Aus Gäuer Sicht
Die Baumnüsse des Willi Hans

Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger
Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger
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Kolumnist Kuno Blaser wagt einen Blick zurück und erzählt eine Geschichte von Baumnüssen.

Kolumnist Kuno Blaser wagt einen Blick zurück und erzählt eine Geschichte von Baumnüssen.

Fabio Baranzini

Vergangenen Zeiten im Gäu nachtrauern? Bringt nichts. Einen Blick zurückwerfen, um Lebensbilder zu verfolgen? Das kann amüsant sein oder nachdenklich stimmen.

Vorweg: Ich erstand meine Baumnüsse nicht anonym, liess sie mir also nicht per Zalando in den Briefkasten legen. Die Baumnüsse reiften auf Willis Baum und er persönlich brachte sie mir nach Hause. Willi verstand sich als Chauffeur halt schon immer als Bringer.

Sein Baum habe auch dieses Jahr trotz ungünstiger Witterung reichlich Früchte getragen. Das hinderte ihn nicht, sorgfältig jede Nuss einzeln zu reinigen, vertraute mir Willi an. «Typisch Willi», dachte ich: «Seriös und zuverlässig wie eine Bahnhofsuhr.» Man verstehe also, dass ich jeweils jede Nuss von Willi mit besonderem Respekt knacke.

Wer ist Willi? Dem pensionierten LKW-Chauffeur Willi Hans aus Kestenholz wurde in den 50er-Jahren der typische Berufsweg eines hiesigen Jungen aufgetragen: Die Wege waren vorgezeichnet, wenn sich ein handwerklicher Beruf aufdrängte: entweder Eisenwerk Klus oder Einstieg in den väterlichen Kleinbetrieb.

Auch Willis Weg war vorgespurt: Sein Vater führte im Einmannbetrieb vor dem Zweiten Weltkrieg mit viel Einsatz und Herzblut ein Transportgeschäft in Kestenholz. Als Zugfahrzeug diente ihm ein Holzgas betriebener Vierachser. Wie damals üblich, «verdonnerte» der Vater eines seiner acht Kinder in den elterlichen Betrieb. Es traf Willi. So hiess es nach dessen Schulzeit: «Jetzt gehst du ein Jahr ins Welschland und dann steigst bei mir ein.»

1952, vom Welschland zurück, fand Willi einen nigelnagelneuen «Scania» vor dem Haus stehen. Fürwahr ein auserlesenes Einstiegfahrzeug, mit dem ihn sein Vater überraschte. Nie hätte – bis anhin Willi – seinem Vater widersprochen. Das erste Mal geschah solches erst bei der Ausmarchung seines Gehaltes nach Abschluss der Ausbildung:

«Sag Junge, wie viel du willst.»

«Nein Vater, leg du es fest.»

«Also, dann gebe ich dir 1700 Franken.»

«Nein Vater, 1800.» Der Vater lenkte ein.

In der Folge wurde aus Willi ein weit herum geschätzter und geschickter LKW-Fahrer. So geschickt, dass er unfallfrei in Pension gehen durfte. Notfalls hätte man ihm vermutlich auch das Steuer eines Transportflugzeuges anvertraut, um Langholz zu transportieren. Wie froh wäre heutzutage doch der englische Premierminister, stünden ihm solch feine Kerle von Lastwagenchauffeuren zur Verfügung.

Über vier Jahrzehnte lang traf man Willi auf einem «Scania» mit übermeterlangem Transportgut aus den Eisenwerken oder mit Riesenbaumstämmen im Schlepptau auf Strassen und Pässen der Schweiz. Wer ihn im Gäu und Thal kreuzte, wusste und murmelte für sich: «Ach, unser Willi.»

Die Gegenwart? Bei einem Wochenendtrip durch das Gäu wird einem schier vorgetäuscht, das Erbe Willis hätte sich wie Himmelsbrot vermehrt: Hundertschaften von chromglänzenden Lastwagen stehen in Reih und Glied vor Lagerhallen, warten auf den Montag. Warten, auf dass sich ihr auserwählter «Willi» hinter das Steuer setzen möge. Allerdings stammen diese Chauffeure nicht mehr nur aus umliegenden Dörfern. Aus allen Herren Ländern lassen sie sich für billiges Geld anheuern. Fast niemand hier kennt die Fahrer noch persönlich.

Dabei liesse sich vermerken und folgern: Jede Entwicklung entspringt einer wirtschaftlichen Logik. So wachsen halt auch die Nussbäume der LKW-Chauffeure nicht mehr im Gäu. Es habe dort auf den einst offenen Feldern ohnehin bald keinen Platz mehr für Bäume. Hier schliesst sich der Kreis zwischen «amüsant» und «nachdenklich».

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