Aus Gäuer Sicht
Beim Coiffeur zum Bundesrat erhoben

Kuno Blaser
Kuno Blaser
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Die Auszeichnung «amüsant» verdiente sich einst auch der legendäre Kamber-Coiffeur in Oensingen.

Die Auszeichnung «amüsant» verdiente sich einst auch der legendäre Kamber-Coiffeur in Oensingen.

Kuno Blaser

Dass der Haarschneider zu alten Zeiten in seiner Werkstätte auch Zähne zog, gehört eher zu den amüsanten Begebenheiten dieses Handwerks.

Die Auszeichnung «amüsant» verdiente sich einst auch der legendäre Kamber-Coiffeur in Oensingen. Die Besonderheit, seinen Namen in der Umgangssprache vor die Berufsbezeichnung zu setzen, unterstreicht seinen aussergewöhnlichen Status im Dorf. Er kannte jeden, jeder kannte ihn. Mit Speuz und Rasiermesser bediente der Meister seine Kunden.

Das setzte ihm auch mal russgeschwärzte Fingerspitzen ab, weil die Giesser der Eisenwerke Klus nach ihrem Feierabend öfters «ungeschniegelt» eintrudelten. Deren Haaransatz befeuchtete «Kamber-Coiffeur» mit Speuz am Zeigfinger, damit das Rasiermesser besser über Haut und Haare gleiten konnte. Selbst ich erduldete als Junge jahrelang diesen Naturalservice. Undenkbar heutzutage solches, wo Hygiene oberste Priorität geniesst.

Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger

Kuno Blaser, pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger

Zvg / Solothurner Zeitung

Moderne Coiffeursalons verstehen sich heute als wahre Wohlfühloasen. Mehr noch: Lädt gar eine Kaffeebar zum Verweilen ein, vermag diese gefühlt bisweilen den «runden Tisch» zu ersetzen. Diese «runden Tische» verschwanden leider landauf, landab zu oft mit dem Beizensterben. In den nachrückenden Fast-Food-Restaurants erwartet bekanntlich die Kundschaft keine runden Tische.

Item: Missbehagen schüttelt man bekanntlich dann leicht ab, wenn ein Altbekannter zuhört. Drückt einem etwas aufs Herz, darf in den vier Wänden des Coiffeursalons auch mal ungeniert Luft abgelassen werden.

Ob es von Vorteil ist, seinen Friseur von Kind auf zu kennen? Ein gutes Gefühl vermittelt es auf jeden Fall beim Eintreten in den Salon. Und soll mir keiner sagen, am Rheinknie oder an der Limmat werke ein Barbier vom Format eines «Hofi» in Oensingen. Einer mit einheimischen bäuerlichen Wurzeln, demnach mit der hiesigen Scholle und den Begebenheiten des Dorfes bestens vertraut. Einer, der sich auch mal eine alte Liegenschaft unter den Nagel reisst, um diese vor dem Abriss zu retten und zu renovieren. Bei all dem drückt sich einheimisches Urgestein gerne in seinem Salon die Türfalle in die Hand.

Vor kurzem begegnete ich bei solcher Gelegenheit unserem Max F.:

«Herrgott Max, sieht man dich auch wieder einmal. Du gehst ja schier verloren in unserem Dorf, das aus allen Nähten platzt, dessen Boden zunehmend zubetoniert und versiegelt wird.»

Max lächelte mit breitem Gesicht und zugekniffenen Augen.

«Hast du gesehen, was wieder zwischen der Klusstrasse und dem Zubringer der Autostrasse entsteht? Gopferdeckel! Nimmt mich wunder, wessen Wohnbedarf das sein soll und wer dort mal zu wohnen kommt. In dieser Ecke nisteten ja nicht einmal die Vögel auf den Bäumen.»

«Säg nüd!», meinte Max und fügte gleich bei:

«Lehrer Emil Jaggi sagte uns anno 1957, wenn einmal zwischen Olten und Oensingen alles verbaut sei, verrecken wir wie die Fliegen im Insektenspray!»

«Hat er das wirklich so direkt seiner Schulklasse gesagt?», fragte ich gespielt ungläubig.

«Ja Kuno, natürlich! Du weisst doch: Herr Jaggi war ein guter Lehrer!»

Ich zog die Augenbrauen hoch und musterte das gutmütige Gesicht von Max: «Ob Lehrer Jaggi wohl recht hatte, Max?»

Mich beeindruckt die rüde Aussage Lehrer Jaggis. Sie veranlasste mich, noch einen daraufzusetzen, um seiner Weisheit nachträglich eine gewisse Gültigkeit zu verschaffen.

«Schau Max, die Strasse durch das Gäu ist links und rechts fast durchgehend verbaut und wir tragen Schutzmasken am Grind. Wenn das kein Indiz für die Richtigkeit seiner Aussage ist.»

Schweigen machte sich im Salon breit. Nur die Scheren klapperten. Ein sicheres Zeichen dafür, dass mitgehört wurde. Alle, die Kundschaft als auch das Personal, trugen Masken. Die Lehrtochter unterbrach die Ruhe. Ich könne zum Haareschneiden kommen und könne mich setzen, meinte sie freundlich. Und als die nette junge Frau überaus kompetent ans Werk ging und die Schere ansetzte, fragte sie:

«Sind Sie Bundesrat?»

Als ich verwundert den Kopf hob, korrigierte sie in Sekundenschnelle: «Ähh… Gemeinderat?»

Man möge mir verzeihen. Eine Sekunde Bundesratdasein reichte leider nicht, Einfluss auf die Coronamassnahmen zu nehmen. Als Gemeinderat hätte ich ohnehin nichts zu sagen.

Kuno Blaser ist pensionierter Lehrer und Ur-Oensinger.

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