Aus Gäuer Sicht
Warum man die Klus als historisches Tor zum Gäu betrachten darf

Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger
Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger
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«Die ältesten Zeugnisse menschlichen Daseins im Einzugsgebiet des Gäu finden wir eingangs Klus», schreibt Kolumnist Kuno Blaser.

«Die ältesten Zeugnisse menschlichen Daseins im Einzugsgebiet des Gäu finden wir eingangs Klus», schreibt Kolumnist Kuno Blaser.

Bruno Kissling

Vor 100'000 Jahren belegte eine Eisdecke das Gäu. Während 80'000 Jahren wechselten sich Warm- und Kaltphasen ab. Mal schmolz das Eis, mal wuchsen die Gletscher wieder ins Mittelland hinaus. Eine grosse Herausforderung für Fauna und Mensch. Diese Phase erscheint auf der Zeitachse der Erdgeschichte nur als kleine Grösse. Die Spuren der Dinosaurier im Steinbruch Oberdorf bei Solothurn liegen ja gar 145 Millionen Jahre zurück.

Vorausgesetzt, die Erdgeschichte nimmt ihren üblichen Lauf, müsste sich unser heutiges Dasein zwischen zwei Eiszeiten bewegen. Die Versuchung ist gross, solche Annahmen in Frage zu stellen, seit sich der Mensch auf unserem Planeten zu einer Übergrösse entwickelt hat. Gestritten wird, wie gross der Einfluss dieses vermeintlichen Übermenschen auf die Entwicklung des Klimas ist. Unbestritten ist der unmittelbare Einfluss des Menschen auf die Scholle unter seinen Füssen. Seinen aktuellen Fussabdruck könnte man durchaus «Betonzeit» nennen. Denn unter dessen Ägide verschwindet das Gäu immer mehr unter Beton und Asphalt.

Solches beeinflusst spürbar das Mikroklima: So ist der einst legendäre Gäuer Nebel im November buchstäblich verflogen. Und: Wo über Tausende von Jahren die Landschaft sich nur langsam veränderte, bringt es eine einzige Generation fertig, dem Gäu ein ganz anderes Gepräge zu verpassen: «Eine auf den Kopf gestellte Welt», würde der erste Oensinger Dorfchronist Pfarrer Emil Probst meinen, könnte er nochmals zurückkommen. Dies, obwohl er in den Dreissigerjahren selber den grössten Eingriff ins Gäu erlebte: die Korrektur der Dünnern. Das neue Flussbett verhindert, dass bei grossen Regenfällen Felder und Dörfer überflutet werden. Das Jahrhundertwerk erwies sich als Segen für Land und Leute. Den erneuten Beweis liefert dieser Sommer. Ob das jetzige Zeitgeschehen im Gäu einst auch zum Segen gereicht?

Manchmal erhält man den Eindruck, der Respekt vor der Scholle sei verloren gegangen. Das ist eine schlechte Voraussetzung. Der Segen hält sich jetzt schon in Grenzen: Die neu entstandenen Arbeitsplätze im Gäu weisen leider nicht durchgehend die erwartete Qualität auf. Von Pendlern überfüllte Züge und verstopfte Strassen Richtung Zürich verraten, wo erstklassige Arbeitsplätze locken. Nur: Über einen langen Zeitraum betrachtet, wird sich das derzeitige Treiben als kurze Episode in der Siedlungsgeschichte des Gäu herausstellen. Dramatischere Begebenheiten prägten vor fernen Zeiten das Gäu. Vor über 30000 Jahren starb unweit gar die Menschengattung Neandertaler aus. Das Vorkommen dieser Primaten lässt sich im Mittelland nicht nachweisen, weil hier die Gewalt der Gletscher allfällige Spuren wegwischte. Ob Klimaveränderungen für das Aussterben des Neandertalers verantwortlich sind, darüber rätselt neben anderen Theorien die Wissenschaft nach wie vor.

Die ältesten Zeugnisse menschlichen Daseins im Einzugsgebiet des Gäu finden wir eingangs Klus. Die dortigen Funde lassen sich auf 12000 Jahre, das heisst, nach der letzten Eiszeit zurückdatieren. Die Klus darf man füglich als historisches Tor zum Gäu betrachten. Welche Unannehmlichkeiten die Menschen im Gäu im Verlaufe der Geschichte wegen der «bevorzugten» geografischen Lage ertragen mussten, kann man erahnen.

Die Vorzugslage bestimmt die Entwicklung bis in die Gegenwart. Diese fühlt sich verdammt stürmisch an. Ob in ferner Zukunft wiederum riesige Eismassen (oder andere Ereignisse) die Fussabdrücke unserer Zeit wegwischen werden? Die Frage regt zum Nachdenken an.