Aus Gäuer Sicht
Jetzt ist Beziehungs-Pflege angesagt!

Unser Kolumnist hat genug von den virtuellen Treffen und plädiert dafür, ab sofort Termine mit Menschen zu vereinbaren, die einem lieb sind.

Pascal Froidevaux
Pascal Froidevaux
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Sich mit Freunden auf einen Kaffee treffen (Symbolbild).

Sich mit Freunden auf einen Kaffee treffen (Symbolbild).

Sandra Ardizzone

Vor einigen Tagen hatte ich wieder einmal ein ausführliches Gespräch mit einem alten Freund. Zu einigen Kaffees tauschten wir uns aus und brachten uns wie man so schön sagt: «à jour». Bei seiner Frage, was ich in den letzten 14 Monaten so gemacht habe, musste ich auffallend lange überlegen. Was machte ich in meinen Urlaubstagen, an den Wochenenden? Was habe ich erlebt? Erst bruchstückweise kamen meine Erinnerungen zurück und ich stellte eines sehr deutlich fest: wir werden uns an die Pandemie auch noch in vielen Jahren erinnern, aber es bleibt auch eine Zeit ohne Erinnerungen.

Feste blieben aus, Freunde konnte man nur in kleiner Anzahl besuchen und Reiseerlebnisse sind vollends auf der Strecke geblieben. Auf der einen Seite haben wir die Schweiz wieder besser kennengelernt, was sehr positiv ist. Auf der anderen Seite fehlt uns das Echte, das Unerwartete, Spontane. Sind es nicht diese Momente, die das Leben so vielfältig machen? Die Digitalisierung hat einen grossen Sprung gemacht und Meetings via Zoom oder Teams bringen den Zeiteffizienz-Suchenden eine Wirkung wie der Zaubertrank von Obelix.

Ich bin aber überzeugt, dass vieles dabei auf der Strecke bleibt. Der Mensch begreift vieles nur, wenn er es greifen, anfassen kann. Ich bin selber mit meinen Kunden oft in digitalen Meetings, habe aber kaum Erinnerungen, die mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Die Pendenzenliste ist abgearbeitet und gut ist - was aber bleibt? Ich habe im Gespräch mit meinem Freund gespürt, wie wichtig diese Tiefenstrukturen menschlicher Interaktionen für uns sind. Es tat richtig gut, diesen Austausch mit ihm was mich zur Überzeugung bringt, dass es eminent wichtig ist, dass wir jetzt beginnen, ganz vieles wieder zu pflegen.

Sobald die Impfung ein respektables Niveau erreicht hat, und dazu eine Herdenimmunität einsetzt, wird es einen grossen Nachholbedarf geben, unser Umfeld zu pflegen. Unsere Familienmitglieder, Freunde und Arbeitskollegen brauchen die Beachtung, die ihnen zusteht. Sonst verkümmern wir. Auch die Unternehmen sind gefordert, die Beziehung unserer Mitarbeitenden zu intensivieren und zu pflegen. Denn unsere Seele ist vielleicht mehr von der Pandemie in Mitleidenschaft gezogen worden, als wir denken. Darum appelliere ich an die Pflege der Beziehungen als grosse Aufgabe für die nächsten Monate und vielleicht Jahre.

Es muss uns gelingen, dass wir wieder blühende Erinnerungen an die Vergangenheit haben. Genau das liegt aber in unserer Verantwortung und bedarf unserer Aufmerksamkeit und da wir nicht genau wissen, wie lange die Einschränkungen uns noch beeinträchtigen, schlage ich vor, jetzt schon Termine mit Menschen zu vereinbaren, die einem lieb sind.