Aus Gäuer Sicht
Lesen Sie wohl!

Pascal Froideveaux über reisen, lesen und leben.

Pascal Froidevaux, Verwaltungsrat s:stebler, Oensingen
Drucken
Teilen
«Wir können nicht reisen, aber wir können in Regionen eintauchen, die in der Literatur beschrieben werden.»

«Wir können nicht reisen, aber wir können in Regionen eintauchen, die in der Literatur beschrieben werden.»

Keystone/GAETAN BALLY

Wir befinden uns mitten im zweiten Lockdown. Doch im Vergleich zu letztem Frühling fühlen sich die aktuellen Einschränkungen komplett anders an: noch keine Aussicht auf Frühlingsgefühle. Oftmals grau in grau präsentiert sich unsere Umgebung. In einem Buch habe ich kürzlich den schönen Passus gelesen, dass leben und lesen sich nur durch einen Buchstaben unterscheiden. Warum nutzen wir diese lichtlose Zeit nicht, um in gute Geschichten einzutauchen und Neues zu erleben? Um ein Buch in die Hand zu nehmen, vielleicht sogar aus einem Verlag unserer Region oder zumindest von einem Buchhändler aus der Region? Natürlich gibt es auch die elektronische Version für den gepflegten Textverzehr, aber nichts funktioniert besser als die gute alte Lesefabrik namens Buch.

Im vergangenen Frühjahr, während der ersten Zwangspause, schrieb ich mehrere Buchläden an, sie sollten mir doch ein paar Bücher schicken, und ich erwähnte, was ich sonst so lese. Gekommen sind wahre Preziosen, die mir die Zeit merklich versüssten und meine Inspiration weckten. Ein bisschen wie «Wine & Dine», das gastronomische Konzept, bei dem jeder Gang von einem anderen – oft unbekannten – Wein begleitet wird. Nur so lernt man Neues kennen. Probieren Sie dieses Überraschungsrezept aus – den Buchhändler wird’s freuen, und Sie werden die unerwarteten Inputs schätzen.

Wir können nicht reisen, aber wir können in Regionen eintauchen, die in der Literatur beschrieben werden. Wir können nicht zum Lieblingsitaliener, fantastische Penne al Gorgonzola geniessen und dazu eine Flasche Wein aus dem Piemont bestellen. Wir können aber sehr wohl ein Kochbuch in die Hand nehmen und uns das Gericht eigenhändig auf den Teller zaubern. Und siehe da: Plötzlich wirkt das Zuhause wie die Piazza in Alba.

Wenn ich mich mit Schriftstellern über ihr Leseverhalten austausche, dann staune ich immer wieder über ihre Feststellung, dass sie diese vielen Orte und Momente nicht selbst erlebt, aber über die Literatur verinnerlicht haben. Umberto Eco hielt einmal fest, dass er vieles erlesen und nicht erlebt habe. Der Unterschied sei aber marginal. Warum breche ich hier eine Lanze für das Buch? Weil ich überzeugt bin, dass wir unsere Umwelt farbiger sehen, wenn wir gute Bücher lesen. Dass wir unsere Neugier für vieles wecken können beim innigen Verweilen über Buchstaben und Zeilen. Dass wir Pläne schmieden können, für Zeiten, die vor uns liegen, und dazu noch umweltfreundlich agieren. Denn Barcelona besuchen durch ein Buch von Daniel Brühl geht ohne Flug oder neunstündige Autofahrt. Leben und lesen trennt nur ein Buchstabe. Ich hoffe, Sie finden die Lust, in ein Buch einzutauchen. Denn Lesen liegt Ihnen im Blut, sonst hätten Sie diese Zeilen schon längst beiseitegelegt.