Aus Gäuer Sicht
«Gutmenschen» unter dem Regenbogen

Beat Nützi, ehemaliger Chefredaktor Oltner Tagblatt
Beat Nützi, ehemaliger Chefredaktor Oltner Tagblatt
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Unser Kolumnist hat sich mit einer Gäuerin über LGBTQ-Rechte unterhalten.

Unser Kolumnist hat sich mit einer Gäuerin über LGBTQ-Rechte unterhalten.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Bei einem Treffen mit einer schollenverbundenen, politisch interessierten, älteren Gäuerin äusserte die Frau, deren Meinung ich sehr schätze, als mir bekannte Optimistin unerwarteterweise viel Unbehagen.

Unbehagen 1: Das «Cave-Syndrom». Das Beklemmen nach der Coronapandemie, die über einen längeren Zeitraum Einschränkungen brachte und den Alltag veränderte, wieder in die Normalität zurückzukehren. Doch wie nach der Spanischen Grippe, die 1918/1919 hierzulande mit gegen 25'000 Toten mehr als doppelt so viele Menschenleben forderte, wie bis Datum Corona, werde sich das Leben mit allen Freiheiten wieder normalisieren müssen, gab sich die Frau überzeugt. Auch damals habe es drastische Einschränkungen gegeben, zum Beispiel in den Schulen. Als Beweismittel legte die Frau den Jahresbericht der Bezirksschule Neuendorf von 1918/1919 auf den Tisch. Darin bedauert die Schulleitung: «Leider musste auch unsere Lehranstalt von Herbst bis zur Weihnacht Grippeferien einschalten und verlor so die günstigste Unterrichtszeit des Jahres. Das Erziehungsdepartement teilt mit, dass von Frühjahrsprüfungen abgesehen wird.»

Unbehagen 2: Die Moralmacht. Vermeintliche Gutmenschen, die im Namen von Umwelt- und Klimaschutz oder im Zeichen des Regenbogens für LGBTQ-Rechte (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer) agieren, fühlen sich in einer auf Moral gegründeten Vorrangstellung zu allem legitimiert, auch zur Missachtung geltender Gesetze und Normen. Gewisse Forderungen sind für die Frau vom Land hanebüchen, etwa Klimaschutz durch Verzicht auf Fleischkonsum. Oder «regenbogentaugliche» Unisex-WCs.

Unbehagen 3: Intoleranz. Wer sich dem vom links-grünen Lager angetriebenen Klima-Hype und Regenbogen-Rummel nicht anschliesst und eine andere Meinung vertritt, wird verunglimpft. Besonders fragwürdig für die Gäuerin sind jene, die Toleranz predigen und gleichzeitig Andersdenkenden mit Intoleranz begegnen. Bei der Einordnung dieser Empfindungen musste ich feststellen, dass die Gäuerin mit ihren Wahrnehmungen hinsichtlich Moralmacht und der damit zusammenhängenden Intoleranz nicht alleine dasteht. Die prominente deutsche Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht spricht von einer moralischen Überheblichkeit der Linken. Eine abgehobene, akademisch geprägte und in den Städten lebende Schicht von «Lifestyle-Linken» blicke aus einer moralisch überheblichen Haltung auf die herab, die mit linken Zeitgeist nicht mitgehen könnten oder wollten. Statt drängenden sozialen Fragen und Problemen widme man sich Debatten über Gendersternchen, Regenbogen-Flaggen oder Biolebensmittel.

Kein Wunder, gibt es Druck aus dem Volk gegen diesen selbstgerechten Moralismus, der hierzulande bereits auch in den Reihen der Bürgerlichen Mitläufer gefunden hat. So überraschte ebenfalls in diesen Kreisen das Volksnein zum CO2-Gesetz, das wahrscheinlich auch einen Protest der Landbevölkerung gegen die Politik der «Lifestyle-Städter» beinhaltet. Wenn die Auseinandersetzungen und Diskussionen nicht offener und kontroverser geführt werden, drohen weitere derartige Überraschungen, etwa bei Volksabstimmungen über «Regenbogen-Vorlagen», wie mit der «Ehe für alle» am 26. September 2021 eine erste bevorsteht.

Fazit: Wenn eine pragmatische, bürgerliche Gäuerin und eine intellektuelle, linke Deutsche eine politische Entwicklung gleich wahrnehmen und einschätzen, verdient das Beachtung. Hinzu kommt die Erfahrung, die uns lehrt: Es kommt nie gut, wenn politische Forderungen durchgesetzt werden sollen, indem kritische Meinungen unterdrückt werden. Schliesslich gibt selten nur eine richtige Meinung. In unserer komplexen Gesellschaft hat jedes politische Anliegen mehrere Facetten, denen mit Umsicht Rechnung zu tragen ist. Mit der Moralkeule alleine kann man in einer Demokratie bei mündigen Bürgern nicht punkten – zum Glück.