Aus Thaler Sicht
Von der Kultur des Grüssens

Der «Wahlthaler» und Künstler Sammy Deichmann über das Grüssen in seiner Gemeinde.

Sammy Deichmann
Sammy Deichmann
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«Ich erinnere mich an meine Kindheit in den 60er-Jahren in Deutschland, als Mann ohne Hut nicht aus dem Haus ging.»

«Ich erinnere mich an meine Kindheit in den 60er-Jahren in Deutschland, als Mann ohne Hut nicht aus dem Haus ging.»


Chris Iseli (Symolbild)

Ein echter Thaler wird man durch die Gnade der Geburt am rechten Ort. Und auch das nur, wenn auch mindestens schon einer vorherigen Generation diese Gnade zufiel. Thaler erkennen sich zuweilen auch an weit entfernten Orten allein an der speziellen Ausformung des Dialekts, die ich auch nach vielen Jahren im Thal noch immer nicht heraushöre.

Ich bin ein Eingewanderter, ein Wahlthaler, der hier ist, weil er hier sein will. Hin und wieder, wenn ich erklären muss wo ich herkomme, werde ich gefragt, wie ich denn um Gottes Willen ausgerechnet im abgelegenen Thal gelandet bin. In der Fragestellung schwingt eine gewisse Geringschätzung mit. Einer hat das Thal mal den Urwald hinter den Bergen genannt und die erste Frage einer Besucherin aus Zürich war, wo man denn hier ins Theater gehe. Wenn die wüssten!

Es gibt selbstverständlich eine Geschichte, die mich ins Thal geführt hat, aber das ist nicht die, die ich Ihnen erzählen möchte. Ich bin hier, weil ich gerne hier lebe. Weil ich die Einzigartigkeit der Landschaft mag, weil ich diesen zurückhaltenden, respektvollen Umgang miteinander schätze und natürlich auch, weil ich eine familiäre Bindung im Thal habe.

Wovon ich berichten möchte, ist von der Kultur des Grüssens, die im Thal, und ganz speziell in unserem Dorf, eine für mich besondere Ausprägung hat. Ich erinnere mich an meine Kindheit in den 60er-Jahren in Deutschland, als Mann ohne Hut nicht aus dem Haus ging. Die Herren brauchten den Hut, um ihn zum Gruss ein wenig anheben zu können und dabei den Kopf, je nach Wertschätzung gegenüber dem zu Grüssenden, ein wenig mehr oder weniger zu neigen. Vielleicht liegt es an der heute höheren Bevölkerungsdichte oder an der Durchmischung der Kulturen, dass das, was ich Rundumgrüssen nenne, verloren gegangen ist. Sicher gibt es auch andere Gründe, aber das Warum spielt eigentlich keine Rolle. Es ist wie es ist, aber eben nicht überall gleich.

Einmal führte mich eine Reise nach Japan, wo mit dem Gruss ganz besonders Respekt ausgedrückt wird und das angemessene Grüssen eine komplizierte Angelegenheit ist. Dort musste ich zur Kenntnis nehmen, dass man niemanden mit einem Gruss zum Gegengruss nötigen sollte und es ebenfalls unhöflich ist, den Menschen auf der Strasse ins Gesicht zu sehen und damit in Verlegenheit zu bringen. Der gesenkte Blick war allgegenwärtig.

Spontan schau ich mal bei Wikipedia nach, was das Allwissende über das Grüssen zu sagen hat und stosse auf einen interessanten Satz: «Einen „grußberechtigten“ Menschen, der von dem Betreffenden nachweislich gesehen und erkannt wurde, nicht zu grüßen, gilt im westlichen Kulturkreis als grobe Unhöflichkeit. Insofern gibt es auch im Zivilleben in gewisser Weise eine „Grußpflicht“.»

Bei uns im Dorf wird gegrüsst. Auf der Strasse wird man auch von Jugendlichen und Schulkindern gegrüsst. Nicht immer und nicht von allen, aber von den Meisten und fast immer. Es gibt sogar ein vorsorgliches Grüssen. Fährt ein Auto an Dir vorüber, mit dessen Fahrer Du im Vorbeifahren einen Gruss durch Heben der Hand austauschst, obwohl Du ihn nicht kennst, dann ist das nicht nur dem Gedanken geschuldet, dass er Dich vielleicht kennen könnte, sondern es ist ein Zeichen, dass man sich gegenseitig wahrnimmt und zumindest nicht geringschätzt. In einer solchen Situation kommt es vor, dass mich meine neben mir laufende Partnerin fragt, wer denn der eben Gegrüsste gewesen sei und sich herausstellt, dass wir beide keine Ahnung haben. Ich liebe solche Situationen! Seien Sie gegrüsst.

Sammy Deichmann, Aedermannsdorf, Künstler