicht selber Konkurrenz? «Nein, nicht spürbar», antwortet er.

Man kopiert das Modell

Der Laden öffnet von Montag bis Freitag um 14 Uhr und schliesst um 18.30 Uhr. Zu kaufen gibt es neben dem Brot auch noch Süsses. «Während man Brot backt, gibts Wartezeiten. Da kann man noch etwas anderes machen», erklärt Häner. Auch da bleibt er seinem Prinzip treu, möglichst effizient zu arbeiten: Einmal gibts Nussgipfel und Russenzopf, Teig und Füllung sind identisch. Am nächsten Tag gibts Berliner und Dänisch Plunder.

In der Umgebung hat man realisiert, dass Häners Modell Erfolg hat, obwohl er übrigens deutlich mehr für das Pfund Brot verlangt, als etwa ein Grossverteiler. Hier und dort wird versucht, das Modell zu kopieren. Alex Häner sagt dazu lediglich: «Jeder soll tun, was er für richtig hält.» Gesetzlich geschützt sei nur die Bezeichnung «Fürobe Brot Häner».