Aus Gäuer Sicht
Verschlossene Türen lösen keine Hochgefühle aus

Der Oensinger und pensionierter Lehrer Kuno Blaser über verschlossene Türen und über das Schloss Neu-Bechburg.

Kuno Blaser, Oensingen
Kuno Blaser, Oensingen
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Das Schloss Neu-Bechburg in Oensingen.

Das Schloss Neu-Bechburg in Oensingen.

Bild: Bruno Kissling

Im Moment stossen wir auf zu viele geschlossene Türen. «Gute Nacht am Schatten», wenn es sich bei unserem letzten Stündchen auch so verhält!
Man sagt ja Petrus nach, dass er seine «Menschenkinder» nach guten und schlechten Taten begutachte, bevor er sie durch die Himmelspforte lasse. Wie mancher Fötzel musste dort wohl umkehren, um den Weg zum Teufel zu nehmen, das Irdische in Asche auf dem Friedhof zurücklassend!

An einem winterlichen Sonntag stand ich vor der verschlossenen Schlosspforte. Diese wäre eigentlich ein altehrwürdiger Eingang, stünde er nur offen! Erst kürzlich erfuhr das Portal durch eine sanfte Renovation eine Aufwertung, erhielt damit ein Stück Glanz alter Tage zurück. Die Jahrzahl 1632 darüber zeugt von einer langen Geschichte: Mindestens 400 Jahre erlebte «Freud und Leid» der Oensinger und vieler Auswärtiger, die hier um Einlass baten, erhielten oder eben nicht erhielten.

Man bedenke! Wer einst in der Amtei Böses getan, wurde durch dieses Portal zu Gerichte geführt und allenfalls gleich darauf im Turm eingekerkert. Die Steuermoneten hatte der Oensinger Bauersmann noch eigenhändig im Schloss dem Landvogt auf den Tisch zu legen.

Auch berühmte Gäste durchschritten die Schlosspforte. Johannes Brahms tat dies wohl Händchen haltend mit seiner Clara Schuhmann, beides Musikgrössen von Weltruf. Klara Schuhmann galt als grösste Pianistin ihrer Zeit. Ihre Aura kann durchaus mit jenen anerkannten Feministinnen von heute Schritt halten. Auf der Bechburg durfte sich Klara Schuhmann befreit der üblichen Normen unbeobachtet bewegen. Den Schutz der Bechburgmauern beanspruchte sogar ein Bischof des einst mächtigen Bistums Basels. Durch dieses Portal gehend, suchte er Zuflucht vor Feinden.

Ob die Pest ebenfalls durch diese Türe trat, ist nicht aktenkundig. Festgehalten ist lediglich, dass die Sicherheitsmassnahmen gegen diese schon damals jenen glichen, die heute gegen Corona ergriffen werden: Türen schliessen und zu Hause bleiben! Die Umstände waren einiges schwerer zu ertragen als heute! Ohne elektrisches Licht, ohne Handy, ohne Lesestoff, ohne tägliche Nachrichten auf Papier, lediglich Grossvaters alte Dorfgeschichten aufwärmen hören, liess die Welt noch enger werden, als sie sich schon zeigte.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl bedurfte keiner Integrationsbeauftragten. Ordnungshüter mit dem Knüppel im Sack erwiesen sich nicht als nötig, welche die Gegner der Pest-Massnahmen nach Hause treiben sollten. Solches besorgte die Pest mit der ihr ureigenen Autorität, ohne sich dabei Risikogruppen auszusuchen. Sie bestrafte jeden unwiderruflich mit dem Tode, der unvorsichtig seines Weges ging. Im Siechenhaus in der Klus standen Pestkranken an oder wurden von Angehörigen, mangels Schutzmasken mit einem Kartoffelsack über den Kopf gestülpt, mit Ross und Wagen hingekarrt.

An jenem Sonntag also – der Schnee verlieh diesem eine immer seltener gesehene Stimmung – an diesem Sonntag stand ich vor der Schlosstüre der Neu Bechburg, die obligate Maske in der Hosentasche, um sie allenfalls aufzusetzen, sollte mir jemand Einlass gewähren. Meine Gutmenschen-Referenz könnte allenfalls ausreichen, dachte ich, dass mir Schlossgeist Kuoni die Türe öffnete.

Tat er nicht! Es kann nur Corona sein, das ihn davon abhielt, den Schlüssel, zu drehen. Corona ist des Teufels. An den widersprüchlichen Massnahmen gemessen, stehen wir der Pandemie ein Stück weit ratlos gegenüber. Unter solchen Voraussetzungen wird von der Obrigkeit das Ausschliessen als sicherstes Rezept angesehen, der Pandemie zu trotzen.

Vermutlich zählt sich Schlossgeist Kuoni immer noch zur Obrigkeit.
Ihn kann man halt nicht abwählen.