«Es ist alles ein bisschen chaotisch im Moment», kommentiert Jolanda Deflorin lachend ihre momentane Lebenssituation. Ihr neuer Laden an der Oensinger Hauptstrasse vermittelt jedoch Gelassenheit und Ruhe: Der einladend milde Duft von Seifen erfüllt den kleinen Raum, welcher zur Hälfte mit zwei Schränken voller bunter und wohlriechender Naturseifen eingerichtet und im hinteren Teil mit einer Massage-Liege ausgestattet ist.

«Eigentlich war dieses Jahr Entschleunigung angesagt, aber so siehts im Moment nicht aus», sagt die 50-jährige Kauffrau, Masseurin, Fitnessinstruktorin, Triathletin und nun auch Seifenhändlerin. Mit der Energie einer 20-Jährigen koordiniert die ursprüngliche Zugerin ihre vielen Interessen seit einigen Jahren erfolgreich: Nach einer Weiterbildung zur Fitnessinstruktorin im Jahr 2012 sowie einer zweijährigen Ausbildung zur klassischen Masseurin vertreibt die Kauffrau nun seit 2017 auch Naturseifen aus Deutschland und Österreich. Bis vor kurzem geschah dies noch von ihrem Zuhause aus, seit dem 1. April jedoch steht sie im Laden. «Ich möchte vor allem meine gute Erfahrung mit Seifen und meine Begeisterung für sie weitergeben», sagt sie zu ihrem Beweggrund.

Seifen für 1000 Euro gekauft

Von dieser Begeisterung sei sie in der kalabrischen Stadt Tropea angesteckt worden. Nach dem Abschluss der Ausbildung zur Masseurin im Sommer 2017 habe sie sich endlich eine Auszeit gönnen wollen. Gemeinsam mit ihrem damaligen Freund ist die leidenschaftliche Triathletin darauf mit ihrem Velo 1753 Kilometer von Oensingen in die italienische Stadt geradelt. «Es war ein unglaubliches Gefühl nach zwei Wochen dort anzukommen», sagt Deflorin. «Wenn man sieht, wie weit man gefahren ist, verspürt man doch einen gewissen Stolz.»

Als Souvenir aus dem Süden habe sie ihrer Tochter Seifen aus einem lokalen Laden mitbringen wollen. «Der Verkäufer hat mich vollgequatscht, wie toll die Seifen seien», erzählt sie. Nach dem Testen der Seifen sei auch sie hellauf begeistert gewesen. «Ich habe mich gefragt, warum man heutzutage keine Seifen, dafür aber Duschgels braucht», sagt Deflorin. Anstatt mit nur einer Souvenirseife sei sie dann mit Ware im Wert von 1000 Euro zurückgekehrt. Diese hat sie ihren Massage-Kunden zu Hause verkauft. «Nach der Massage haben praktisch alle eine Seife gekauft», sagt sie.

Heute findet man in ihrem Laden von bio-zertifizierten Schafmilchseifen, palmölfreien veganen Seifen über Shampooseifen und Körperbutter sowie Heubäder und Seifenschalen aus Holz eine vielseitige Auswahl an Wellnessprodukten. Im Sortiment befinden sich jedoch kaum noch Produkte aus dem Laden in Tropea. «Mir war wichtig, dass ich dahinterstehe», erklärt sie. «In Italien arbeitete ich mit einem Zwischenhändler, und nun pflege ich direkten Kontakt zum Hersteller.»

An der Biofachmesse in Nürnberg habe sie ihre jetzigen Produzenten aus Deutschland und Österreich kennengelernt und war bereits zu Besuch bei ihnen. «Es sind alles kleine familiäre Betriebe», erzählt sie. Für die Bio-Seifen, die schweizweit in keinem Grosshandel vertrieben werden, würden sämtliche natürliche Zutaten direkt aus den jeweiligen Ländern geholt. Und dies findet bei ihrer Kundschaft grossen Anklang. «Die Umwelt ist heute einfach ein Thema. Im Gegensatz zu herkömmlichen Duschgels haben die Seifen keine Plastikverpackungen und beinhalten keine Mikroplastikteilchen», erklärt sich Deflorin das Interesse der Leute.

Produkte anfassen und riechen

Auch ohne Marketing hat sie seit 2017 ihren Kundenstamm erweitert. Neben Familie und Massage-Kunden bestellen nun auch Unternehmen für ihre Mitarbeiter Geschenk-Sets. «Ich verschicke meine Seifen bereits nach Bern an eine Firma», erzählt sie. «Im Moment ist es lediglich Mundpropaganda, und genau das motiviert mich, weiterzumachen.» An einen Onlineshop denke sie jedoch kaum. «Vielleicht bin ich etwas altmodisch, aber für mich muss nicht immer alles online sein», sagt sie. «Ich finde es schön, wenn man in einem Laden Produkte anfassen und riechen kann.» Ihren Laden öffnet sie ab 8. Mai jeweils mittwochnachmittags für ihre Kundschaft und arbeitet zurzeit an einem Bestellformular, mit dem die Kunden per E-Mail Seifen nach Hause bestellen können.

Bevor sie ab Anfang April mitsamt ihren Seifen und ihrer Massage-Einrichtung in den Laden zog, habe der Verkauf in ihrem Wohnzimmer stattgefunden. «Nach der Bestellung für den Laden war mein ganzes Wohnzimmer voller Kisten. Die Kunden haben mir die Seifen daraus abgekauft, sodass ich teilweise nachbestellen musste», sagt Deflorin lachend. Der Umzug sei selbst für die aktive Frau energieraubend gewesen. Von der Auswahl über die Organisation der Waren und deren Präsentation im Laden hat Deflorin alles selbst in die Hand genommen.

Das alles neben einem 90-Prozent-Pensum als Kauffrau in zwei unterschiedlichen Unternehmen und als eigenständige Masseurin. «Ich bin froh, wenn es dann bald durch ist. Ich habe im Mai mein Pensum auf 70 Prozent reduziert, damit wieder anderes Platz hat.»

Sport als Erholung

Mehr Zeit braucht sie vor allem für die Erweiterung ihres Massage-Angebots, die Vorbereitung auf den Aletsch-Halbmarathon und das Alpenbrevet sowie natürlich für ihr Umfeld, das in letzter Zeit etwas zu kurz gekommen ist. Eigentlich sei ja Entschleunigung angesagt gewesen, doch «mein Velo darf man mir nicht nehmen», sagt die 50-Jährige. «Sport ist für mich Erholung, und darum findet er immer irgendwie Platz.» Mit 41 Jahren habe sie mit Schweizer Triathlons begonnen und es einige Male auf das Podest geschafft. Aber Wettkämpfe wolle sie eigentlich keine mehr bestreiten und sich auf das Training für die anstehenden zwei Sportanlässe konzentrieren.

Es ist die Vielseitigkeit ihres Alltages, die Jolanda Deflorin die nötige Energie gibt: Kauffrau, Masseurin, Sportlerin und Seifenhändlerin. «Mir ist Sicherheit sehr wichtig», sagt sie. «Mein Geld verdiene ich mit meinem Job im Kaufmännischen und als Masseurin.» Mit ihrem Seifenladen habe sie keinen Erfolgsdruck. «Ich bin überzeugt von diesen Seifen und die Kunden teilen diese Begeisterung», ergänzt sie. «Ich muss nicht reich werden dabei. Im Moment ist es ein kleines Nebengeschäft. Wenn nichts daraus wird, habe ich genug Seifen bis an mein Lebensende», fügt sie humorvoll hinzu.