Aus Thaler Sicht
Die Stimmung im Ausgang bei den Jurassiern war «elektrisierend»

Martin Neuenschwander, Balsthal
Martin Neuenschwander, Balsthal
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Als Martin Neuenschwander noch Töffli fuhr, ging die Thaler Jugend oft Richtung Jura in den Ausgang.

Als Martin Neuenschwander noch Töffli fuhr, ging die Thaler Jugend oft Richtung Jura in den Ausgang.

Bruno Kissling

Am Sonntag, 28. März, hat das Stimmvolk der Stadt Moutier beschlossen, den Kanton zu wechseln. Seit 1815 gehörte die Stadt zum Kanton Bern, jetzt wird sie dem 1979 gegründeten Kanton Jura beitreten. Viele neutrale Besucher fragen sich, ob ein solcher Kantonswechsel sinnvoll sei in einer Zeit, in der doch die Lösung anderer Probleme dringender erscheint.

Wer aber die jurassische Geschichte kennt und die zum Teil auch in der jüngsten Zeit hochdramatischen Entwicklungen verfolgt hat, kann verstehen, weshalb das Thema die Leute emotional so stark bewegt. Die Jubelbilder vom 28. März auf der Place de la Gare glichen erstaunlich denjenigen vom Februar 2020, als der HC Ajoie den Cupsieg erkämpft hatte. Denn wieder waren die Leute aus allen Himmelsrichtungen herbeigeströmt, um ihren Kanton zu feiern.

Martin Neuenschwander, Balsthal, Kantilehrer Solothurn.

Martin Neuenschwander, Balsthal, Kantilehrer Solothurn.

frb

Die Begeisterungsfähigkeit der Jurassier ist mir schon früh aufgefallen. Es gab eine Zeit, als die Thaler Jugend jeweils ab Freitagabend Richtung Moutier pilgerte. Im legendären «Croix Blanche» in Crémines gab es in den 1980er-Jahren eine schwer angesagte Diskothek, in der sich die Thaler Jugend traf. Wir wurden also nicht nur mit Led Zeppelin und AC/DC musikalisch sozialisiert, sondern auch mit französischem Punk von Indochine oder den Zuckerballaden von Jean-Jacques Goldmann. Die Stimmung war elektrisierend, die Energie richtiggehend greifbar. Sodass wir wie das Duracellhäschen endlos abtanzen konnten und uns für die kommende Woche in Schuss brachten. Die Nachtfahrten auf unseren Sachs-Zwei-Gang- und Ciao-Töfflis zurück nach Hause bleiben unvergesslich. Als dann mein Töffli etwas mehr Leistung hervorbrachte, fuhren wir sogar ins «HELP» nach Moutier, dem Gipfel unserer Discoträume. Denn dort herrschte so etwas wie Grossstadtatmosphäre. Wir hätten es geglaubt, wenn man uns gesagt hätte, dass wir uns in Paris befänden.

Noch etwas später, als mein Kollege schon Auto fahren konnte, fuhren wir nach Courrendlin ins «138». Heute befindet sich dort ein Casino, die Discokultur der damaligen Zeit existiert nicht mehr. Moutier erlebten wir als eher düstere, etwas unheimliche Industriestadt. Von der glorreichen Vergangenheit des inzwischen verschwundenen Klosters Moutier-Grandval wussten wir damals überhaupt nichts, obwohl das Thal im Mittelalter lange unter seinem Einfluss stand. Die fremde Sprache war exotisch, prickelnd, machte es anfangs aber auch schwierig, mit den einheimischen Jugendlichen in Kontakt zu treten.

Aber ihre Herzlichkeit und ihr faszinierender Nonkonformismus führten schliesslich dazu, dass wir uns mit «les Welsches» anfreunden konnten.

In der heutigen Zeit orientieren wir Thaler uns ganz klar nach Solothurn, Olten und immer öfter noch weiter. Ich kenne keine Jugendlichen, die nach Moutier in den Ausgang gehen. Ich weiss, dass die Einwohner Welschenrohrs die gute Infrastruktur der Stadt für ihre Einkäufe oder für einen Besuch in der Badi oder auf der Eisbahn nutzen. Ein reger kultureller Austausch zwischen den Regionen findet kaum statt. Die Sprachgrenze macht es schwierig, am kulturellen Leben der Nachbarn teilzunehmen und umgekehrt. Als Ausnahme gilt der Kunstbetrieb, wo diese Grenze weniger markant wirkt als in der Literatur oder im Theater.

Aber in einem Punkt sind wir Thaler unseren Nachbarn sehr nahe: Wir lieben es gesellig und viele Feste im Thal sind mir in Erinnerung, die man mit «überbordender Lebensfreude» zusammenfassen könnte. Was bisweilen zu ähnlichen Szenen wie am 28. März auf der Place de la Gare führen kann, wo Regeln – in diesem Fall die Coronarichtlinien – kurzfristig vor einer Welle der fröhlichen Anarchie zurückweichen. Unvergessen bleiben die Energie, die Freude und die Begeisterung in den Gesichtern der Menschen, so wie damals im «Croix Blanche».