Aus Thaler Sicht
Die Würde des Buches lebt weiter

Martin Neuenschwander, Balsthal, Kantonsschullehrer
Martin Neuenschwander, Balsthal, Kantonsschullehrer
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Tobias Garcia

Das Buch begleitet den Menschen schon sehr lange. Grossartige Schätze wie der Vergilius Vaticanus (400 n. Chr.), das Book of Kells (800 n. Chr.) oder Les Très Riches Heures du Duc de Berry (1500 n. Chr.) wurden auf teuerstem Pergament geschrieben und von wunderbaren Malereien begleitet. Die schon damals sehr wertvollen Schätze gelten zu Recht als herausragende Zeugnisse der westlichen Zivilisation.

Nach der Erfindung des Buchdrucks begann eine wahre Erfolgsgeschichte. Bücher wurden weit verbreitet, die Adligen legten sich opulente Bibliotheken zu und der Wissenstransfer begann sich auf eine immer breitere Bevölkerungsschicht auszudehnen. Bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts gehörte es zum guten Ton jeder bürgerlichen Stube, eine gehaltvolle Bibliothek zu besitzen und erst mit den neuen Medien erfuhr diese Entwicklung eine gewisse Abschwächung. In unserer Zeit lässt sich eine ganze Bibliothek in einem Laptop oder einem E-Reader aufbewahren, die gut gefüllten Bücherregale verschwinden langsam aus den Wohnzimmern, es gibt Platz für anderes.

Das heisst freilich nicht, dass weniger gelesen wird. Der Büchermarkt brummt, es gibt so viele Neuerscheinungen, dass eine Übersicht praktisch unmöglich geworden ist und die Zahl der Leser ist ungebrochen hoch. Das Buch hat aber eine andere wirtschaftliche Bedeutung erhalten. Zum einen sind die gut sortierten Buchläden ausgedünnt worden, zum anderen ist das Phänomen der Bücherschränke überall sichtbar. Dort können gelesene Bücher deponiert und andere ausgeliehen werden, ohne dass es eine Aufsicht oder ein Rückgabedatum gäbe. Es ist eine frei organisierte Tauschkultur entstanden, die dem wertvollen Kulturgut Buch eine neue Ausrichtung gibt.

Zuerst konnte dieses Phänomen nur in den Städten beobachtet werden, inzwischen ist es auch auf dem Land gang und gäbe geworden. Bei uns im Thal gibt es zwei sehr gut geführte Bücherschränke, der eine befindet sich in Matzendorf, der andere in Welschenrohr. Hinter beiden steht die jeweilige Kulturkommission, die den Bücherschrank betreut, indem sie für einen ausgewogenen Mix von Kinder- und Erwachsenenliteratur sorgt, problematische Schriften aussortiert und je nach Bedarf den Bücherschrank mit neuen Werken bestückt. Diese logistische Betreuung ist unbedingt notwendig, damit der Bücherschrank sinnvoll genutzt werden kann und Freude bereitet.

Für Buchliebhaber war es schon immer schwierig, sich von Büchern zu trennen. Einerseits gibt es Bücher, die einem so ans Herz gewachsen sind, dass man sich nicht von ihnen trennen kann und immer mit ihnen leben möchte. Andererseits gibt es aber auch solche, die man mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr liest. Doch ein gutes Buch ist viel mehr als ein Objekt, das man nach dem Gebrauch einfach entsorgt und es kommt somit nicht in Frage, das Buch wegzuschmeissen. Wohl deshalb ist die Idee mit den Bücherschränken entstanden und folglich eine geschickte Alternative, um der Würde des Buches gerecht zu werden.

Inzwischen lassen sich im Thal sogar da und dort private Bücherschränke entdecken, die dieser Idee nachkommen. In der Badi Moos betreibt die Bibliothek Balsthal schon seit längerem eine Bücherkiste, die den Badegästen Literatur zur Verfügung stellt. In Holderbank, Balsthal und Herbetswil sind weitere Bücherschränke geplant.

Es kann auch vorkommen, dass längst vergriffene Raritäten plötzlich in einem Bücherschrank wieder auftauchen. So bin ich ganz unverhofft zu einem Exemplar von Les Très Riches Heures du Duc de Berry gekommen. Selbstverständlich handelt es sich nicht um das Original aus dem Schloss von Chantilly, aber um einen schönen Kunstband aus der «3 Lilien Edition».

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