Im Zeitraum von Anfang 2016 bis März 2017 soll sich eine Slowenin des mehrfachen Diebstahls in ihrem Unternehmen schuldig gemacht haben. Die Beschuldigte reichte auf das Strafbegehren jedoch Einsprache ein, weshalb sie am Mittwochnachmittag vor dem Amtsgericht Thal-Gäu stand.

Als Mitarbeiterin der Spirig Pharma AG, welche im Jahr 2013 von der Galderma AG übernommen wurde, soll Katarina B.* diverse Kosmetika im Wert von insgesamt 311.85 Franken entwendet haben. Es handle sich laut Strafbegehren um Daylong und Excipial Produkte, die vom Unternehmen als sogenannte Ausschussware deklariert worden seien.

Die Beschuldigte habe vorsätzlich gehandelt, zumal ihr bei Stellenantritt ein Mitarbeiterhandbuch ausgehändigt worden war, gemäss dessen Weisungen es den Mitarbeitern untersagt ist, verkaufsfähige Ware und Ausschussware ohne Bewilligung mit nach Hause zu nehmen, heisst es weiter im Strafbegehren. Die Beschuldigte bestreitet den Anklagepunkt jedoch. Die Ironie der Angelegenheit: Es war Katarina B., die ihre Vorgesetzten darauf aufmerksam machte, dass andere Mitarbeiter Produkte mitgehen liessen. Diese weiteren drei Mitarbeiter wurden infolgedessen sofort entlassen.

Deliktgut beruht auf Schätzung

«Katarina B. arbeitet noch immer bei uns, weil sie eine zuverlässige und gute Mitarbeiterin ist», erklärt eine Angestellte der Spirig Pharma AG, welche eine Führungsposition innehat und zusätzlich dem Gericht als Zeugin dient. «Ausserdem ist der Wert der mitgenommenen Ware erheblich kleiner als bei den anderen Mitarbeiter.» Um den Beweisvorgang rekonstruieren zu können, fordert Amtsgerichtpräsident Guido Walser die Zeugin auf, den Vorgang beim Bestimmen von Ausschussware zu erklären. «In einem laufenden Prozess kann es immer wieder Tuben geben, die entweder zu leicht sind oder sonst fehlerhaft ausfallen», erklärt die Zeugin.

Diese gelten folglich als Ausschussware, da die Spirig Pharma AG diese Produkte nicht verkaufen könne. Diese werden anschliessend gesammelt und entsorgt. Diese Ausschussware dürfe von Mitarbeitern nur in Absprache mit Vorgesetzten mitgenommen werden, was, laut der Zeugin, so im Betriebshandbuch geregelt sei. Anders verhalte es sich bei regulärer Ware, bei denen sich beispielsweise das Verfallsdatum nähere. Denn auch diese können nicht mehr verkauft werden. «In diesen Fällen wird die Ware in der Kantine aufgelegt und die Mitarbeiter dürfen sich bedienen», erklärt die Zeugin.

Bei der Hausdurchsuchung bei Katarina B. fand die Polizei diverse Produkte, die von der Zeugin als Ausschussware identifiziert wurden und somit nicht im Besitz der Slowenin hätten sein dürfen. Die Spirig Pharma AG zog daraus die Schlussfolgerung, dass diese Produkte unrechtmässig angeeignet wurden. Jedoch könne die Ausschussware äusserlich kaum von der regulären Ware unterschieden werden. «Wir machen uns keine Listen, welche Ware wir in die Kantine legen zum Mitnehmen und welche nicht», so die Zeugin. Ihre Einschätzung erfolgte deshalb mit besten Wissen und Gewissen. «Die Schätzungsrate liegt bei etwa 70 Prozent», vermutet die Mitarbeiterin. Für den Strafbefehl von Katarina B. gibt es folglich keine handfesten Beweise.

Freispruch wegen Unklarheit

«So ein Fall sollte ja eigentlich sowieso nicht vor Gericht landen», meint Rechtsanwalt Markus Henzer, der die Verteidigung der Beschuldigten übernimmt. «Die Mitarbeiter werden nicht richtig über die Vorgehensweisen informiert.» Im obengenannten Mitarbeiterhandbuch sei nämlich von «Alt- und Gebrauchsware» die Rede und nicht von «Ausschussware».

Zudem sei sich seine Mandantin keiner Schuld bewusst und habe, im Gegenteil, Unrecht verhindern wollen. Des Weiteren wiesen zwei der entwendeten Tuben das Label der Firma Spirig auf, die ja im Jahr 2013 von der Galderma abgelöst und infolgedessen das Label geändert wurde. Zu diesem Zeitpunkt habe Katarina B. überhaupt nicht bei der Spirig Pharma AG gearbeitet. Der Beschuldigten drohten zudem, weil sie eine Aufenthaltsbewilligung B hat, durch den Diebstahl ein Landesverweis. «Meine Mandantin ist gut integriert, hat seit zwei Jahren eine feste Stelle und macht nun einen Bachelorabschluss», erklärt Henzer. «So jemandem darf doch nicht der Landesverweis drohen.»

Amtsgerichtspräsident Walser winkt ab: «Die neue Landesverweisregelung provoziert, dass jeden Fall geprüft werden muss.» Im vorliegenden Fall sei dies jedoch kein Thema. Denn aufgrund der unsicheren Beweislage wird Katarina B. freigesprochen. «So eine Beweislage reicht einfach nicht aus», so Walser. «Die heutigen Zeugen haben zwar Klarheit geschaffen, aber so ein Fall hätte gar nie vor Gericht landen müssen.»
* Name von der Redaktion geändert