Oensingen

Augenschein am Tatort: «Es hätte Tote geben können»

Staatsanwalt Raphael Stüdi (Mitte) zeichnet beim Augenschein mit einem Seil die Flugbahn der abgefeuerten Kugeln nach.

Staatsanwalt Raphael Stüdi (Mitte) zeichnet beim Augenschein mit einem Seil die Flugbahn der abgefeuerten Kugeln nach.

Das Amtsgericht Thal-Gäu nahm einen Augenschein am Tatort bei einem Dancing in Oensingen. Dort kam es vor gut acht Jahren zu einer Schiesserei, bei der glücklicherweise niemand verletzt wurde. Ein Zeuge klagt aber auf Schadenersatz.

«Ich stand im Eingangsbereich des Dancings, als es dort zwischen zwei Männern zu einem Streit kam. Als ich danach wegen des Gerangels die Tür zum Treppenaufgang öffnete, knallte es plötzlich». So beschrieb der als Privatkläger auftretende 42-jährige Mann seine in der Nacht auf den 26. Dezember 2007 um 1.40 Uhr gemachten Wahrnehmungen.

Der gebrochen Deutsch sprechende Mann konnte sich am Montag beim Augenschein des Amtsgerichts Thal-Gäu nicht mehr daran erinnern, wie viele Schüsse der oben auf der Treppe stehende Mann auf die Eingangstüre des Dancings gefeuert hatte. Ihm sei auch nicht klar gewesen, warum auf ihn geschossen werde, zumal er den Schützen weder gekannt noch einen Streit mit ihm gehabt habe. Auch die zwei streitenden Männer habe er nicht näher gekannt.

Der Angeklagte fehlte

Der wegen mehrfacher vorsätzlicher Tötung angeklagte Schütze, ein gemäss Anklageschrift im Bezirk Thierstein wohnhafter Kosovare, konnte zur Sache nicht befragt werden. Der 32-Jährige liess kurz vor dem Augenschein über einen Bekannten ausrichten, dass er wegen eines Unfalls im Kosovo nicht an der Gerichtsverhandlung teilnehmen könne. Das unter Amtsgerichtspräsident Guido Walser und Amtsrichterin Yvonne Schnyder und Amtsrichter Mathias Heim tagende Gericht hatte keine andere Wahl, als die kurzfristige Absage des Angeklagten zähneknirschend zur Kenntnis zu nehmen. Der auf einen ganzen Tag angesetzte Prozess mit der Befragung von sechs Personen wurde damit hinfällig.

Weil der Kosovare bereits einmal bei einem Augenschein der Ermittlungsbehörden den Tathergang geschildert hatte, wurde der gerichtliche Augenschein dennoch durchgeführt. Staatsanwalt Raphael Stüdi nutzte die Gelegenheit, um der Gerichtsdelegation die Gefährlichkeit der vor rund acht Jahren abgegebenen Schüsse vor Augen zu führen. Anschaulich machte er das, indem er mittels eines Seils die Flugbahn der abgeschossenen Projektile nachzeichnete. Eine der Kugeln durchdrang damals gemäss Stüdi die Metalltür nahe der Unterkante. Eine zweite bohrte sich in den Türrahmen. Der Staatsanwalt hielt fest, dass der oben auf der Treppe stehende Schütze in Kauf genommen habe, eine der 3 bis 6 Meter von ihm entfernten Personen tödlich zu verletzen. «Es fehlte nicht viel und es hätte Tote gegeben», so Stüdi.

Kollege hilft bei Klage

Verletzt wurde bei dieser Schiesserei glücklichweise niemand. Der eingangs erwähnte Zeuge klagt dennoch auf Schadenersatz in Höhe von 80 000 Franken, obwohl er das bei der Befragung anfänglich kategorisch verneinte. Zum Beweis, dass er kein Kapital aus der Sache schlagen wolle, hielt er Amtsgerichtspräsident Guido Valser seine Unterschrift auf einem Ausweis unter die Nase. Dem Mann dämmerte es erst wieder, als ihm der Staatsanwalt das fragliche Schreiben mit seiner Schadenersatzforderung und anderer Unterschrift zeigte. Das habe ein Kollege für ihn gemacht, das habe er vergessen. Und wenn die Chance bestehe, dass er Geld bekommen könne, werde er dieses natürlich nehmen.

Auf Nachfrage des Anwalts des Angeklagten erklärte der Mann alsdann, dass er keinen Schaden davongetragen habe und ihn die Schiesserei von damals psychisch nicht belaste.

Einiges auf dem Kerbholz

Welches Strafmass er bei der Verhandlung im Gerichtssaal beantragt hätte, wollte Staatsanwalt Stüdi nicht verraten. Zu rechnen ist wohl mit einer eher hohen Strafe, denn der Beschuldigte hat offenbar einiges auf dem Kerbholz. Laut Anklageschrift hat er sich unter anderem auch für zahlreiche Gewerbs- und bandenmässige Diebstähle, Sachbeschädigungen, Hausfriedensbruch sowie wegen der Beschäftigung von Ausländerinnen ohne Aufenthaltsbewilligung in seinem Lokal im Bezirk Thierstein zu verantworten.

Wie lange es dauert, bis ein neuer Prozess angesetzt werden kann, ist derzeit noch offen, wie das Gericht ausführte. Zuerst einmal müsse der Beschuldigte vom Kosovo zurück in die Schweiz reisen. Das hängt davon ab, ob oder wie schwer der Angeklagte sich beim Unfall in seiner Heimat verletzt hat.

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