Aus Thaler Sicht
Wie aus einem Italiener mit Schweizer Wurzeln wieder ein Schweizer wurde

Sammy Deichmann, Aedermannsdorf, Künstler
Sammy Deichmann, Aedermannsdorf, Künstler
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Sammy Deichmann erzählt die Geschichte von Sepp, einem Italiener mit Schweizer Wurzeln.

Sammy Deichmann erzählt die Geschichte von Sepp, einem Italiener mit Schweizer Wurzeln.

Bruno Kissling

Krisen gab es immer und wird es immer geben. Viele werden von Ereignissen in der Natur ausgelöst, aber die meisten hat sich die Menschheit selbst eingebrockt.

Es ist noch nicht so lange her, 1816 und 1817, als die Schweiz von der letzten grossen Hungersnot heimgesucht wurde. Ausgelöst durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien, dessen Asche die Atmosphäre verdunkelte und 1816 zum «Jahr ohne Sommer» machte, in dem die Frucht auf den Feldern verfaulte. Der Schnee blieb in manchen Tälern bis im Juni liegen und der Sommer war so nass, dass der Neuenburger-, der Murten- und der Bielersee eine zusammenhängende Wasserfläche bildeten. Die Preise für Getreide und Kartoffeln stiegen ins Unermessliche und die Tiere mussten geschlachtet werden, weil es kein Futter für sie gab.

Wie viele Menschen damals den Hungertod starben, ist nicht bekannt, aber in der Folge begann die erste grosse Auswanderungswelle von Schweizer Wirtschaftsflüchtlingen.

Angeheizt von weiteren Missernten, die mit der Krise der Textilindustrie zusammenfielen, als viele Heimarbeitsplätze für die Landbevölkerung wegfielen, und von schöngefärbten Auswandererberichten aus Amerika, folgten zwei weitere Wellen 1850 bis 1854 und 1880 bis 1883, als wiederum Tausende aufbrachen, um in den Nachbarländern, in Übersee und in Russland eine Zukunft zu finden.

Bei uns im Dorf wohnt ein älterer Herr, der mir die Geschichte seiner Familie erzählte, die einen Bezug zu diesen vergessenen Katastrophen herstellt.

Die Familie stammt aus dem Wallis, das sie nach vier aufeinanderfolgenden Missernten (wahrscheinlich 1850 bis 1854) verliess, um sich in Südtirol eine neue Existenz aufzubauen. Als mein Gesprächspartner – er heisst Sepp – geboren wurde, lebte die Familie auf einem Pachthof in einem Südtiroler Tal, unweit von Bozen. Als die Pacht auslief, zügelte die Familie mit fünf Kindern in das Haus der Mutter, das eher ein besserer Schopf war. Der Vater war im Sommer auf einer Alp oder arbeitete als Knecht. Essen war keines übrig.

Sepp musste bereits als Sechsjähriger im Sommer auf der Alp arbeiten und konnte nur von Oktober bis Mai die Schule besuchen.

Mit zwölf Jahren wurde er zu einem Bauern gegeben, wo er fortan arbeitete. Die Familie sah er jeweils sonntags. Von den 200 Jungen seines Jahrgangs bekamen nur zirka 20 die Chance auf eine Lehre als Zimmermann, Schreiner, Maurer oder Schmid. Alle anderen mussten sich als Knechte oder Hilfsarbeiter durchschlagen.

Südtirol war nach dem Ersten Weltkrieg von Italien annektiert worden. Als 1922 eine faschistische Regierung an die Macht kam, begann die Italienisierung Südtirols mit dem Ziel, die deutschsprachige Bevölkerung zu vertreiben. Ab 1948 wurde der überwiegend in der Landwirtschaft arbeitenden nicht italienischen Bevölkerung der Zugang zur Arbeit in den Industriebetrieben systematisch verwehrt. Wer konnte, verliess das Land. Und so kam es, dass Sepp 1965 auf der Suche nach Arbeit nach Oensingen kam, wo er eine Stelle fand und später eine Familie gründete. Erst 1992 wurde er, der Italiener mit Schweizer Wurzeln, (wieder) Schweizer.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil sich unser Wohlstand viel selbstverständlicher anfühlt, als er es ist. Weil uns schon ein klitzekleines Virus, das in China auf einen Menschen überspringt, in die Knie zwingen kann. Weil der Zugang zu Bildung, Nahrung und Arbeit auch heute noch davon abhängt, wo man geboren wird und welches politische System dort gerade wirkt.

Ich jedenfalls bin dankbar, hier und heute leben zu dürfen.

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