Wer die Nivellmedical AG im Härkinger Industriegebiet ausfindig machen möchte, muss schon ein bisschen suchen. An der angegeben Adresse deutet von aussen nichts darauf hin, dass die Firma hier ihre Zelte aufgeschlagen hat. Irgendwo im Innern des Gewerbehauses dann ganz unscheinbar ein Zettel an einer Tür: Nivellmedical AG. Das Start-up, gegründet im März 2015, ist seit Dezember 2015 hier eingemietet. Und immer noch im Aufbau.

Was es herstellt? Nun, das klingt erst einmal seltsam: Durchsichtige Zahnschienen sind es. Anstelle von klassischen Zahnspangen werden damit Zahnstellungen korrigiert, sei es aus funktionalen oder rein ästhetischen Gründen. Milan Stojanovic und Jochen Meirowski, zwei der Gründer des Unternehmens, erklären das Schienensystem gleich selbst: «Der Zahnarzt nimmt von seinem Kunden einen Abdruck der Mundhöhle, etwa mit Silikon», sagt Stojanovic, der selbst Zahnarzt ist. Das Negativ schicke der Zahnarzt ein und Nivellmedical erstelle davon ein Gipsmodell.

«Das ist dann unsere Arbeitsbasis», fährt Meirowski fort. Er macht das Marketing im Team. Per 3-D-Drucker wird das Kiefermodell darauf in ein digitales 3D-Bild umgewandelt. Am Computer können nun einzelne Zähne gedreht und bewegt werden. «Am Bildschirm stellen wir die perfekte Bissstellung nach medizinischen Grundsätzen her», sagt Stojanovic. Mit diesen Grundsätzen ist Nivellmedical bestens vertraut, vier der sechs Mitarbeiter sind Zahnärzte oder Zahntechniker.

Die Zähne bewegen sich am Computer in mehreren Zwischenschritten von der Anfangs- zur gewünschten Endstellung des Gebisses. Jeder dieser Schritte bildet die Grundlage für ein Zahnstellungsmodell, das per 3-D-Druckverfahren produziert wird. Im sogenannten Tiefziehverfahren werden von jedem Schritt mit einem medizinischen Kunststoff Zahnschienen in drei verschiedenen Stärken erstellt. Dies geschieht heute noch manuell. Die Schienen werden von Hand aus der modellierten Kunststoffschablone herausgeschnitten. Danach werden die Kanten poliert und das Produkt verpackt.

Eine durchschnittliche Behandlung zur Gebisskorrektur beinhaltet acht bis zehn Schritte, sagt Stojanovic. Das wären also rund 30 Schienen. Jede Schiene wird eine Woche lang getragen, zwischen 17 bis 22 Stunden am Tag. Ein Schritt à drei Schienen unterschiedlicher Stärke dauert demnach drei Wochen. Dann folgt der nächste Schritt, der wiederum drei Wochen beansprucht. Jeweils nach drei Schritten sollte man zum Zahnarzt zur Fortschrittskontrolle, erklärt Stojanovic. Die Erfolgsquote sei sehr hoch, sagt er. Passe eine neue Schiene einmal nicht, trage man die vorhergehende einfach länger.

Ziel ist der weltweite Vertrieb

Die Kosten einer solchen Behandlung? «Ich erinnere mich an einen komplexen Fall mit zehn Schritten», erzählt Stojanovic. Das Schienensystem habe da 2400 Franken gekostet. Die Zahnarztkosten für eine Korrektur von Fehlstellungen betragen im üblichen Rahmen zwischen 6000 und 10 000 Franken. Sehr komplexe Zahnbewegungen können mitunter bis zu 15 Schritte nötig machen; die Kosten hängen vom Einzelfall ab.

Bisher hätten rund 600 Patienten in der Schweiz und Deutschland vom Schienensystem Gebrauch gemacht, sagt Stojanovic. Er erzählt, dass seit 1998 verschiedene Zahnspangensysteme auf dem Markt seien. «Aber wir Zahnärzte waren mit den bisher angebotenen Produkten und den Ergebnissen immer unzufrieden», sagt er aus eigener Erfahrung. Ihre Firma sei deshalb «aus dem Frust heraus» entstanden. «Wir haben die verschiedenen Vorteile der einzelnen Systeme aufgegriffen und in unseren Schienen umgesetzt», so Stojanovic. Vier Investoren hätten bisher rund eine Million in das Unternehmen investiert.

Die Ziele der Firma? «Wir peilen bis 2018 die Automatisierung an, momentan stellen wir alles noch in Handarbeit her», sagt Meirowski. Derzeit vertreiben sie ihr Produkt unter dem Namen Nivellipso in der Schweiz, Deutschland und Österreich, angestrebt sei aber der weltweite Verkauf.