Pro Specie Rara
Auf dem Arche-Hof leben Tiere, die nur selten zu finden sind

Unsere bäuerlichen Vorfahren hatten noch Wollschweine oder Evolène-Kühe. Solche Tiere sind heute fast ausgestorben. Doch auf dem Hof von Esther Müller in Ramiswil leben solche Pro Specie Rara-Rassen. Ihr Hof wurde zum Arche-Hof ernannt.

Monika Kammermann
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Schweizerhuhn-Küken und Barthuhnküken im neuen Geflügelzentrum
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«Uf em Bode»-Archehof in Ramiswil züchtet Pro Specie Rara-Tiere
Philippe Ammann montiert die Tafel am Eingangstor zum Arche-Hof
Kartoffeln in verschiedenen Farben und Formen
Verschiedene Gemüse
Samenvielfalt
Evolène-Kuh
Evolène-Kühe
Engadiner Schafe

Schweizerhuhn-Küken und Barthuhnküken im neuen Geflügelzentrum

zvg/Pro Specie Rara

Fährt man ins hintere Guldental Richtung Scheltenpass, biegt man bei der «Glashütte» links ab und dann nach der Haarnadelkurve noch mal links über die Brücke, gelangt man zum Hof von Esther Müller. Seit 2009 wohnt und wirtschaftet sie auf dem Bodenhof. Seit September heisst er neu «Uf em Bode»-Archehof.

Fast wie in Noah's Arche, in der jeweils ein Paar jeder Tierrasse vor der Sintflut und damit vor dem Aussterben bewahrt werden sollten, kümmert sich auch Müller um Tierrassen, die heute nur noch selten anzutreffen sind. Kupferhalsziegen, Appenzeller Barthühner, Wollschweine, Walliser Landschafe und Evolèner Rinder zählen zum Viehbestand.

All diese Rassen gehören ins Programm der Stiftung Pro Specie Rara, welche sich dem Erhalt alter und seltener Tier- sowie Pflanzenarten verschrieben hat (s. auch Stichwortkasten).

Pro Specie Rara

1982 wurde in St.Gallen «Pro Specie Rara», zunächst als Verein, gegründet. Ziel ist, alte oder ausgestorben geglaubte Tierrassen und Pflanzen zu erhalten und zu schützen. Damit soll der Konzentration auf einige wenige Hochleistungsrassen und -pflanzen entgegengewirkt werden.

Gründer war Hans-Peter Grünenfelder, St.Galler Ethnozoograph. Heute setzt sich die Stiftung Pro Specie Rara für die Erhaltung von 1800 Obst- und 400 Beerensorten, 1100 Garten- und Ackerpflanzensorten, 200 Zierpflanzensorten und 26 Nutztierrassen ein. 3000 Aktive, Tierzüchter und Sortenerhalter, arbeiten ehrenamtlich mit, rund 9000 Personen unterstützen die Stiftung als Gönner. Im Jahr 2000 startete das Pro Specie Rara-Schaunetz mit mittlerweile 19 Arche-Höfen und Tierpärken, 20 Sortengärten, 24 Obstgärten, 5 Zierpflanzengärten, zwei Alpbetrieben und 16 Restaurants. Seit 2002 sind in den Coop-Läden Pro Specie Rara-Produkte zu finden. Die Stiftung finanziert sich zu rund je einem Drittel durch projektbezogene Bundesgelder, durch Sponsoren und Mäzene und durch Gönnergelder.

www.prospecierara.ch (frb)

Erster Schaubauernhof

Bei Esther Müller hat alles mit den Kupferhalsziegen angefangen. «Ein benachbarter Bauer verkaufte mir seine Ziegenherde», erzählt sie. Dadurch sei sie erstmals mit Pro Specie Rara in Kontakt gekommen und erfuhr, was es damit genau auf sich hat.

Mittlerweile betreibt sie den ersten Schaubauernhof in der Nordwestschweiz. Müller betont: «Wir sind kein Zoo, sondern ein Schauhof.» Wer sich den Hof und die Tiere näher anschauen will, kann sich gerne für einen geführten Rundgang anmelden. Wer danach Hunger verspürt, kann sich entweder im Stall in Gesellschaft der Tiere oder im Tipi-Zelt verköstigen.

Für die ausgebildete Frauenärztin sind die selten gewordenen Rassen Kulturgut, das bewahrt werden muss. «Diese Tiere sind sehr robust und erkranken deshalb weniger», erklärt Müller: «Und wenn doch, werden homöopathische Mittel eingesetzt.» Bei den Evolèner Rindern schätzt sie, dass diese wenig Trittschäden verursachen, die Kälber schnell wachsen und die Fleischausbeute ist hoch. Das Fleisch sei marmorierter und schmecke schlicht auch anders, als mancher das gewohnt sei.

«Wichtig für den Genpool»

«Pro Specie Rara ist eine tolle Stiftung. Solche alten Rassen sind wichtig für den Genpool, falls mal Probleme mit den anderen Rassen entstehen sollten», erklärt die Frauenärztin, die daneben noch eine eigene Praxis führt. Bei rund 950 Metern über Meer auf der Jurahöhe, steigt das Thermometer weniger schnell an und die Bise weht immer ein bisschen steifer. Esther Müller schätzt, dass ihre Tiere problemlos viel draussen sein können und sie mit ihnen nachhaltig wirtschaften kann.

Diese Rassen eignen sich gut für das etwas rauere Klima. «Zuerst lass ich die Kühe auf die Weide, dann die Schafe und zuletzt die Ziegen, so wird sie gut genutzt», erklärt Müller: «Dadurch müssen wir kein zusätzliches Futter für die Tiere kaufen.» Ihre einzige Verpflichtung gegenüber der Stiftung liegt in einem kleinen Betrag aus den Verkaufserträgen - wenn sie denn einen bestimmten Gesamtertrag aus den Verkäufen der Pro Specie Rara-Produkten erreicht. Zudem muss sie die Geburten melden.

Müller setzt sämtliche Tiere als Zweinutztiere ein. Von den Kühen nimmt sie ab und zu Milch, sie grasen die Weiden ab und liefern Fleisch. Die Schafe liefern Wolle und ebenfalls Fleisch, welches sie verkauft und auch für ihren Eigenbedarf verwendet. Gemüse, Obst, Eier und den Most stammen ebenfalls aus eigener Produktion. Auch im Garten kommen Pro Specie Rara-Samen zum Einsatz. «Wir kaufen lediglich Kartoffeln und etwas Getreide ein - und Thon, den esse ich einfach gern», gibt sie lachend zu.

Mit ihrem Lebenspartner Roland Zweifel hat Esther Müller jemanden gefunden, der ihren Lebenstraum teilt. «Ich bin mit Herzblut dabei, was viel Arbeit bedeutet. Aber es macht grossen Spass und ich habe Freude an den Tieren.»

Zweifel erweitert die Fauna-Vielfalt: Er besitzt mehrere Malamut-Hunde, mit denen man auf rasante Schlittenfahrt gehen kann. Und für das nächste Jahr ist geplant, die «Schwarze Biene» auf dem Hof anzusiedeln, damit diese fleissig Blumen und Bäume bestäuben und Honig produzieren können.