Aus Gäuer Sicht
Sagt man dem Gäu bald «Südostsolothurn»?

Kuno Blaser
Kuno Blaser
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Das Portal der Neu Bechburg in Oensingen.

Das Portal der Neu Bechburg in Oensingen.

zvg

Über dem Portal der Neu Bechburg in Oensingen prangt die Jahreszahl 1632. Wer Jahreszahlen in Stein meisselt, muss gute Gründe dazu haben. Das Nachforschen brachte mir die Erkenntnis, dass es schon damals gang und gäbe war, Begebenheiten zu verschleiern. Auch ohne Kommunikationsmittel in der Hand erwies es sich als schwierig, an die volle Wahrheit zu gelangen. 1632 steht für eine komplizierte Welt, die den dörflichen Rahmen Oensingens sprengte: Da wollte mitten in den religiösen Glaubenszwisten ein protestantischer Berner Trupp von 50 Mann durch solothurnisches Gebiet, über den Hauenstein nach Mülhausen gelangen.

Der Vorfall ging als «Kluser Handel» in die Schweizer Geschichte ein. Er erschütterte die Eidgenossenschaft. Philipp von Roll, Vogt auf der Bechburg, entschloss sich eigenmächtig, den Bernern in der Klus den Weg zu versperren. Ein versehentlich abgefeuerter Schuss führte zum Eklat. Einige Balsthaler und Oensinger Bauern eilten zu Hilfe. Dem Überfall fielen neun Berner zum Opfer. Philipp von Roll versuchte in der Folge, den wahren Tatbestand zu verschleiern, verdrehte die Geschichte zu seinen Gunsten. Ihm glaubte man vorerst, war er doch der Sohn des mächtigen Solothurner Schultheissen Johann von Roll. Die Wahrheit kam dennoch ans Tageslicht. Sie kostete ausgerechnet jenem Landvogt, der die Jahrzahl einmeisseln liess, Amt und Würden.

Wo stehen wir heute bei der Wahrheitsfindung in Krisenzeiten? Nur soviel: Den üblen Streit aus heutiger Sicht beschrieben, hiesse in etwa: «Männer aus Südost- und dem nahen Nordostsolothurn eilten dem Landvogt zu Hilfe, was nicht ohne Blutvergiessen endete.» Eine derartige Schilderung verwischte die genaue Ortung des Streites und täuschte über den tatsächlichen Sachverhalt hinweg. Die Täter und die Orte Oensingen und Balsthal nicht zu nennen, bewahrte den dortigen Bauernstand vor unerwünschtem Misskredit.

Diese verbogene Sprache ist uns doch hinlänglich bekannt. Sie trägt zur Verschleierung bei und ärgert. Selbst staatliche Organe (wie die Polizei) bedienen sich dieser heutzutage bei Pressemitteilungen. Dabei hegen mündige Bürgerinnen und Bürger den Anspruch, zu wissen, was genau Sache ist, um eine eigene Meinung zu bilden. Diese dient als Grundlage bei politischen Entscheidungen. So gesehen, manipuliert eine verzerrte Berichterstattung diese unvorteilhaft. Solches Gehabe ist der ältesten Demokratie der Welt unwürdig.

Und: Müssen wir nun befürchten, dass «Südostsolothurn» als neue geografische Bezeichnung für das Gäu herhalten muss? Wer die herkömmliche Bezeichnung «Balkan» durch «Südosteuropa» ersetzt, wird bei nächstbester Gelegenheit unser Gäu «Südostsolothurn» nennen. Man höre: Im Zusammenhang zu Corvid-19 liess das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verlauten: Ein grosses Problem seien die Ferienrückkehrer, die das Virus in die Schweiz mitbrachten. Die meisten von ihnen hielten sich in Südosteuropa auf. Mit dieser Umschreibung der Fakten wollte man vorerst Assoziationen gegen den Kosovo und Nordmazedonien vermeiden. Beiläufig entsteht der Eindruck, dass auch Tante Emma und ihr Hausi aus Niederbuchsiten zu den Ferienheimkehrern aus Pristina gehören.

Offensichtlich fürchten heute selbst offizielle Organe, die Dinge beim Namen zu nennen. Aus Angst davor, dass jemand an der richtigen Schraube zu drehen beginnt?

Kuno Blaser ist pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger.

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