Aus Thaler Sicht
Deutsche Romantik in Balsthal

Martin Neuenschwander
Martin Neuenschwander
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Martin Neuenschwander über Römer und den Begriff der deutschen Romantik (Symbolbild).

Martin Neuenschwander über Römer und den Begriff der deutschen Romantik (Symbolbild).

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Von den Römern haben wir den Begriff «Geist des Ortes» (genius loci) vermittelt bekommen. Sie meinten damit, dass ein Schutzgeist über einen Ort wacht und dessen einzigartiges Gepräge beschützt. Heutzutage wird der Begriff in der Regel verwendet, um die besondere Atmosphäre eines Ortes hervorzuheben, in dem der Geist einer bestimmten Idee oder sogar einer Epoche sinnlich erfahrbar ist. Einen solchen Ort glaube ich in Balsthal entdeckt zu haben und habe ihn augenblicklich mit der Epoche der deutschen Romantik in Verbindung gebracht. Diese ist zweifellos eine der bedeutendsten Epochen der deutschsprachigen Kulturgeschichte, nicht nur wegen ihrer enormen Vielfalt an Erscheinungen auf fast allen Gebieten der Künste, sondern auch wegen ihrer Ausstrahlung auf alle anderen grossen Kulturen Europas. Mit der «Romantik» erfolgt die Abkehr vom Vorbild der Antike.

Das Mittelalter und die eigene Geschichte werden bedeutend, die Brüder Grimm erforschen die deutsche Sprache und die alten Märchen, Naturlyrik wird zur Muttersprache des deutschsprachigen Dichters. Es entsteht eine eigene Ästhetik des Unfertigen, Bruchstückhaften, Unabgeschlossenen, gegenüber den klar umrissenen Formen der Antike. Romantiker faszinieren neblige Herbstmorgen, jähe Felsabbrüche, tiefe Schluchten. Romantiker faszinieren Gegenden, wie wir sie im Thal antreffen. Sobald man durch die Klus fährt, wird die Präsenz des Mittelalters augenfällig. Rechts erhebt sich Alt Falkenstein, nach der Durchfahrt von Balsthal gilt die Ruine von Neu Falkenstein als eine der schönsten Burgansichten der Schweiz.

Der Ort, an dem alles verdichtet wird, befindet sich etwas oberhalb des Zentrums beim Friedhof von Balsthal. Dort steht die alte Pfarrkirche, wahrscheinlich am ältesten Siedlungsort in der Talsohle. Noch heutzutage kann man alte Grabstelen von 1834 im hinteren Teil der Anlage sehen, also just aus der Zeit der Spätromantik. Man stelle sich diesen Ort an einem Herbsttag vor, im fahlen Licht einer dünnen Novembersonne, die alsbald vom Nebel und darauf von einer tiefen Nacht verschluckt wird und schon glaubt man den Alchimisten Coppelius zu erspähen, einen Vertreter der schwarzen Romantik, der in einem Meisterwerk von E. T. A. Hoffmann die Hauptfigur Nathanael in Angst und Schrecken versetzt.

Geht man aus dem Friedhofareal hinaus, überquert den Steinenbach und folgt gegen die Strömung seinem rechten Ufer, so führt der Pfad in einen Wald hinein, der an einer jähen Felswand, die etwa 30 Meter in die Höhe steigt, endet. Nun ist man endgültig in der romantischen Landschaft angekommen. Die Kalkklippen Balsthals erinnern an die Kreidefelsen Rügens, die Caspar David Friedrich auf seinen Bildern unsterblich gemacht hat. Aber da ist noch mehr, ein Rauschen dringt ans Ohr, viel stärker als nur das Gurgeln des Baches. Wenn man um die Felswand herumgeht, steht man vor einem Wasserfall, der aus grosser Höhe hinunterstürzt und aus dessen Wasserbecken man den Flussgott Nöck zu entsteigen glaubt oder zumindest dessen Harfenschall zu hören meint, so wie dies Carl Loewe in seiner Ballade erlebbar gemacht hat.

Nun gut, ein etwas überhitztes Gemüt kann allerhand in eine Landschaft hineinlesen, eine Fantasiewelt entstehen lassen und die Natur idealisieren. Eigentlich handelt es sich in dieser Kolumne ja bloss um einen Text auf Papier, das bekanntermassen geduldig ist und alles akzeptiert, was der Schreiber von sich gibt. Und dennoch, diese Landschaft hat etwas Anziehendes, Magisches, Unerklärliches, wovon man in Staunen versetzt wird. Bestimmt ist es so auch den englischen Touristen gegangen, die Balsthal in der Vorromantik besucht haben. Man hat sie zum besagten Wasserfall geführt und auf ein geheimes Zeichen des Touristenführers das oben in der «Bütty» zuvor gestaute Wasser abgelassen. Das Naturschauspiel hat sie entzückt und beseelt vom «Geist des Ortes» genauso wie den heutigen Besucher.