«Es war eine intensive Suche», sagt Theres Brunner. Und weil sie erfolglos verlief, kandidiert die amtierende Vizegemeindepräsidentin nun selbst.

Zuvor scheiterte die Rekrutierung eines Gemeindepräsidenten im 1100-Seelen-Dorf über mehrere Monate. Selbst die öffentliche Ausschreibung im «Gäu-Anzeiger» löste keine Kandidaturen aus. Der Gemeinderat nutzte diese noch im März als letzte Massnahme, obwohl er sich im Oktober zunächst gegen eine öffentliche Ausschreibung ausgesprochen hatte. Auch auf das Inserat hin meldeten sich keine Aspiranten. Niemand mochte sich in Welschenrohr für die Nachfolge von Stefan Schneider zur Verfügung stellen. Der aktuelle Gemeindepräsident fasste nach elfjähriger Amtszeit im vergangenen Oktober den endgültigen Entschluss, sich zurückzuziehen. Auf diesen Sommer hin drohte in der Gemeinde im Rosinlithal, seine Position vakant zu bleiben.

Theres Brunner ist Betriebsleiterin Kloster Mariastein.

Theres Brunner ist Betriebsleiterin Kloster Mariastein.

Keine stille Wahl

Jetzt, wo Brunner als Kandidatin antritt und somit designierte Erbin des langjährigen Gemeindepräsidenten ist, scheint sie die logische Nachfolgerin. Mit ihrem Weg ist die CVP-Vertreterin für dieses Amt prädestiniert. Die 54-Jährige würde in Welschenrohr als erste Frau dieses Amt bekleiden. Obwohl sie als Kandidatin alleine dasteht, muss die Bevölkerung sie am 19. Mai an der Urne wählen. Die Gemeindeordnung sieht für den Fall einer Einerkandidatur keine stillen Wahlen vor.

Auch Theres Brunner hatte eigentlich zunächst eine Kandidatur ausgeschlossen. Sie arbeitet im Vollzeitpensum als Betriebsleiterin im Kloster-Mariastein. Der 50-minütige Arbeitsweg auf die andere Seite des Juras beschränkt ihre zeitlichen Ressourcen zusätzlich. «Ich muss mit meinen Kräften sorgfältig umgehen», sagt sie. Da sich aber abzeichnete, dass sich niemand für das Amt des Gemeindepräsidenten zur Verfügung stellen wollte, begann sich Brunner Gedanken zu machen.

Pensum-Reduktion machts möglich

«Was müsste ändern, dass ich das Amt ausüben könnte?», fragte sie sich selbst. Die Herausforderung habe sie gereizt, doch sah sie keine Kapazitäten dafür. Als Aufopferung sei ihre Kandidatur jedoch nicht zu deuten, sagt Brunner. Um Ressourcen zu schaffen, suchte die Kloster-Betriebsleiterin das Gespräch mit dem Arbeitgeber. Und als dieser einwilligte und ihr eine Reduktion des Pensums gewährte, waren für Brunner die notwendigen Bedingungen erfüllt. Ab 2020 arbeitet sie nur noch im 80-Prozent-Pensum inMariastein.

Nachdem der Weg geebnet war, informierte sie am 1. April den Gemeinderat über ihre Kandidatur. Dieser habe sie gestützt und sei froh über ihren Entscheid. «Es ist ein gut aufgestelltes Dorf, so konnten wir zuletzt etwa die Steuern senken», sagt Brunner. «Es gibt nicht mehr viel Optimierungspotenzial.» Denn ihr Vorgänger Stefan Schneider habe gute Arbeit geleistet. Als Gemeindepräsidentin würde sie sich dafür starkmachen, dass Welschenrohr eine gute Wohngegend bleibt und sich Gewerbe ansiedelt. «Wir wollen familienfreundlich sein», sagt Brunner ganz CVP-like. Die Parteipolitik spiele in Welschenrohr allerdings keine Rolle. «Und das ist auch gut so», sagt sie.

Auftakt zur Karriere

Brunner absolvierte ursprünglich das Wirtschaftsgymnasium in Solothurn und arbeitete danach auf einer Bank. Seit der Hochzeit und der Geburt ihrer drei Söhne lebt die gebürtige Laupersdörferin mit ihrer Familie in Welschenrohr. Brunner absolvierte einst einen Bäuerinnenkurs am Wallierhof, dem landwirtschaftlichen Ausbildungszentrum des Kantons Solothurn. «Schon nach ein paar Jahren fühlte ich mich in meiner Mutter- und Hausfrauenrolle nicht mehr ausgefüllt», sagte Brunner vor vier Jahren – damals bereits als Betriebsleiterin des Klosters Mariastein – gegenüber dieser Zeitung.

Ihr Mann ermunterte sie damals, eine Stelle als kaufmännische Mitarbeiterin in einem Betrieb im Dorf anzunehmen. Sie wechselte schon bald als Leiterin Administration zur Pro Infirmis in Solothurn, übernahm danach die Stelle als Leiterin Finanzen im Zentrum Oberwald in Biberist, einer Einrichtung für Menschen mit schweren Behinderungen. Neben ihrer Berufstätigkeit engagierte sich Brunner stets in der Wohngemeinde. Sie wirkte viele Jahre als Präsidentin der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Welschenrohr und vertrat die Gemeinde im Verein Region Thal in der Gruppe Jugendarbeit.

Die «Lebensstelle»

Nach über zwei Jahrzehnten in der Privatwirtschaft übernahm Brunner während zweier Jahren die Stelle der Welschenrohrer Gemeindeverwalterin und beendete parallel ihr Studium in Betriebsökonomie in Basel. Es folgte die Anstellung im Kloster-Mariastein: «Ich habe wohl hier meine Lebensstelle gefunden», sagte Brunner vor vier Jahren zu dieser Zeitung. Die Passion für ihre Aufgabe im Kloster ist bis heute geblieben. Für die designierte Gemeindepräsidentin kam es daher nicht infrage, die Betriebsleitung abzugeben. Das Zukunftsprojekt «Mariastein 2025», unter welchem das Kloster neu ausgerichtet werden soll, möchte Brunner mitbegleiten. Nebenbei soll auch das Amt als Gemeindepräsidentin einen Platz finden. «Auf der Gemeinde kann ich etwas direkt bewegen und mich eingeben», sagt Brunner.